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Sexualdelikte

12.12.2018

Vergewaltigungen: Können sich Frauen bei uns noch sicher fühlen?

Allein unterwegs bei Nacht und plötzlich ist da dieses mulmige Gefühl: Viele Frauen kennen das.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Plus Drei Vergewaltigungen mitten im Unterallgäu: Was solche Verbrechen mit dem Sicherheitsgefühl machen und was ein Polizeipsychologe sagt.

Die junge Frau ist 22. Sie wohnt im Unterallgäu. Sanfte Hügel, Natur, Ruhe, hohe Lebensqualität. Ein solches Maß an Kriminalität? Weit weg. Dachten alle.

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Babenhausen und Egg an der Günz, jene Orte, die nach den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Woche in den Schlagzeilen stehen, sind vom Wohnort der jungen Frau nicht weit entfernt. Deshalb hat sie ja nun so ein mulmiges Gefühl. „Ich fand es immer schlimm, so was zu hören. Aber dass das jetzt bei uns passiert, macht mir extrem Angst.“

Deshalb will sie ihren Namen nicht öffentlich lesen lesen. Deshalb räumt sie ein: „Im Moment fühle ich mich nicht mehr sicher, wenn ich allein im Dunkeln unterwegs bin.“ Und deshalb teilt auch ihre Freundin, 25, diese Sorge: „Wenn man auf dem Land nicht mehr sicher ist, wo dann?“

Unterallgäu: Täter flüchtet und schlägt zwei Tage später doppelt zu

Drei Vergewaltigungen innerhalb von drei Tagen. Nicht in Berlin, nicht in einer anderen Großstadt – nein, im Unterallgäu.

Montagabend vor einer Woche, Egg an der Günz, keine 1200 Einwohner. Der erste Übergriff. Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren geht, wird auf einem Feldweg zu Boden gedrängt und sexuell misshandelt. Der Täter flüchtet.

Zwei Tage später folgen zwei Angriffe an einem Badesee in Babenhausen. Eine Spaziergängerin, ebenfalls mit dem Hund unterwegs, wird von einem Fahrradfahrer bedrängt. Als sie mit ihrem Auto wegfahren will, zerrt der Mann sie in den Wagen und vergeht sich dort an ihr. Sie kann sich befreien, fährt nach Hause und verständigt die Polizei.

Drei Sexattacken im Unterallgäu: Mutmaßlicher Täter schweigt

Beinahe zeitgleich erreicht ein weiterer Notruf die Einsatzzentrale. Ein Mann berichtet, eine schwer verletzte Frau gefunden zu haben. Wie sich herausstellt, wurde sie in einer Umkleidekabine am Ufer desselben Weihers Opfer eines sexuellen Übergriffs. Sie wehrte sich mit einer Schere, die sie zufällig dabeihatte. Der zunächst unbekannte Täter und sie selbst wurden verletzt. Als ein unbeteiligter Mann auf die Situation aufmerksam wurde, rannte der Täter davon.

Schon bald danach nimmt die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Die Polizei sagt, es sei wahrscheinlich, dass er sich an allen drei Frauen vergangen hat. Der 25-jährige Flüchtling aus Eritrea habe eingeräumt, vor Ort gewesen zu sein. Zu den konkreten Vorwürfen jedoch schweigt er.

Die Ermittler sprechen bei den Taten von Vergewaltigungen im juristischen Sinn. „Zur Erfüllung dieses Tatbestands muss nicht zwingend der Beischlaf vollzogen werden“, erklärt Christian Eckel, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West.

Sexualdelikte lösen viel Verunsicherung in der Bevölkerung aus

Fakt ist: In den vergangenen Monaten haben einige Sexualdelikte auf offener Straße viel Verunsicherung in der Bevölkerung ausgelöst. Die mutmaßliche Vergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg beispielsweise. Neun Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft, acht Syrer und ein Deutscher. Oder die Tat an einer 16-Jährigen in Neusäß bei Augsburg. Hier ist der unbekannte Vergewaltiger noch auf der Flucht.

Fakt ist auch: 2017 gab es schwabenweit 21 „überfallartige Vergewaltigungen“, wie es in der Polizeistatistik heißt. Das ist ein Fall weniger als im Vorjahr. War damals noch ein „Zuwanderer“ unter den Tatverdächtigen, wie die Polizei diese Gruppe in Abgrenzung zu anderen Ausländern und Deutschen bezeichnet, waren es ein Jahr später acht. Zahlen aus dem laufenden Jahr für den Regierungsbezirk können die Ermittler noch nicht vorlegen.

