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Bildung

28.10.2009

Voneinander das Miteinander lernen

Integration-Wirsching 281009

In bayerischen Grund- und Hauptschulklassen sind oft weit mehr Kinder mit Migrations-Hintergrund als ohne. Das birgt Zündstoff für Konflikte. Das Kultusministerium bemüht sich daher um ein besseres Miteinander. Von Daniel Wirsching

In bayerischen Grund- und

Hauptschulklassen

sind oft weit mehr Kinder mit Migrations-Hintergrund als ohne. Das birgt

Zündstoff

für Konflikte. Das

Voneinander das Miteinander lernen
Kultusministerium

bemüht sich daher mit einem wahren Maßnahmenbündel um die Integration der Zuwanderer. Die nehmen ihr Schicksal mitunter selbst in die Hand, zum Beispiel in einer Privatschule der Vision Privatschulen gGmbH in

Jettingen-Scheppach

(

Kreis Günzburg

). Gegründet und eröffnet wurde sie zu Schuljahresbeginn von türkischen Vereinen und dem Politologen

Mehmet Pekince

- und stieß bei einigen sofort auf Vorbehalte (wir berichteten), auch in der türkischen Gemeinde. Staat wie Zuwanderern geht es um "Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit", wie es Kultusminister

Ludwig Spaenle

(

CSU

) hochtrabend nennt. Einfacher gesagt: Es geht um ein besseres Miteinander.

Besuche in Jettingen-Scheppach und in einer staatlichen Volksschule in Kempten zeigen, dass sich in Bayern spürbar etwas tut in Sachen Integration:

Nesibe würde sich gerne die ganze Geschichte ausdenken, nicht nur die Einleitung. In ihrem Schulbuch hat die Elfjährige die Seite mit den Sempé-Bildern aufgeschlagen. Sie sieht auf ihnen einen Buben, ein Mädchen, eine Frau, die schimpft, ein Fenster und einen Ball. Die Fensterscheiben sind zersplittert. "Mädchen können nicht Fußball spielen", steht an der Tafel. Später werden sie mit ihrer Deutschlehrerin über Vorurteile sprechen. Nesibe ist eins von zwei Mädchen, das ein Kopftuch trägt, in der Modefarbe Lila. "Meine Familie ist stolz darauf, dass ich das Gymnasium besuche", sagt sie. Nesibe ist es allemal. Sie wolle Deutschlehrerin werden, das sei ihr Traumberuf.

27 türkischstämmige Mädchen lernen hier in Jettingen-Scheppach in einer fünften Gymnasialklasse (mit zwölf Schülern) und einer fünften Realschulklasse (mit 15 Schülern). Die Schule soll zunächst als Mädcheninternat geführt werden. Ein Platz kostet die Eltern aus Günzburg, München oder Darmstadt 600 Euro im Monat. Mehmet Pekince sagt: "Vor allem türkische Familien mit Mädchen sind verstärkt hinter Bildung her." Er möchte Kinder auffangen, die durchs staatliche Schulsystem fallen könnten.

Betreibt Pekince anstatt Integration den Rückzug in ein geschütztes Umfeld? Er meint, dass seine Schülerinnen in kleinen Klassen mit intensiver Betreuung ihr Selbstbewusstsein entfalten. Gleichwohl weiß er, dass er auf deutsche Kinder angewiesen ist - sonst wäre Integration eine Einbahnstraße. Wandertage und Projekte mit staatlichen Schulen sind angedacht. In drei Jahren wird Pekince Bilanz ziehen und möglicherweise sein Scheitern einräumen müssen. Ernsthaft kalkuliert er nicht mit dieser Perspektive. Ein bis zu zehn Millionen Euro teurer Anbau befindet sich schon in der Planungsphase, die Trägervereine finanzieren ihn.

Hefte und Mäppchen liegen ordentlich auf den Tischen in der 5 a der Volksschule Kempten auf dem Lindenberg. Neben der Tafel hängt ein Plakat: "Das ist das Ziel für diese Woche - Höflichkeit." Dazu gehören ein "freundlicher Gesichtsausdruck" und "Bitte, Danke sagen". Die Schüler melden sich an diesem Tag ohne Unterlass im Deutschunterricht. Dimitri, Thirapong und Mutahhar arbeiten konzentriert mit. Kaum zu glauben, was Lehrer Hans Kramer nach der Stunde erzählt: Manche Migrantenkinder drückten sich unverständlich aus, sagten zum Beispiel "Ich gehe Karstadt". Sie hätten Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung. Streitigkeiten eskalierten schnell. Wenn ein türkischstämmiges Kind beleidigt werde, werde häufig seine Familie beleidigt. "Muslimische Schüler gehen da hoch wie eine Rakete", hat Kramer beobachtet.

Kaum zu glauben, dass Sonderschullehrerin Sonja Müller-Eglseer vor der Stunde 30 Minuten lang mit den Schülern Hefte und Mäppchen so akkurat platziert hat. "Man muss den Kindern eine Struktur geben", sagt sie. Mit zwei Klassenlehrern, die regelmäßig Deutsch, Mathematik und Englisch gemeinsam unterrichten, und einem Sozialpädagogen bildet sie ein Team. An der Kemptener Volksschule ist der Lehrer als Einzelkämpfer Vergangenheit.

Aus zwei mach drei. Das war der erste Schritt. Die 53 Schüler der fünften Hauptschulklassen wurden nicht in zwei, sondern in drei Klassen aufgeteilt. Weil der Anteil der Kinder mit Migrations-Hintergrund 50 Prozent überstieg. Es griff die neue sogenannte MIG-Klassen-Regelung. Hinzu kommt bei der 5 a mit ihren 23 Schülern, dass die Kinder bis 15.30 Uhr betreut werden (Ganztagsklasse) und sechs Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Klasse sind (Kooperationsklasse). Ein Förderlehrer unterstützt die Klasslehrer zusätzlich. Während einer Schulstunde können je nach Bedarf Kleingruppen gebildet und in einem Nebenraum unterrichtet werden. Eine solche Förderung hat es in dieser Form in staatlichen Schulen noch nicht gegeben. Finnische Verhältnisse im Allgäu. (Daniel Wirsching)

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