Newsticker

Corona-Folgen: Lufthansa bereitet Mitarbeiter auf Einschnitte vor
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Vor 30 Jahren war Corinna Joachim die erste Frau auf dem Revier

Region Schwaben

31.03.2020

Vor 30 Jahren war Corinna Joachim die erste Frau auf dem Revier

Corinna Joachim gehörte zu den ersten Frauen, die in Bayern den uniformierten Dienst antraten.
Bild: privat

Plus Seit 30 Jahren hat die Polizei auch weibliche Beamte. Corinna Joachim war eine der ersten. Über die Reaktion der Kollegen und Fragen zu Frisuren sowie Toiletten.

Als Corinna Joachim ihren Dienst antrat, war sie sozusagen ein Unikat. Unter den anderen Auszubildenden fiel sie sofort auf, sie wurde herumgezeigt und überall auf ihre Berufswahl angesprochen, von ihren Kollegen, ihren Bekannten – und sogar von den Bürgern auf der Straße. Es war damals etwas völlig Neues. Damals, im März 1990, als die ersten Frauen bei der bayerischen Polizei im uniformierten Dienst begannen.

Heute ist Corinna Joachim 48 Jahre alt und hat zwei erwachsene Söhne. Zum einen ist sie Kriminalhauptkommissarin bei der Kriminalpolizei Dillingen im Bereich Betrug, zum anderen ist sie die Gleichstellungsbeauftragte im Polizeipräsidium Schwaben-Nord in Augsburg. "Heute ist es total normal, dass Frauen bei der Polizei sind." Derzeit sind 22 Prozent aller Polizeivollzugsbeamten in Bayern weiblich, das sind ungefähr 7500. Rund 78 Prozent aller Polizeivollzugsbeamten sind männlich, also etwa 27200. "Und es ist so ein schöner Beruf, interessant, spannend und vielseitig. Es war ein Glück, dass meine Mutter mich angemeldet hatte, ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte."

Heute ist Corinna Joachim 48 Jahre alt und hat zwei erwachsene Söhne. Zum einen ist sie Kriminalhauptkommissarin bei der Kriminalpolizei Dillingen im Bereich Betrug, zum anderen ist sie die Gleichstellungsbeauftragte im Polizeipräsidium Schwaben-Nord in Augsburg.
Bild: privat

Auch heute noch, 30 Jahre nachdem sie ihre Ausbildung bei der Polizei begonnen hat, ist Corinna Joachim ihrer Mutter dankbar. Dankbar dafür, dass sie im Jahr 1990 ihre Tochter heimlich für den Aufnahmetest bei der Polizei angemeldet hat. Die Mutter hatte selbst ihr Leben lang davon geträumt, als Polizistin zu arbeiten. Doch die Möglichkeit dazu bekam nur die Tochter.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Corianna Joachim beginnt den Dienst bei der Polizei in Dachau

Als die Einladung zum Einstellungstest kam – ihre Mutter hatte in der Zeitung davon erfahren, dass Frauen sich erstmalig bei der Polizei bewerben dürfen – war Corinna Joachim zwar überrascht, dachte sich aber gleich: "Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ich helfe gerne Menschen. Ja, das könnte genau das Richtige sein." Corinna Joachim bestand den Test und begann ihre Ausbildung im gehobenen Dienst bei der Bereitschaftspolizei Dachau.

Dort seien die Männer und Ausbilder überfordert damit gewesen, dass auf einmal Frauen da waren, erzählt Corinna Joachim heute. "Sie haben zum ersten Mal Frauen in Uniform gesehen, und vieles war noch ungeklärt: Wie sollte man die Haare tragen, wie sollte man das mit den Toiletten regeln?"

Auf zehn Männer kam ungefähr eine Frau, erinnert sich die Kommissarin. "Man wurde schon sehr beäugt und ständig wurde ich darauf angesprochen, wie es denn so ist als Frau bei der Polizei." Das sei irgendwann schon lästig geworden. "Ich wollte eigentlich gar nicht auffallen, sondern nur meine Arbeit machen, so wie jeder andere männliche Kollege auch. Aber die meisten Vorgesetzten gingen äußerst behutsam und fürsorglich mit den Frauen um."

