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Pfronten

20.01.2020

Vier Tote am Bahnübergang und noch immer keine Schranke

An diesem Bahnübergang in Pfronten sind in den vergangenen 20 Jahren vier Menschen tödlich verunglückt.
Bild: Benedikt Siegert

Plus Vor einem Jahr starb ein Autofahrer an einem unbeschrankten Bahnübergang in Pfronten. Der vierte Todesfall in 20 Jahren. Warum reagiert die Bahn nicht?

Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an die schreckliche Nacht im Januar vor genau einem Jahr. Darunter stehen ein orangefarbenes Grablicht und ein weißer Engel mit der Aufschrift „Ich denke an Dich.“

Sie zeugen von jenem bitterkalten Abend in Pfronten im Ostallgäu, als sich ein hochrangiger Mitarbeiter des Maschinenbaukonzerns DMG Mori auf den Weg in sein nahe gelegenes Hotelzimmer macht. Nur wenige Meter entfernt vom Werkstor, es ist 18.30 Uhr, übersieht der 47-Jährige einen nahenden Zug. Dieser erfasst seinen schwarzen 5er-BMW frontal. Der Mann ist sofort tot. Es ist der vierte tödliche Unfall an dem unbeschrankten Bahnübergang innerhalb von nur 20 Jahren.

In den Wochen und Monaten danach tobt in der 8000-Einwohner-Gemeinde am Alpenrand eine hitzige Diskussion. Die einen sind erzürnt, wie viele Tote es denn noch brauche, bis endlich eine Schranke den gefährlichen Übergang in der Badstraße sichert. Die anderen sagen, die Stelle sei doch gut einsehbar, man müsse sich nur an die Verkehrsregeln halten und langsam fahren. Lange Zeit gibt es in Pfronten und darüber hinaus kaum ein anderes öffentliches Thema.

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Wie ist die Lage heute, ein Jahr nach der neuerlichen Tragödie? Glaubt man Manfred Wünsch, hat sich nicht viel getan. „Es wurde ein neues Schild aufgestellt, das das Tempo jetzt auf 10 km/h beschränkt. Und ab und zu führt die Polizei Radarkontrollen durch“, erzählt er. Der 78-Jährige wohnt nur wenige Meter entfernt von der Unfallstelle. Wünsch gehört zu denjenigen, die seit Jahren eine Beschrankung des Bahnübergangs fordern. „Je schneller, umso besser“, sagt er.

Bayerns Bahn-Chef hat Sicherheitsmaßnahmen versprochen

Dass Bayerns Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel eine Umsetzung des Projekts bis spätestens 2024 zugesagt hat, geht ihm nicht rasch genug. „Man sollte, falls noch ein Unfall passiert, all jene zur Rechenschaft ziehen, die sich jetzt hinter Paragrafen oder Vorschriften verstecken“, sagt Wünsch. Dabei schwingen auch Erinnerungen mit an einen Verwandten seiner Frau, der vor vielen Jahren an der gleichen Stelle den Tod fand. „Uns reicht es.“

Lesen Sie dazu auch: So verhalten Sie sich am Bahnübergang richtig

„Uns reicht es“: Anwohner Manfred Wünsch fordert, dass der Bahnübergang nicht erst 2024 mit Schranken versehen wird.
Bild: Benedikt Siegert

Zwar hat Wünsch festgestellt, dass sich mancher Autofahrer an der kritischen Stelle inzwischen etwas vorsichtiger verhält als vor dem Unglück. „Wenn die Polizei kontrolliert, spricht sich das ja schnell herum“, sagt er. Jedoch gebe es auch immer noch die, die sich vom 10er-Schild nicht beeindrucken ließen und auf der geraden Strecke aufs Gas drücken. Der zuständige Polizei-Chef Edmund Martin berichtet, bei den angesprochenen Kontrollen sei es meist so gewesen, dass sich nur die wenigsten Autofahrer an das Tempolimit hielten. „Die meisten fahren 30 oder 40 km/h, sind also deutlich zu schnell“, sagt er.

Ob das auch am 21. Januar 2019 so war, als der Manager des weltweit tätigen Konzerns in seinen Firmenwagen stieg, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass er auf dem Weg zu seinem Hotel auf 1130 Metern Höhe war. Der Mann rumänischer Herkunft war Chef der chinesischen Niederlassung von DMG Mori und wegen der Hausmesse der Tochterfirma Deckel Maho in Pfronten zu Gast. Bei einer solchen Schau präsentiert der Maschinenbau-Konzern der Fachwelt jedes Jahr seine neuesten Produkte.