Hinweis: Ende 2016 trat eine Änderung des Strafrechts in Kraft, die sich auf die Statistik 2017 auswirkte. So fließen nun Handlungen in die Sexualstraftaten ein, die zuvor in einem anderen Bereich erfasst wurden. Auch ist bei Vergewaltigung nicht mehr der Gewaltbegriff ausschlaggebend, es reicht die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung („Nein heißt Nein“). Zu den Sexualdelikten zählen auch exhibitionistische Handlungen oder die Verbreitung pornografischer Schriften. In die Statistik der Sexualdelikte fließen sowohl die vollendeten Taten als auch die Versuche ein.

Die Statistik ist das eine. Was solche Taten mit den Empfindungen in der Bevölkerung machen, taucht darin nicht auf. Wie auch?

Im Unterallgäu sind einige Frauen bereit, mit unserer Redaktion über ihr Sicherheitsgefühl nach den Verbrechen zu reden – wenn auch anonym. In Babenhausen sagt eine 25-Jährige: „Das mulmige Gefühl der Unsicherheit kenne ich eher aus der Stadt. Dass nun so ein furchtbares Ereignis im eigenen Wohnort, dem scheinbar sicheren kleinen Örtchen, geschehen ist, nimmt mir das wertvolle Gefühl der Sicherheit.“ Sie sagt aber auch, sie wolle sich nicht in ihrer Freiheit einschränken lassen. Und auch nicht Vorurteile aufbauen: „Gewiss werde ich nicht um jeden dunkelhäutigen Mann oder südländischen Typ, der mir begegnet, einen Bogen machen.“

Bild: Ralf Hirschberger, dpa

Oder: eine 59-Jährige, die jeden Morgen mit dem Fahrrad nach Babenhausen zur Arbeit fährt. Auch sie will sich ihre Gewohnheiten nicht nehmen lassen, aber wachsam sein. „Ich habe mir schon überlegt: Wie würde ich reagieren?“ Im Bekanntenkreis hätten Frauen erzählt, dass sie künftig Fahrgemeinschaften bilden werden, statt abends allein draußen unterwegs zu sein. Für ihre erwachsene Tochter wünscht sie sich, dass diese an einem Selbstverteidigungskurs teilnimmt.

Und eine andere Frau glaubt: „Im Moment sind die Fälle so aktuell und in den Köpfen drin. Eine gewisse Zeit lang sind die Leute jetzt vielleicht vorsichtiger. Aber das wird auch wieder abflachen.“

Marion Zech weiß, was die drei Opfer aus dem Unterallgäu gerade durchmachen. Nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil sie hunderte solcher Frauen schon vor Gericht vertreten hat. Seit fast 26 Jahren ist die Augsburgerin Opferanwältin. Vergewaltigung, sexuelle Nötigung – nüchterner Alltag für die drahtige Frau. Zum Erfahrungsschatz der 53-Jährigen gehört auch: Manche ihrer Mandantinnen werden von den eigenen Schrecken eingeholt, wenn über eine neue Vergewaltigung berichtet wird. „Gerade Frauen, bei denen die Tat länger zurückliegt, sagen mir dann: ,Wenn ich so etwas lese, ist alles wieder präsent.‘“ In neueren Fällen seien die Opfer oft noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die Schlagzeilen richtig wahrzunehmen. „Sie lesen oft überhaupt keine Nachrichten mehr oder können sich keine Krimis im Fernsehen ansehen.“

Bild: Ulrich Wagner

Die meisten Akten, die in Zechs Büro und zu Hause im Arbeitszimmer liegen, handeln von Fällen, in denen sich Opfer und Täter kannten. Überfallartige Vergewaltigungen durch fremde Personen wiederum sind relativ selten, das zeigt die Statistik. Vielleicht auch dank dieses Wissens schafft es ein Großteil ihrer Mandantinnen, irgendwann wieder ohne den angstvollen Blick über die Schulter spazieren zu gehen.

In Augsburg stieg die Zahl der sexuellen Übergriffe zuletzt an

Ein Gerichtsprozess sei ein ganz wichtiger Schritt zurück in den Alltag. „Gerechtigkeit hilft“, sagt Zech. Ein Urteil rücke das Gefälle zwischen dem mächtigen Täter und dem ohnmächtigen Opfer wieder zurecht. Drei Sätze hat Zech schon tausendmal zu Frauen gesagt: „Wenn Ihnen so was passiert, erstatten Sie Anzeige. Sonst schützen Sie den Täter. Sonst geraten andere Frauen in Gefahr.“

Schaut man auf die Zahlen der Polizei, so ist in Augsburg – obwohl Großstadt – die Gefahr, Opfer einer Vergewaltigung zu werden, nicht wesentlich höher als in anderen Teilen der Region. Zuletzt beobachtete man bei der Polizei jedoch eine Häufung von sexuellen Übergriffen auf Frauen im öffentlichen Raum. Seit Oktober wurden in der Innenstadt in vier Fällen Frauen von einem Mann bedrängt und festgehalten. Dass es in allen nicht zu einer Vergewaltigung kam, ist nach Einschätzung der Polizei nur den Umständen zu verdanken.