Männliche Kollegen wollten nicht mit Corinna Joachim Streife fahren

Auch in Sachen Uniform war am Anfang noch einiges unklar. Corinna Joachim und ihre Kolleginnen trugen zu Beginn im Prinzip Männeruniformen, die lediglich leicht abgeändert waren und in der Kleiderkammer nach Maß angepasst wurden. Dazu gab es eine Art Ausgehuniform: bestehend aus einem dienstlichen Rock – der vier Finger breit unter dem Knie endete –, Pumps und einem Paar Seidenstrumpfhosen. "Das habe ich allerdings nur einmal angezogen, und das nur aus Gaudi."

Nach der Ausbildung wurde Corinna Joachim dem Revier in Moosach im Münchner Norden zugeteilt, als Streifenpolizistin und stellvertretende Dienstgruppenleiterin. Sie stand somit über vielen ihrer männlichen Kollegen, die zum Teil älter und erfahrener waren. "Dort wurde ich nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst." Es habe Kollegen gegeben, die Vorbehalte hatten und sich weigerten, mit ihr Streife zu fahren. "Sie fahren mit keiner Frau, haben sie zu meinem Vorgesetzten gesagt, und kein einziges Wort mit mir geredet." Dafür gab es auch andere Kollegen, die umso netter waren.

Corinna Joachim und ihre Kolleginnen trugen zu Beginn im Prinzip Männeruniformen, die lediglich leicht abgeändert waren und in der Kleiderkammer nach Maß angepasst wurden.
Bild: privat

"Die meisten Männer fanden es ganz toll, eine Frau in der Gruppe zu haben. Sie haben mich herumgezeigt, andere Streifen kamen sogar vorbei, um mich zu sehen. "Damals gehörte ich zusammen mit einer mittleren Beamtin zu den einzigen zwei Frauen auf dem Revier unter circa 100 Männern." Corinna Joachim entwickelte zu dieser Zeit eine Strategie, um selbstsicherer im Umgang mit ihren männlichen Kollegen zu werden. "Mein persönliches Ziel war, mich dienstlich und fachlich so gut auszukennen und besser zu sein, dass ich durch fachliche Kompetenz glänzen konnte."

Heute arbeitet die Polizistin unter anderem auf dem Revier in Dillingen

Sechs Jahre blieb Corinna Joachim im Revier in Moosach, wurde dort zur Polizeioberkommissarin und danach zur Polizeihauptkommissarin befördert. 1999 wurde sie schwanger – wieder eine ungewohnte Situation für ihre Vorgesetzten. "Es war klar, ich konnte nicht mehr Streife fahren. Aber man wusste damals nicht, wohin ich nun sollte." Corinna Joachim wurde zur Kriminalpolizei versetzt und kümmerte sich bis zur Geburt ihres ersten Sohnes dort um Bagatelldelikte. Nach dem Mutterschutz wechselte sie zur Kriminalpolizei nach Augsburg – und arbeitet seither in Schwaben.

Bei der Kriminalpolizei fühlte sich Corinna Joachim zum ersten Mal nicht als "die Neue". Dort waren Frauen von der WKP, der weiblichen Kriminalpolizei, schon seit einiger Zeit etabliert. "Im Streifendienst hat es rückblickend aber sicherlich einige Jahre gedauert, bis Frauen dort normal wurden."

Die Zeit dort vermisst sie zum Teil heute noch. "Ich bin durch und durch Streifenpolizistin. Das hat mir immer am meisten Spaß gemacht." So habe sie es sich immer vorgestellt, die Polizei als dein Freund und Helfer. "Aber ich habe auch erkannt, wie schön es bei der Kripo ist. Und überhaupt ist es so ein schöner Beruf. Auch für Frauen." An junge Bewerberinnen, die Polizistin werden wollen, hat sie einen Rat. "Man darf auf keinen Fall zimperlich oder sehr sensibel sein." Denn man könne jederzeit in schwierige Situationen geraten, zum Beispiel schwere Verkehrsunfälle, bei denen man schlimme Dinge mitansehen müsse. Und man müsse auch ein gewisses Selbstbewusstsein mitbringen. "Frauen sollen mutig sein und sich bewerben, der Beruf ist abwechslungsreich und bietet Sicherheit als Beamtin und besonders als Frau."

Lesen Sie dazu auch: Warum für Frauen in Top-Positionen oft kein Mutterschutz gilt

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren