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Porträt

08.12.2019

Warum Jürgen Müller seine Lebensretter-Medaille zurückgeben will

Jürgen Müller ist gerne in der Natur. Er rettete 2006 bei einem tragischen Kanu-Unfall einem Mädchen das Leben. Die Auszeichnung dafür will er zurückgeben.
Bild: Jürgen Müller, dpa

Plus Ein Mann stirbt bei einem Kanu-Unfall. Seine Tochter wird gerettet. Von Jürgen Müller. Er wird für seine Hilfe geehrt. Doch er lehnt die Auszeichnung ab. Warum?

Wie schnell die Kräfte schwinden, was für eine ungeheure Anstrengung jede weitere Bewegung erfordert, wie verzweifelt man kämpft, wenn es darum geht, nicht zu ertrinken, das weiß Jürgen Müller. Es ist das Jahr 2006. Im April. Ein schöner Ausflug soll es werden. Familien und Kinder im Konfirmationsalter aus Müllers Heimat im fränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt fahren in den Bayerischen Wald. An den Fluss Regen. Zum Kanufahren. Zu dritt sitzen sie in dem Boot. Vater, Tochter und Jürgen Müller. Unter einer Brücke geraten sie plötzlich in einen Strudel. Kehrwasser. Das Kanu kentert. Die drei befinden sich von einer Minute auf die andere in eiskaltem Wasser, weit weg vom Ufer. „Ich habe dem Vater noch zugerufen, dass ich mich um seine Tochter kümmere.“ Müller rettet sich und das Mädchen ans Ufer. Dem Vater gelingt dies nicht. Er stirbt.

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Lebensretter Jürgen Müller: Die Hinterbliebenen haben Aufmerksamkeit verdient, nicht er

Eine Katastrophe, über die Jürgen Müller eigentlich nicht mehr sprechen will. Vor allem, um die Familie des verunglückten Vaters zu schützen. Um nicht immer wieder die grauenhaften Erlebnisse dieses Tages aufzufrischen. Als Müller ein Jahr nach dem furchtbaren Unfall die Einladung zur Ehrung als Lebensretter in seinem Briefkasten findet, wollte er sie schon damals nicht annehmen. „Ich habe das als falsch empfunden“, erinnert er sich. „Wenn jemand Aufmerksamkeit verdient, ist es die Familie, die einen Menschen verloren hat.“ Nicht er. Für ihn war und ist es eine absolute Selbstverständlichkeit, in so einer Situation zu helfen. Nach München zur feierlichen Übergabe der Medaille ist er daher nicht gefahren. Man hat aber nicht locker gelassen und sie ihm schließlich 2007 im kleinen Kreis im Landratsamt Erlangen-Höchstadt überreicht. Die Medaille landet bei Müller in einem Schrank. Jetzt will er sie abgeben.

Denn so verborgen die Medaille auch im Schrank gelegen sein mag, sie ließ ihm keine Ruhe. Als er dann immer wieder die Berichte ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer gesehen hat, sei die Abneigung gegen diese Medaille in ihm nur noch mehr gewachsen. „Das geht für mich einfach nicht zusammen“, erklärt der studierte Nachrichtentechniker und Vater von drei erwachsenen Kindern. „Da wird mir eine Medaille überreicht, weil ich einen Menschen rette. Und die Leute, die da draußen auf dem Meer Menschen in erbärmlichster Not helfen, werden nicht nur in ihrer Arbeit behindert, sondern auch noch kritisiert und kriminalisiert.“ Für den 55-Jährigen unsäglich. „Denn es darf doch nicht sein, dass die einen Menschen mehr wert sind als die anderen.“ Das passt nicht in das Werteverständnis, das ihm, wie er erzählt, schon in seinem Elternhaus vorgelebt wurde. Im Gegenteil.

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Das Bild von der Festung Europa, das Hilfesuchende abweist, macht dem Retter Angst

Wer mit Müller spricht, lernt einen Mann kennen, der sich viele Gedanken macht. Für den Solidarität die Basis unserer Gesellschaft ist – und Gerechtigkeit. Der aber beides schwinden sieht. Und dem dieser Verlust große Sorgen bereitet. Einer Partei gehöre er nicht an. Doch mit der Politik ist er nicht zufrieden. Vor allem nicht mit der Flüchtlingspolitik. Das spürt man schnell im Gespräch. Der so besonnen wirkende und sehr sachlich argumentierende Mann schwankt, wie er selbst erklärt, immer wieder zwischen Wut und Trauer. Zwar habe Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in seiner Wortwahl zurückgerudert und gebe sich zuletzt menschlicher beim Umgang mit Migranten – das reicht Müller aber nicht: „Ich fordere die Politik konkret auf, die Seenotretter zu unterstützen“, sagt Müller, der im Oktober in Nürnberg zusammen mit Mitgliedern der Seebrücke vor dem Heimatministerium in Nürnberg demonstriert hat.

Seines Erachtens muss auch verstärkt über die Fluchtursachen diskutiert werden. Steht für ihn doch fest, „dass unser Wohlstand zu einem großen Teil auf der Armut anderer Menschen basiert“. Müller ist klar, dass es keine Lösung wäre, alle Flüchtlinge einfach ins Land zu lassen. Aber die Art und Weise, wie mit denen umgegangen wird, die hier sind, missfällt ihm, passt nicht in sein auf Humanität basierendes Menschenbild: „Wir fordern Integration, grenzen diese Menschen aber nur aus.“ Er weiß von vielen Leuten, die so denken wie er und die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. „Nur die Politik arbeitet dagegen und das macht mich fassungslos.“ Europa als Festung, das immer höhere Mauern baut, ist ein Bild, das dem Familienvater Angst vor der Zukunft macht.

Die Rettung des Mädchens war die Motivation für die Selbstrettung

Gelegenheit, seine Kritik persönlich vorzubringen, hat Müller nun: Am 9. Dezember empfange ihn der Leiter der Staatskanzlei, Florian Herrmann, in München. Schließlich hat Müller Ministerpräsident Söder und Bundesinnenminister Horst Seehofer bereits geschrieben, um ihnen zu erklären, warum er seine Medaille zurückgeben möchte. So eine Auszeichnung wieder abzugeben, „kommt an sich nicht vor“, erklärt ein Sprecher der Staatskanzlei. Gleichwohl sei es möglich.

Und das will Müller nun tun. Er kann sich noch gut an den Moment erinnern, als er das rettende Ufer damals mit dem Mädchen erreicht hat. Er weiß noch ganz genau, in welch erschöpftem Zustand er sich selbst befunden hat. „Meine größte Motivation damals ans Ufer zu kommen, war die Rettung des Mädchens“, sagt er. Hat ihm dann vielleicht erst die Rettung des Mädchens so viel Kraft gegeben, um überhaupt sich selbst zu retten? Jürgen Müller überlegt kurz und sagt dann: „Ja, so könnte man es sagen.“

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