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Würzburg

14.07.2020

Tödlicher Leichtsinn: Polizeischüler (21) zu Bewährungsstrafe verurteilt

Der angeklagte Polizeischüler sitzt zu Prozessbeginn im Sitzungssaal im Amtsgericht.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Plus Zwei Polizeischüler hantieren mit Pistolen in einer Kaserne - bis sich eine Kugel löst. Ein tragischer Unfall? Nun hat das Gericht den Angeklagten verurteilt.

15 Monate Haft für den tödlichen Leichtsinn, der dem Kumpel und Mitschüler das Leben gekostet hatte: So lautet das Urteil im Prozess gegen einen 21-jährigen Polizeischüler am Dienstag in Würzburg.

Das Gericht um den Vorsitzenden Bernd Krieger setzte die Strafe zur Bewährung aus. Es blieb damit nach Angaben von Gerichtssprecher Jürgen Reiher unter dem Antrag des Oberstaatsanwalts, der 22 Monate nach Erwachsenen-Strafrecht gefordert hatte. Der Angeklagte habe "völlig unnütz und sinnlos" abgedrückt, so Thorsten Seebach in seinem Plädoyer.

Verteidiger Peter Auffermann plädierte "für eine Jugendstrafe in bewährungsfähiger Höhe", die seinem Mandanten "eine Chance für ein weiteres Leben" gebe. Der Anwalt der Nebenklage sagte, er könne "nicht feststellen, dass der Angeklagte zu seinen Verfehlungen steht".  Eine WhatsApp des Angeklagten an seinen Bruder am Tat-Abend - rund 40 Minuten nach dem Schuss - zeige dies: "Mein Leben ist zu Ende. Ich gehe jetzt für zehn Jahre in den Knast", heißt es darin. Der Anwalt sprach sich für eine Strafe in nicht mehr bewährungsfähiger Höhe aus, also für mindestens zwei Jahre.

Tödlicher Schuss auf Polizeischüler: Jugendgerichtshilfe sieht Reife-Defizite

Eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe hatte im Handeln des zur Tatzeit 19-jährigen Angeklagten Reife-Defizite gesehen. "Für ihn ist es die größte Strafe, dass er mit der Schuld leben muss", betonte sie in der Verhandlung. Ob das stimme, fragte der Vorsitzende den Angeklagten. Der rang sich nur ein Wort ab: "Richtig."

Am Endes des Verfahrens ergriff er, sichtlich mitgenommen, doch noch selbst das Wort: "Das alles tut mir sehr leid", versicherte er den Angehörigen. Und: "Ich werde mich meiner Verantwortung stellen."

Nach dem tödlichen Schuss in der Unterkunft der Würzburger Bereitschaftspolizei im Februar 2019 hatte der Polizeischüler den Ermittlern gegenüber so ausgesagt: Er und sein Stubenkamerad hätten vor Beginn ihres Wachdienstes das schnelle Ziehen der Waffe aus dem Holster geübt. Sein Mitschüler sei vorangegangen, habe die Pistole gezogen und "Deutschuss" gerufen. "Hierauf zog auch der etwa 1 bis 1,5 Meter hinter dem Geschädigten stehende Angeklagte seine Dienstwaffe und legte Richtung Fenster an", zitierte Oberstaatsanwalt Seebach im Prozess.

Gegen alle Dienstvorschriften habe der Angeklagte dann auch noch abgedrückt, obwohl sein Kollege im Streubereich der Waffe stand. Ein Schuss krachte, der damals 21-Jährige wurde in den Hinterkopf getroffen und starb kurz darauf.

Prozess in Würzburg: Tödlicher Fehler am Ende des Wachdienstes

Einem Ermittler zufolge war der grundlegende Fehler am Ende des vorangegangenen Wachdienstes passiert. Da habe der damals 19-jährige Angeklagte das Magazin seiner Dienstpistole mit 14 Schuss abgegeben, ohne die 15. Patrone aus dem Lauf zu nehmen. In der Unterkunft simulierten er und sein Stubenkamerad dann vor ihrem nächsten Dienst den Schusswaffeneinsatz.

Dabei hätten sie gewarnt sein müssen. Wenige Tage vorher hatte sich in der Kaserne schon einmal versehentlich ein Schuss aus einer Dienstpistole gelöst, dabei aber nur ein Fenster getroffen. Auch der Angeklagte und sein Kumpel waren danach zum Einhalten der Vorschriften beim Handhaben der Waffe ermahnt worden.

Das öffentliche Interesse am Prozess war - wie erwartet - groß. Doch die Verhandlung war in einem kleinen Sitzungssaal mit nur zehn Zuschauern angesetzt worden. "Ich hätte auch die Flyeralarm-Arena füllen  können", hört  man den Vorsitzenden sagen, "was soll man machen?" Die Wachtmeister ließen zuerst die Angehörigen in den Raum. Fast alle Medienvertreter und zwei Dutzend Zuschauer blieben ausgesperrt.

Großer Auflauf, kleiner Sitzungssaal bei Prozess um tödlichen Schuss auf Polizeischüler

Laut Pressesprecher Jürgen Reiher war der große Sitzungssaal anderweitig belegt gewesen - "und da haben wir wegen Corona auch nur fünf Plätze mehr". Er wies Spekulationen zurück, dass man absichtlich einen kleinen Saal gewählt habe. Das Gericht tage "wie immer" im zweitgrößten Saal.

Den Aushängen zufolge fand im großen Sitzungssaal am Dienstagvormittag ein Drogenprozess statt - ohne Publikum. Am Prozess gegen den Polizeischüler nahm schließlich der Gerichtssprecher selbst teil, um die Wartenden vor der Türe immer wieder über den Verlauf zu informieren.

Angeklagter räumt Vorwürfe in vollem Umfang ein

Zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte die Vorwürfe in vollem Umfang eingeräumt. In einer schriftlichen Stellungnahme, die sein Verteidiger vor Gericht vorlas, gestand er beim Entladen und der Kontrolle seiner Dienstwaffe nachlässig gehandelt zu haben. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass sich im Lauf der Dienstwaffe noch eine Kugel befand.

Schon mehrfach hätten er und sein Freund mit der Waffe posiert, gab der Angeklagte während der Verhandlung zu. Die weiteren Ermittlungen hätten nichts ergeben, was seiner Erklärung zum Ablauf widerspräche, sagte der Beamte des Landeskriminalamts. Damit schloss gegen Mittag die Beweisaufnahme, zwei Stunden später fiel das Urteil.

Vater des Opfers: "Er soll ein Leben lang an die Tat denken"

Die Eltern des Opfers zeigten sich hinterher unzufrieden mit dem Prozess. „Es ging mehr um seine Befindlichkeiten als um die Aufklärung der Tat“, sagte der Vater über den Angeklagten. „Er soll ein Leben lang an die Tat denken, so, wie wir es müssen.“ Zusätzlich zur Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung muss der Angeklagte 2400 Euro in Raten von 100 Euro an die Eltern des Verstorbenen zahlen.

Der Angeklagte verzichtete auf Rechtsmittel, die anderen Beteiligten gaben zunächst keine Erklärung ab. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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