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Ungewöhnliche WG
08.08.2019

Warum vier Schafe auf einem Hochhausdach in München leben

Die Holzhütte sieht aus, als stünde sie mitten in der Natur – dabei befindet sie sich auf dem Dach eines Hauses in München.
Foto: Jonas Voss

Die Stadt München setzt auf eine nachhaltige Stadtentwicklung. Wie das Konzept genau aussieht und welche Rolle die Tiere dabei spielen.

Daphne, Daria, Dion und Dimitri sind Mitbewohner in einer der ungewöhnlichsten Wohngemeinschaften der bayerischen Landeshauptstadt. Zum einen, weil sich ihre Behausung auf dem Dach des knapp 60 Meter hohen „Werk 3“ im sogenannten Werksviertel am Ostbahnhof befindet. Zum anderen, und das ist wohl entscheidend, weil die vier Schafe sind. Walliser Schwarznasenschafe, um genau zu sein: neugierig, lärm- und stresstolerant, winterfest, mit dicht-gelocktem Fell. Seit Herbst 2017 wohnen die Tiere auf dem Dach, im hinteren Teil einer Holzhütte in Alm-Optik. Umgeben von 2500 Quadratmetern sattgrünem Gras, ein paar Bäumchen, Entlüftungsanlagen und einer Baustelle wohnen vier erwachsene Schafe und vier Lämmer.

Direkt neben der Behausung der Walliser entsteht derzeit das „Werk 4“, ein mehr als 80 Meter hohes Gebäude. Früher war hier der Kartoffelturm der Pfanni-Werke, deren ehemaliges Fabrikgelände den Kern des Werksviertels ausmacht. Der Baulärm störe die Schafe nicht, sagt Nikolas Fricke. Er ist zuständig für Ökologie, Umweltbildung und Soziales im Werksviertel und der Besitzer und Züchter der Schwarznasen. „Wir wollen auf dieser Dachfläche insbesondere die ökologische und soziale Komponente der Nachhaltigkeit betonen“, erklärt Fricke.

Bis 2050 leben 70 Prozent der Menschen in der Stadt

Deswegen haben der promovierte Umweltpädagoge und das Team von „Urkern“, einer Dienstleistungsgesellschaft für nachhaltiges urbanes Leben, das Konzept der „Almschule“ entwickelt. Hier sollen Kinder nicht mit „Stift und Papier lernen, sondern mit Schaufel, Besen und anderen Werkzeugen“. Das zur Alm umfunktionierte Dach dient nicht nur als winzige Klimaanlage – je grüner eine Stadt ist, desto kühler ist sie auch –, sondern auch als Gemüsebeet und als Rückzugsraum für Kinder und Jugendliche aus schwierigsten Verhältnissen.

Professor Dieter Genske von der Hochschule Nordhausen in Thüringen forscht zur Komplexität nachhaltiger Stadtentwicklung. Nach Prognosen der Vereinten Nationen sind bis zum Jahr 2050 70 Prozent aller Menschen weltweit Stadtbewohner – auch in Deutschland setzt sich der Trend der Urbanisierung ungebrochen fort. Nachhaltige Stadtentwicklung müsse also ökologisch, sozial, ökonomisch, institutionell und kulturell erfolgen. „Das Projekt in München erfüllt all diese Punkte“, erklärt der Experte. Für ihn gibt es in Zukunft kein gutes urbanes Leben ohne Nachhaltigkeit. „Das Stadtklima verbessert sich durch weitflächige Dachbegrünungen, Photovoltaik-Anlagen arbeiten effektiver, wenn sie von unten gekühlt werden.“ Neben der Dachbegrünung gebe es noch die Möglichkeit der Fassadenbegrünung, allerdings sei diese deutlich kostenintensiver.

Auf dem Hausdach befindet sich ein kleines Biotop

Letztlich sei nachhaltige Stadtentwicklung eine kluge Investition für Städte: Je grüner und lebendiger, desto gesünder ist die Stadtbevölkerung. Und es kämen außerdem mehr Touristen. Der mikroklimatische Ausgleich sei außerdem unabdingbar in der Klimakrise.

„Begeistern sich die Kids für das Projekt, können sie danach bei uns als Mentoren mitarbeiten“, erläutert Fricke den Ansatz. Die Kinder müssen sich um die Schwarznasen kümmern, lernen gleichzeitig aber auch viel über die Zusammenhänge von Mensch, Natur und Tier. Deswegen befindet sich auf dem Dach auch ein kleines Biotop samt Libellen und frei laufenden Hühnern. So entsteht hier ein „komplett geschlossener Kreislauf“, wie Fricke es nennt. Der Mist der Tiere und die Erde aus den Hochbeeten werden zusammen kompostiert und dienen als Dünger für den Dachbewuchs, die Schafe halten die Bepflanzung in Schuss.

In München sind die Dachbewohner bisher einzigartig, Fricke ist auch weltweit nichts dergleichen bekannt. 100 Schulklassen befinden sich in der Warteschleife – weil die Schafe möglichst unbelastet leben sollen, ist der Besuch bei ihnen reglementiert. Das Projekt wird von einer Stiftung und Sponsoren finanziert, trägt sich laut Fricke aber inzwischen zu großen Teilen selbst.

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