Mehrere Übergriffe in Augsburg: Polizei steht vor der Aufklärung

Wie im Fall einer Attacke Mitte November in der Nähe des Eisstadions. Eine 22-jährige Frau ist nachts gegen 4.40 Uhr auf dem Weg nach Hause, als sie plötzlich von einem Täter gepackt und in einen Hinterhof gezogen wird. Nur weil sie sich heftig wehrt, lässt der Mann wieder von ihr ab und flüchtet. In einem anderen Fall wird eine Frau von einem Täter frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit bedrängt und festgehalten. Hier passiert nicht mehr, weil zufällig ein Passant vorbeikommt und der Täter deshalb die Flucht ergreift. Die Häufung dieser Taten sorgt für Verunsicherung.

Nach Informationen unserer Redaktion geht man nun aber bei der Augsburger Polizei davon aus, dass mehrere Übergriffe aufgeklärt sind. Im Verdacht steht ein 29-jähriger Mann aus Gambia. Er hat Mitte November an einer Straßenbahnhaltestelle beim Klinikum eine Frau überfallen und versucht, ihr das Handy zu rauben. Kurz darauf wurde er festgenommen. Der Mann wohnte in einer erst kürzlich eröffneten Augsburger Außenstelle des Donauwörther Ankerzentrums. Mindestens vier sexuellen Übergriffe schreiben ihm die Ermittler aktuell zu. Darf man sich jetzt wieder sicher fühlen als Frau?

Adolf Gallwitz, 67, ist Polizeipsychologe. Er sagt: „Frauen haben zu Recht das Gefühl, weniger sicher zu sein.“ Gallwitz war Fallanalytiker an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen und Gutachter für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Seine Annahme macht er vor allem an zwei Punkten fest.

Erstens: „Wir erleben eine Sexualisierung der Gesellschaft. Sex ist präsent in der Freizeit, in der Werbung, in Filmen, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das verändert das Kopfkino, verändert die Vorstellungen vor allem von Männern – auch im Privaten.“

Bild: Ina Fassbender, dpa (Symbol)

Dieser Wandel führt in den Augen des Psychologen direkt zu Punkt zwei: Gerade Zuwanderer hätten Probleme mit der Offenherzigkeit unserer Gesellschaft. Ihnen fehle die Erfahrung bei der Interpretation der Körpersprache einer europäischen Frau. „Manche verstehen die Signale falsch“, sagt Gallwitz. „Sie denken nach dem Motto: ,Wer fast alles zeigt, ist in meinem Land meist eine leicht verfügbare Frau, eine Prostituierte – und dann muss das hier doch auch so sein.‘“

Und dann sei da noch etwas, was ganz generell die Ängste der Menschen potenziere: die Befürchtung eines sozialen Abstiegs, den rechte Parteien geschickt nutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Wer um die materielle Sicherheit der Familie, den Beruf oder die Rente, kurz: um den eigenen Wohlstand fürchte, werde empfänglich für Sorgen, Ängste und Nöte aller Art – und steigere sich auch in seine diffuse Angst vor Kriminalität hinein. Gallwitz sagt, er könne dutzende Studien nennen, die das belegen.

Opferanwältin kennt die Geschichten missbrauchter Frauen

Marion Zech, die Augsburger Opferanwältin, hört seit fast drei Jahrzehnten nahezu jeden Tag die Geschichten missbrauchter Frauen. Trotzdem, sagt sie, hat sie sich selbst noch nicht eine Minute unsicher gefühlt. Das könne sie sich in ihrem Job auch nicht leisten. „Ein Anwalt, der mitleidet und Ängste bestätigt, nützt einer Frau überhaupt nichts. Ich darf ein Opfer nicht runterziehen“, sagt sie. „Ich muss es wieder aufrichten.“

Zech erinnert sich an einen Fall vor vielen Jahren. Ein Mädchen war beim Joggen missbraucht und ermordet worden. Die Tat geschah gegen 18 Uhr, gerade als es dunkel wurde. „Auch meine Zeit zum Joggen“, erzählt Zech. Die Mutter des Mädchens wollte ihr das Versprechen abnehmen, nie wieder allein im Dunkeln laufen zu gehen.

Doch sie tut es bis heute.

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