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"Engel auf Erden"

31.07.2020

Warum melden sich kaum noch Jugendliche für Freiwilligendienste?

Franzi Mehl (rechts) arbeitet in Kaufbeuren mit Menschen, die schwerbehindert sind. Sie absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) – und ist begeistert.
Bild: Mathias Wild

Plus Es mangelt in Deutschland an Freiwilligen, die sich in sozialen Bereichen engagieren. Ohne jemanden wie die 16-jährige Franzi Mehl wäre vieles nicht mehr möglich.

Es ist das Lächeln. Die gute Laune. Die oft so kindliche Fröhlichkeit. Sie schlägt Franzi Mehl schon entgegen, wenn sie morgens in der Kaufbeurer Hans-Böckler-Straße zur Arbeit kommt. Was vielleicht verwundern könnte. Denn die 16-Jährige arbeitet mit Menschen, die schwerbehindert sind. Körperlich wie geistig. Franzi Mehl hat sich einer Arbeit verschrieben, die nicht jeder machen kann und die nicht jeder machen will. Sie absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Förderstätte für schwerst- und mehrfachbehinderte Menschen, einem Teilbereich der Lebenshilfe Ostallgäu. Was sogar sie selbst immer wieder etwas wundert.

Denn eigentlich wollte die junge Frau nach dem Mittelschulbesuch in Buchloe etwas Handwerkliches erlernen. Doch dann entschied sie sich fürs FSJ. Für die betreuten Menschen ist das ein Segen. Denn durch Franzi Mehl werden Dinge möglich, zum Beispiel Ausflüge in die Stadt, die es sonst wegen Personalmangels einfach nicht gäbe.

Die Lebenshilfe Ostallgäu aber hat zu wenige Bewerber für ein Freiwilliges Soziales Jahr und den Bundesfreiwilligendienst. FSJler und Bufdis, wie sie genannt werden, fehlen an allen Ecken und Enden.

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Schon vor Corona gab es zu wenig Bewerber für Freiwilligendienste

17 Stellen sind allein bei der Lebenshilfe Ostallgäu und den Wertachtal-Werkstätten, einer hundertprozentigen Tochter der Lebenshilfe, unbesetzt. Deshalb kann man sich, unabhängig von einem Stichtag, bei der Lebenshilfe ganzjährig bewerben. Schon früher gab es zu wenige Bewerber, doch durch die Corona-Krise hat sich die Situation wesentlich verschärft. In der ganzen Republik sind soziale Einrichtungen davon betroffen. Für sie ist es nochmals schwieriger geworden, Nachwuchs für Freiwilligendienste zu gewinnen. Infoveranstaltungen in Schulen etwa, sonst ein wichtiger Faktor, sind schlicht nicht möglich.

Dabei war es einmal ein bisschen entspannter. Bis zum Jahr 2011. Dann wurde alles anders. Vor allem wegen dem einstigen Hoffnungsträger der Unionsparteien: Karl-Theodor von und zu Guttenberg.

Als Verteidigungsminister betrieb zu Guttenberg die Aussetzung der Wehrpflicht – das Ende auch des Zivildienstes.
Bild: Fredrik von Erichsen

Ein Mann, dem der Platz in den Geschichtsbüchern dadurch sicher ist, dass auf sein Betreiben hin die Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland ausgesetzt wurde. 2011 war das, Guttenberg Bundesverteidigungsminister. Noch. Denn der CSU-Politiker schoss sich politisch selbst ins Aus. Wegen einer Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht kam auch das Ende des Zivildienstes. Beides prägte das Land jahrzehntelang. Und ist unvergessen: Über die Wiedereinführung der Wehrpflicht wurde erst kürzlich wieder debattiert.

Die ersten Zivis mussten sich Beschimpfungen anhören

Als 1961 die ersten 574 Zivildienstleistenden ihre Arbeit aufnahmen, mussten sie sich im Regelfall noch fortwährend Beschimpfungen wie „Drückeberger“ anhören. Es war eine andere Zeit. Ost und West standen sich zutiefst feindselig gegenüber. Das geteilte Deutschland war eine für heutige Verhältnisse unglaublich waffenstarre, militarisierte Zone. Für Ältere, die zum Teil in der Hitlerjugend sozialisiert worden waren und bekanntlich ja zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl zu sein hatten, war die Vorstellung, dass ein junger Mann eine alte Dame aufs Klo setzen sollte, unerträglich. Ihnen war gemäß der NS-Ideologie ein anderes Männerbild verordnet worden: Blonde und blauäugige Herrenmenschen setzen alte Frauen nicht auf die Toilette.

