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Pandemie

09.09.2020

Warum in bayerischen Testzentren Türsteher als Corona-Tester arbeiten

Mund auf, Stäbchen rein, fertig ist der Corona-Test? Damit sie zuverlässige Abstriche nehmen können, müssen die Mitarbeiter in den Testzentren geschult werden.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Plus In Testzentren wird wohl Personal ohne medizinische Qualifikation eingesetzt. Die Rede ist von "katastrophalen Zuständen". Die Konsequenzen könnten fatal sein.

Sind Sie freundlich und offen? Arbeiten Sie gewissenhaft? Haben Sie keine Berührungsängste und sprechen gut Deutsch? Ja? Dann erfüllen Sie laut einem von vielen Online-Stellenangeboten alle Anforderungen, um in einem bayerischen Corona-Testzentrum zu arbeiten. Medizinische Vorkenntnisse sind erwünscht, das schon. Zwingend erforderlich scheinen sie aber nicht zu sein, zumindest nicht immer. Medien- und Insiderberichte deuten darauf hin, dass viele Mitarbeiter in den Testzentren kein jahrelang geschultes Fachpersonal sind, sondern von Berufs wegen Türsteher, Bühnentechniker oder Studenten.

Dass es schwierig würde, ausreichend qualifiziertes Personal für Teststationen zu finden, davor hatte das Bayerische Rote Kreuz bereits zu Beginn der Massentests und noch vor der Übergabe an private Unternehmen gewarnt. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) verlangt in seinen Vergabeunterlagen als Mindestanforderung nur, die Mitarbeiter müssten von einem Arzt geschult werden. Art und Dauer einer solchen Schulung lässt das LGL offen.

"Katastrophale Zustände" am Testzentrum am Münchner Flughafen?

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung berichtet eine Person mit Einblick in die Abläufe am Münchener Flughafen von "katastrophalen Zuständen". Die Schulung dauere "gute zehn Minuten", danach dürften die neuen Mitarbeiter Daten erheben, aber auch Abstriche machen. Überforderte Neulinge müssten teils ganze Flugzeuge mit Abstrichen versorgen, mit den Stäbchen würde danach "herumgefuchtelt".

Abläufe in den bayerischen Testzentren stehen schon länger in der Kritik. Über 40.000 Reiserückkehrer warteten Anfang August tagelang vergebens auf ein Ergebnis, 900 von ihnen positiv. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass weitere 10.000 Testergebnisse, vorwiegend von bayerischen Flughäfen, zu spät übermittelt wurden. Jetzt gibt es – auch aus den Reihen von Landräten und Hilfsorganisationen – immer mehr Anzeichen für eine mangelnde Ausbildung der Mitarbeiter.

Mitarbeiter werden zu kurz geschult: Wie zuverlässig sind Corona-Tests?

Ein Experte einer Hilfsorganisation, der namentlich nicht genannt werden möchte, zeigt sich besorgt. Er erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion: "Ein aussagekräftiger Abstrich erfordert handwerkliches Geschick und eine medizinische Ausbildung, die über einen Erste-Hilfe-Kurs weit hinausgeht. Wenn beides nicht gegeben ist, bezweifle ich die Qualität der Tests." Eine kurze Schulung reiche nicht. Zuverlässige Abstriche würden bei den Getesteten normalerweise einen Würgereiz auslösen. "Mitarbeiter ohne Praxis schrecken davor aber oft zurück, weil sie sich der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst sind. So kann es schnell zu falsch negativen Testergebnissen kommen."


Ein weiteres Problem sei, dass sich Mitarbeiter in den Teststationen auch leichter selbst ansteckten. "Selbst Vollprofis können sich nicht immer hundertprozentig schützen. Die Gefahr ist bei jemandem, der zum ersten Mal in einen Schutzanzug schlüpft, deutlich größer." Mitte August war bekannt geworden, dass sich ein Mitarbeiter der Teststation an der A3 bei Passau infiziert hatte. Wo und wie, ist unklar.

Betreiberfirma Ecolog spricht von "professionellem Rekrutierungsprozess"

Neben den medizinischen hat der Insider weitergehende Bedenken. "Will ich als Bürger, dass ein Türsteher einen Abstrich bei mir macht? Sollte ich die Leute nicht darüber informieren, wer mein Gegenüber ist?" Ein fachlicher Diskurs darüber habe noch nicht stattgefunden. Käme es dazu, könne man nur zu einem Schluss kommen: "Dass es Schwachsinn ist, wenn die Tests von Hinz und Kunz durchgeführt werden."

Wie viele ungelernte Quereinsteiger in den Testzentren arbeiten, dazu halten sich die Betreiberfirmen und das LGL bedeckt. Ecolog, für Tests an den Flughäfen zuständig, erklärt auf Anfrage, man verfolge einen professionellen Rekrutierungsprozess und wähle Mitarbeiter "auf Grundlage spezifischer Anforderungsprofile aus". Mitarbeiter, die Proben entnehmen, würden von einem Arzt vor Ort geschult und dann unter ärztlicher Leitung arbeiten. Die Firma, die Teststationen an Raststätten und Bahnhöfen betreibt, Eurofins, gibt keine näheren Auskünfte zur Situation an den Teststationen und verweist an das LGL.

Dort weist man jede Verantwortung von sich. Die Betreiber seien dazu verpflichtet, ausreichend Ärzte „und fachkundiges bzw. durch einen Arzt eingewiesenes Personal“ für die Abnahme einzusetzen. Auch für die Einhaltung der arbeitsrechtlichen Vorgaben seien die Betreiber zuständig. Die Verantwortung für die korrekte Durchführung des Abstrichs liege bei der ärztlichen Fachaufsicht vor Ort. Jedoch, schränkt das LGL ein: „Grundsätzlich kann bei Abstrichen für Sars-CoV-2 Untersuchungen nie ausgeschlossen werden, dass die Qualität des Abstriches für eine Laboruntersuchung unzureichend ist.“ Dies gelte auch, wenn Ärzte diesen durchführten.

Die bisherigen, unangekündigten Kontrollen der Testzentren haben nach LGL-Angaben keine Auffälligkeiten ergeben. Wie intensiv Mitarbeiter dort geschult werden? „Details zu den Schulungen der Mitarbeitenden seitens des zuständigen Betreibers wären dort einzuholen.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Pannen in Corona-Testzentren: Vertrauen steht auf dem Spiel

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09.09.2020

Wie naiv muss man eigentlich sein zu glauben, dass per Knopfdruck genügend qualifiziertes, d.h. auch medizinisch geschultes Personal in vollem Umfang zur Verfügung steht. Das hätte für die Söder'schen Aktionen direkt vom Himmel fallen müssen.

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