Manfred Wünsch erinnert sich noch sehr genau an den Unglückstag. Nun steht der Rentner an derselben Stelle, von der aus er damals die Tragödie beobachtete. „Der Schnee lag damals fast einen Meter hoch“, erinnert er sich und deutet in Richtung Bahnübergang. Der Pfrontener ist davon überzeugt, dass dies beim Unfall eine Rolle gespielt haben muss. Denn nur dreieinhalb Wochen später prallte dort bei ähnlichen winterlichen Verhältnissen wieder ein Autofahrer in einen Zug. Der 48-Jährige aus Hopferau hatte mehr Glück, er kam mit dem Schrecken und leichten Blessuren davon. Sein Kleinwagen dagegen war schrottreif. Auch deshalb bleibt Wünsch bei seiner fast schon wütenden Forderung: „Man hätte schon viel früher handeln müssen.“

Am Aichacher Bahnhof wird schon modernisiert

Vier Jahre kann es also noch dauern, bis die Schranken endlich kommen. Das hört sich nach einer ziemlich langen Zeit an. Zumal es Beispiele gibt, bei denen die Bahn nach Unglücken schneller handelt. So wird am Bahnhof in Aichach derzeit das alte mechanische Stellwerk umgerüstet und mit moderner Sicherheitstechnik ausgestattet – eineinhalb Jahre, nachdem ein Fahrdienstleiter irrtümlich einem Passagierzug die Einfahrt auf einem Gleis gewährt hatte, auf dem bereits ein Güterzug stand. Bei dem Zusammenstoß starben ein 37-jähriger Lokführer und eine 73-jährige Passagierin. Derzeit ruhen die Arbeiten allerdings jahreszeitbedingt.

Bereits wenige Wochen nach dem Aichacher Unglück hatte die Deutsche Bahn angekündigt, bis zum Jahr 2024 bundesweit 600 Stellwerke modernisieren zu wollen. Kostenpunkt: etwa 90 Millionen Euro.

Warum in Pfronten bisher noch nichts unternommen wurde, erklärt ein Münchner Bahn-Sprecher so: Im Gemeindegebiet gebe es 14 Bahnübergänge. Das sei bayernweit eine große Ausnahme. „Wir wollen hier schon seit Jahren eine Lösung finden“, sagt der Sprecher.

Die Verhandlungen mit der Gemeinde seien eine Zeit lang ins Stocken geraten. Jetzt habe man sich aber grundsätzlich darauf geeinigt, drei der Bahnübergänge ganz dichtzumachen. Auflassen heißt das im Eisenbahner-Deutsch. Außerdem soll eben jener Übergang in der Badstraße mit einer Schranke und einer Ampel versehen werden.

„Die Bahn strebt eine Paket-Lösung für Gesamt-Pfronten an und nicht für einzelne Kreuzungspunkte“, unterstreicht der Unternehmenssprecher. Die Unterschrift unter ein entsprechendes Vertragswerk zwischen Bahn und der Gemeinde steht allerdings noch aus. Problem dabei ist: Die Pläne sehen Parallelwege entlang der Schiene vor, die über fremde Grundstücke laufen. So sollen die alten Schienenquerungen mit den künftigen verbunden werden.

Im Gemeinderat steht eine entscheidende Sitzung an

Diese zwei Holzkreuze sind längst morsch. Aber auch sie erinnern an Menschen, die an dem Bahnübergang ihr Leben verloren haben.
Bild: Benedikt Siegert

Dafür nötig ist jedoch eine Einigung der Gemeinde mit den Eigentümern der betreffenden Grundstücke. Und die fehlt noch. „Betroffen davon sind im gesamten Gemeindegebiet rund 20 Landwirte“, sagt Pfrontens Bürgermeisterin Michaela Waldmann (CSU). Sie will noch in diesem Monat den Gemeinderat über den entsprechenden Vertragsentwurf abstimmen lassen.

Erst danach können die Pläne zur Genehmigung dem Eisenbahn-Bundesamt vorgelegt werden, das alles noch absegnen muss. Wie lange das alles dauert, will die Bahn nicht prognostizieren. Im Normalfall seien es mehrere Monate, es könne jedoch sein, dass durch Klagen alles verzögert wird, sagt der Sprecher.