Ankunft der ersten Kriegsdienstverweigerer in den Bodelschwinghschen Anstalten von Bethel/Bielefeld 1961.
Bild: dpa

Der Drückeberger-Vorwurf hielt sich lange, mindestens bis in die 90er Jahre, doch er verlor zusehends an Kraft. Gab es 1970 rund 4000 Zivis, waren es 1993 erstmals über 100.000. Das Spitzenjahr war 2002 mit fast 136.000 Zivildienstleistenden. Zum Vergleich: Heute gibt es 37.000 Bufdis und 52.000 FSJler.

Im gleichen Jahr, 2002, gab es dagegen nur noch knapp über 120.000 einberufene Wehrpflichtige. Der Zivildienst war sozusagen zum Hauptdienst geworden, der Wehrdienst stand dagegen in zweiter Reihe. Der „Drückeberger“ war nun der Regelfall. Wobei der Begriff völlig in die Irre führte. Auch, weil zum Beispiel Ende der 80er Jahre ein Zivi fünf Monate länger Dienst schieben musste als ein Wehrpflichtiger. 20 statt 15 Monate also.

Der Zivildienst veränderte zahlreiche Lebensläufe

Zivis wurden zur personellen Stütze in vielen Altenheimen, Krankenhäusern und Betreuungseinrichtungen.

Und der Zivildienst veränderte zahlreiche Lebensläufe. „Viele junge Männer fanden so ihren Weg in den sozialen Bereich“, sagt Klaus Prestele, Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu. Sie wurden Ärzte, Krankenpfleger, Psychologen, Sozialpädagogen oder Heilerziehungspfleger. „Der Zivildienst war eine große Rekrutierungsquelle, die es nun nicht mehr gibt.“

Die Auswirkungen sind in der Kaufbeurer Hans-Böckler-Straße zu spüren, wo die Lebenshilfe einen ihrer Standorte hat – eben die Förderstätte für Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen. Gisela Dollinger leitet sie. „Die Zahl der Männer ist deutlich geringer geworden“, berichtet die 40-Jährige. Sie ist froh, dass jemand wie Franzi Mehl sich für den Freiwilligendienst entschlossen hat.

"Es ist falsch, dass Menschen mit Behinderungen die ganze Zeit leiden"

Der Arbeitsplatz der 16-Jährigen liegt idyllisch auf einer Anhöhe über Kaufbeuren. Das moderne Gebäude hat fünf lichte und schön eingerichtete Gruppenräume, in denen die Menschen mit Behinderungen tagsüber – unter anderem von Franzi Mehl – betreut werden. Morgens um 8 Uhr geht es los. Dann kommen sie mit dem Bus. Entweder von daheim, wenn sie noch bei ihren Eltern wohnen. Oder aus Wohnheimen. Am Vormittag steht nach dem Frühstück für sie Arbeitstraining auf dem Programm. Das können leichte Montage- oder Sortierarbeiten sein. So werden beispielsweise Grillanzünder verpackt. Oder auch Schrauben. „Mittags sind viele aber sehr erschöpft“, erzählt Franzi Mehl. „Hygienearbeit“ steht dann bei dem einen oder der anderen auf dem Programm, manche sind inkontinent.

„Ich bin immer wieder so angetan von der Begeisterungsfähigkeit der Menschen. Einer liebt alles, was mit dem Thema Feuerwehr zu tun hat. Und hört gern Sirenen“, sagt Franzi Mehl. „Dann schaue ich immer wieder gern ein Buch über die Arbeit der Feuerwehr mit ihm an. Das macht ihm großen Spaß.“

