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Wintersport

17.01.2020

Viele Skigebiete sind heillos überfüllt - alle wollen in den Schnee

Viel los: Wer zum Skifahren in die Berge fährt, muss mitunter lange anstehen, wie hier in der Nähe von Schladming.
Bild: Erwin Menhofer

Plus Immer mehr Menschen zieht es im Winter in die Alpen. Wo besonders viel los ist und welche Folgen die Massen für die Natur haben.

Manchmal driften Wunsch und Wirklichkeit unglaublich weit auseinander. Da träumt man davon, friedlich durch puderzuckerfeinen Pulverschnee zu pflügen, umgeben von nichts und niemandem außer den gewaltigen Berggipfeln – und dann das: Menschenmassen. Auf dem Parkplatz. In der Gondel. Auf der Piste. In der Hütte. Überall. Und dieser Andrang hat massive Auswirkungen – auf die Dörfer in den Skigebieten, die Laune der Touristen und die Natur.

Wie sehr sich der Wintertourismus verändert hat, das verraten die Zahlen: In Bayern sind die Gästeankünfte in der Wintersaison innerhalb von nur zehn Jahren stark angestiegen. In der Saison 2008/2009 waren es knapp über zehn Millionen. 2018/2019 fast 16 Millionen – das ist ein Plus von 56 Prozent.

Skifahrer sagt: "Die Gefährdung des Gastes wird einfach hingenommen"

Erwin Menhofer hat das am eigenen Leib erfahren. Der Zahnarzt aus Augsburg ist begeisterter Skifahrer und ist in den Weihnachtsferien immer in den Bergen. „Dieses Mal war es so schlimm wie noch nie, die Leute haben in den Feldern geparkt, weil sonst alles voll war“, erzählt Menhofer, der jedes Jahr im österreichischen Schladming Urlaub macht. Dass dort am Berg auf einmal so viel los ist, dafür macht er auch die Liftbetreiber verantwortlich. „Es wurde eine neue Bahn gebaut. 1800 Menschen können pro Stunde auf den Berg gebracht werden“, sagt Menhofer und fügt hinzu: „Da ist Geldgier im Spiel. Da werden so viele Menschen raufgekarrt wie möglich.“ Der Skifahrer hat sich aber nicht nur über lange Warteschlangen an den Liften geärgert. „Wir haben uns auch unsicher gefühlt“, sagt Menhofer. Er habe von extrem vielen Unfällen und Hubschraubereinsätzen gehört. „Die Gefährdung des Gastes wird einfach hingenommen. Und das geht nicht.“

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Auch Reit im Winkel kämpft mit den Massen an Gästen

Auch im Skigebiet Steinplatte in der Nähe des oberbayerischen Reit im Winkel kennt man das Problem mit zu vielen Gästen. „Speziell an Schönwettertagen in den Ferien und am Wochenende stoßen wir als mittelgroßes Skigebiet an unsere Kapazitätsgrenzen“, erzählt Andreas Brandtner, Geschäftsführer der Steinplatte Aufschließungsgesellschaft. Noch stärker dann, wenn in den umliegenden Skigebieten wenig Schnee liegt und ein Skivergnügen nur eingeschränkt oder gar unmöglich macht. So wie in dieser Saison. Dann nämlich machen sich noch mehr Besucher auf den Weg zur Steinplatte.

Das führe unter anderem dazu, dass sich an diesen Tagen auf den Zufahrtsstraßen lange Rückstaus bilden. Nicht nur Tagestouristen, sondern auch Urlauber aus den benachbarten Orten sind dann betroffen – selbst der Skibus, der eigentlich als schneller Shuttle zwischen Unterkunft und Liftanlage dienen soll, kommt nur im Schritttempo voran. Um Abhilfe zu schaffen, würde man in solchen Fällen die Polizei um Hilfe bitten, um die Gäste an den entsprechenden Stellen rechtzeitig über die Lage zu informieren. Auch Radiosender werden gebeten, Durchsagen zu machen. Die Idee, den Shuttle-Bus-Betrieb zu intensivieren und so den Zufahrtsverkehr zu reduzieren, sei derzeit nicht umsetzbar, sagt Brandtner. „Da alle Fahrer für den Skibusverkehr und den Shuttlebus zum Ausweichparkplatz eingeteilt sind und auch die Ruhezeiten und die Zeiten im Fahrplan eingehalten werden müssen, fällt diese Option weg.“

Auf dem Weg nach Oberstdorf bilden sich lange Staus

Auch im Allgäu kennt man derlei Probleme: Im Oberallgäu ist es oft auf der B19 ab Sonthofen voll, wenn Wintersportler auf dem Weg in die Berge sind. Sie fahren zum Beispiel nach Oberstdorf, wo 2017 über 2,6 Millionen Übernachtungen gezählt wurden – 300.000 mehr als noch 2010. Oberstdorf ist nach Angaben der Allgäu GmbH der Ort im Allgäu mit den meisten Übernachtungen. Besonders gut besucht sind auch Balderschwang und Oberjoch.

Seit Jahrzehnten erforscht der Kulturgeograf Werner Bätzing von der Universität Erlangen-Nürnberg die Alpen. In Bayern sei besonders die Region um den Königssee hochfrequentiert, sagt er. Allerdings sei es noch nicht so schlimm wie etwa im österreichischen Ischgl oder in Sölden. „Die werden überrannt“, sagt Bätzing. Die Menschmassen brächten Probleme für die Orte mit sich, erklärt der Wissenschaftler: Viel Verkehr, Lärm und steigende Bau- und Grundstückspreise.

Zwar konzentriert sich der Alpen-Tourismus auf wenige Flächen – Skipisten etwa machen Bätzing zufolge gerade einmal drei Prozent der Gesamtfläche des Alpenraumes aus –, doch diese Regionen seien extrem stark ökologisch verändert. Er fordert deshalb, dass die touristische Infrastruktur nicht weiter ausgebaut wird und dass es keine Zusammenschlüsse von Skigebieten mehr gibt. „Wir brauchen einen dezentralen Tourismus“, sagt er. Es sei kontraproduktiv, wenn sich Menschenmengen auf einzelne Großregionen konzentrierten. Der Tagestourismus müsse zudem stärker gelenkt werden. „Die Leute müssen auf andere Ziele hingewiesen werden, damit sie nicht nur in die Brennpunktregionen fahren.“

Skifahrer und Schneetourengeher: Was macht das mit der Natur?

Verkraftet das Ökosystem der Alpen eigentlich so einen Andrang? Nicht die Skifahrer seien das größte Problem, sagt Michael Schödl, Alpenreferent des Landesbunds für Vogelschutz. Denn die blieben meist auf den Pisten. Schneetourengeher indes würden oft in die Lebensräume von wilden Tieren vordringen. „Die Tiere werden aufgescheucht. Eigentlich wollen sie sich aber im Winter möglichst wenig bewegen, um Energie zu sparen.“ Der Naturexperte plädiert dafür, keine kleineren Gebiete mehr auszubauen. „Wenn man jedes kleine Skigebiet zu einem beschneiten aufrüstet, dann haben wir noch mehr Flächenverbrauch für den Tourismus.“

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