Die Pfrontener Bürgermeisterin geht dennoch fest davon aus, dass der Bahnübergang in der Badstraße noch vor dem zugesicherten Termin 2024 eine Schranke bekommt. „Ich hoffe und vertraue darauf“, sagt die Rathaus-Chefin. Ihre Stimme wird nun beträchtlich lauter. Als wolle Waldmann mit ihrem Tonfall keinerlei Zweifel aufkommen lassen, dass sich was tut.

Sie habe ja großes Verständnis für Bürger, denen das alles nicht schnell genug geht, sagt Waldmann. Es würde jedoch nichts bringen, in eine Rumpelstilzchen-Rolle der Bahn gegenüber zu verfallen. „Ich glaube, dass man dort ernsthaft bemüht ist und zu den gemachten Zusagen steht“, sagt Waldmann. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass es auch Gemeindeaufgabe sei, zu verhindern, dass so etwas wie am 21. Januar 2019 wieder passiert.

Als weitere Sofortmaßnahme sollen demnächst drei Schilder mit der Aufschrift „Gefährlicher Bahnübergang“ aufgestellt werden. Von einer Aufrauung der Straße oder Blinklichtern sei man aus verschiedenen Gründen wieder abgekommen. Ersteres verursache Probleme beim Winterdienst, und spezielle Warnleuchten seien in der deutschen Straßenverkehrsordnung nicht zulässig. Dabei handelt es sich um kleine LED-Lichter, die an einem Schild angebracht sind. Sie leuchten unabhängig davon, ob gerade ein Zug vorbeifährt oder nicht. Aber in Deutschland ginge das eben nicht.

„Das zu erfahren, war schon resignierend“, erzählt Waldmann, und ihre Stimme klingt schon wieder deutlich nachdenklicher. Denn nur wenige hundert Meter weiter, sagt sie, auf der österreichischen Seite, seien diese Blinklichter erlaubt. Michaela Waldmann hält sie für ein probates Mittel und hätte sie auch gerne in Pfronten installiert. „In dieser Hinsicht ist die Bahn aber sehr restriktiv und will nur rechtlich konforme Warnhinweise“, sagt Waldmann. Und so wird es in der Badstraße vorerst bei Schildern bleiben, die ein weiteres Unglück verhindern sollen.

Ein Anwohner nennt das alles „Russisches Roulette“

Bei der Firma des vor einem Jahr verunglückten Managers bittet man die Mitarbeiter inzwischen, auf anderen Wegen zum Werksgelände zu kommen. „Intern halten wir unsere Mitarbeiter an, den Bahnübergang zu meiden“, sagt Geschäftsführer Alfred Geißler. Gerade jetzt, wo bald wieder die Hausmesse in der Firma stattfindet, mit Gästen aus aller Welt, kämen wieder die Erinnerungen an den Unfall hoch. In der Firma seien die Kollegen immer noch tief betroffen vom tragischen Unfall. „Wir machen uns seit vielen Jahren für den Bau einer Schranke am Bahnübergang der Badstraße stark“, sagt Geißler. Das Unternehmen hatte sogar zugesagt, einen beträchtlichen Teil der Kosten zu übernehmen. Schriftlich sei das gegenüber Bahn und Gemeinde nochmals bekräftigt worden. Jetzt vor der Messe würden zusätzliche Warnhinweise auf dem Firmengelände angebracht.

Manfred Wünsch nennt das alles längst „Russisches Roulette“, was sich wenige Meter von seiner Haustür entfernt abspielt. Ab und an denkt er daran, wenn er wieder das Pfeifsignal eines Zuges hört.

Der Rentner ist inzwischen über den Bahnübergang gegangen und zeigt auf zwei weitere Holzkreuze. Verwittert und morsch liegen sie auf der anderen Seite am Gleisbett. „Das war 2002“, sagt er. Damals sei hier ein 50-Jähriger mit seiner Tochter auf dem Weg zum Skifahren verunglückt. Und dann sagt Wünsch: „Es waren schon zu viele.“

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24.01.2020

Selten so einen übersichtlichen Bahnübergang gesehen!
Vielleicht sollte man sich doch mal erinnern,
was man in der Fahrschule gelernt hat
und auch mal die Verkehrsschilder beachten.

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