„Es ist einfach falsch, dass Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen die ganze Zeit leiden“, ergänzt Gisela Dollinger. „Viele denken das zwar, aber es stimmt nicht.“ Wichtig sei, dass sie einfach wohlwollend betreut würden. „Das merken die Menschen – und dann geht es ihnen gut.“ Und es sei auch wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, zu arbeiten. „Sie freuen sich einfach, wenn sie etwas machen dürfen“, sagt Franzi Mehl. „Weil viele von ihnen nicht sprechen können, braucht man eine hohe Sensibilität und Einfühlungsvermögen.“ Sie ist auch deshalb von ihrer Arbeit begeistert, weil sie ausreichend Zeit hat, auf die Menschen einzugehen. „Und kein Tag ist wie der andere.“

Erst jüngst wurde wieder über die Wehrpflicht diskutiert

Es war Anfang Juli, als es wieder einmal eine Debatte darüber gab, ob man nicht den Wehrdienst und damit letztlich den Zivildienst wieder einführen sollte. Angestoßen wurde das Thema von der neuen Wehrbeauftragten Eva Högl von der SPD. Wobei diese weniger im Blick hatte, soziale Einrichtungen mit jungen Menschen zu versorgen, die zu ihrer Arbeit verpflichtet werden.

Ihr ging es eher um rechtsextremes Gedankengut in der Bundeswehr, die ja nur noch aus Freiwilligen besteht, und um die Gefahr, dass sich die Streitkräfte zu einem Staat im Staate ausbilden könnten. Der ursprünglichen Idee der Bundeswehr mit einer Wehrpflicht, in der der „Staatsbürger in Uniform“ Dienst tut und durch die Wehrpflicht das gesamte Spektrum der Gesellschaft abgebildet wird, läuft das natürlich zuwider.

Högl nannte die Aussetzung der Wehrpflicht darum auch einen „Riesenfehler“. Doch sie erntete kaum Zustimmung, weder in ihrer eigenen Partei noch beim Koalitionspartner CDU/ CSU. Positives Echo erhielt sie von der AfD.

Die Wiedereinführung eines verpflichtenden Wehr- und somit Zivildienstes wird von sozialen Institutionen indes gar nicht gefordert. In den rund 400 bayerischen Krankenhäusern waren Stand 2018 442 Bufdis und 372 FSJ-Kräfte beschäftigt, sagt Eduard Fuchshuber, Sprecher der bayerischen Krankenhausgesellschaft. Wenn ein verpflichtender Dienst käme, würde man das zwar begrüßen, wichtiger wäre es aber, dass die Betreffenden ausreichend Zeit Dienst tun müssten, sagt er. „Sonst werden die Leute angelernt, und wenn das gerade läuft, müssen sie wieder weg.“

AWO Bayern: Es brauche mehr Anreize für den Freiwilligendienst

„Wir sind gegen einen Zwangsdienst“, sagt auch Professor Thomas Beyer, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt ( AWO) Bayern, die im Freistaat rund 2500 soziale Einrichtungen betreibt. Letztlich seien Zivis oft billige Arbeitskräfte gewesen. Was nicht Sinn der Sache sei. „Wir hatten mal bis zu 1100 Zivildienstleistende bei der AWO in Bayern.“ Heute sei die Situation anders, sagt Beyer. „Schon vor Corona war die Zahl unserer Bufdis und FSJ-Kräfte von 320 auf 250 zurückgegangen.“ Corona habe das Gewinnen neuer Kräfte jedoch noch einmal stark erschwert. „Wir würden es begrüßen, wenn es mehr Anreize gäbe, Freiwilligendienst zu leisten.“

Dabei gibt es jetzt schon eine Reihe von Anreizen, sich für den Freiwilligendienst zu melden. So weist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend darauf hin: Neben der Abiturnote können absolvierte Freiwilligendienste wie FSJ oder Bundesfreiwilligendienst bei der Zulassung zu einem zugangsbeschränkten Studium angerechnet werden. Wenn der Dienst zum Studium passt und mindestens elf Monate dauert.

Franzi Mehl – die 16-Jährige, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der Lebenshilfe Ostallgäu verbringt – will nun Heilerziehungspflegerin werden. Die Ausbildung dauert fünf Jahre – zwei Jahre Praxis, drei Theorie. „Aber die Zeit als FSJ hier bei der Lebenshilfe kann voll auf die zwei Jahre Praxiszeit der Ausbildung angerechnet werden“, erzählt sie. „Darum war für mich das FSJ die richtige Entscheidung.“

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