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Wiesn-Schau startet

08.07.2010

Vom Pferderennen zum Wiesn-Wahnsinn

Vom Pferderennen zum Wiesn-Wahnsinn: Eine Münchner Schau zeigt, wie das Oktoberfest zu dem wurde, was es heute ist. Von Yvonne Salvamoser

Im knappen, pinkfarbenen Mini-Dirndl, in Turnschuhen zur Lederhosen stehen die jungen Wiesn-Besucher vor dem Eingang der Festzelte, das Handy am Ohr und die letzte Flasche Bier vom "Vorglühen" in der Hand. Nur die typische Geräuschkulisse, ein Gemisch aus Gesprächsfetzen, dem Sound der Fahrgeschäfte, der Musikkapellen, fehlt. Denn bis zum wirklichen Oktoberfest ist es noch eine Weile hin und die Feiernden in modischer Tracht kann man zunächst nur auf einer Fototapete betrachten.

Diese hängt im Münchner Stadtmuseum, das ab heute mit einer abwechslungsreichen, bunten Ausstellung zum 200-jährigen Bestehen des weltweit bekanntesten Volksfestes auf die Jubiläums-Wiesn 2010 einstimmt. Knapp 1000 Relikte aus zwei Jahrhunderten Oktoberfest präsentieren die Ausstellungsmacher Florian Dering und Ursula Eymold auf 1500 Quadratmetern und zwei Stockwerken. Die zentrale Frage hinter der Schau: 200 Jahre Oktoberfest - wie ist das zu fassen?

Kronprinz Ludwig mochte

Vom Pferderennen zum Wiesn-Wahnsinn

Volksfeste besonders gern

Die Erfolgsgeschichte der Wiesn beginnt wie auch die Ausstellung mit dem Satz des bayerischen Kronprinzen Ludwig: "Volksfeste freuen mich besonders. Sie sprechen den National-Charakter aus, der sich auf Kinder und Kindes-Kinder vererbt." Das war 1810. Damals - das Königreich Bayern existierte noch nicht lange - organisierten Vertreter des Bürgermilitärs zur Huldigung an das geliebte Königshaus ein Pferderennen. Auch das frisch vermählte Paar, der Kronprinz und seine Frau Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, war eingeladen. Die im Museum präsentierten mattsilbernen Halbmonde vom Zeltdach, unter dem die Monarchen das sportliche Spektakel verfolgten, sind eines der seltenen Überbleibsel aus den Anfangstagen. Wegen des großen Erfolgs gab es dann, verbunden mit dem Zentral-Landwirtschaftsfest, jährlich eine Fortsetzung des Festes.

Und zu dieser Zeit spielte das Bier, von dem heute in den zwei Wiesn-Wochen rund 6,5 Millionen Liter fließen, noch eine untergeordnete Rolle. Klein waren die ersten, hölzernen Bierbuden auf der Theresienwiese, die ihren Namen von der Prinzessin erhielt. Die Bierbude, das Bierzelt, wie in den vergangenen Jahrzehnten, der Mittelpunkt des Festes? Keineswegs. Zentrum des monarchisch geprägten bayerischen Nationalfestes war bis 1913 das Königszelt.

Dass die Feiernden dem Bier zumindest unter der Regentschaft König Ludwigs II. nicht abgeneigt waren, beweisen Holzstiche von 1862: Nicht weit entfernt von der Bavaria schlafen vier Burschen neben leeren Maßkrügen ihren Rausch aus. Und ein anonymer Poet dichtete passend: "Man drängt, man stößt, man läuft / man frißt, man spielt, man säuft [...]."

Bekannt dagegen ist der Autor des wohl berühmtesten Trinkspruchs "Ein Prosit der Gemütlichkeit. 1-2-3 gsuffa". Die Zeilen des Gastronomen Georg Lang sangen die Gäste um 1904 in einer der ersten "Riesenhallen" zur Musik der "originellen Hauskapelle". Ab jetzt hatten die Brauereien, in der Ausstellung durch zahlreiche Steingutkrüge mit Zinndeckeln und der sich im Laufe der Jahre verändernden Bierzeltgarnitur repräsentiert, die Vorherrschaft auf dem Oktoberfest.

Eines der größten Zelte in der Oktoberfestgeschichte, das der Bräu Rosl von 1913, fasste rund 15 000 Besucher. Es wurde Bier im Zehn-Liter-Krug serviert. Dass man sich schon morgens um sechs Uhr, wie die jetzt zunehmend jugendlichen Besucher, um einen Platz im Bierzelt hätte bemühen müssen - bestimmt nicht.

Abseits der Bierzelte buhlten Schausteller um Kundschaft: mit "neu eingetroffenen Geistern", gruseligen Blechfiguren, die aus Glühlampenaugen starrten, mit Arabella, der Dame ohne Unterleib, verrückten Velozipeden oder Teufelsrädern. Wie die Wiesn vor 100 Jahren klang? Das kann man - anders als die heutige Geräuschkulisse - tatsächlich im Museum hören. Von Yvonne Salvamoser

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