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Provinz-Posse

08.01.2020

Warum vier Quadratmeter Straße die Stadt Pappenheim spalten

Es mag wie eine normale Straße aussehen: Pappenheims Bürgermeister Uwe Sinn weiß, dass es um mehr geht.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Plus In Pappenheim tobt ein Streit um ein kleines Stück Straße. Das gehört der Grafenfamilie. Und die droht damit, es zu sperren. Jetzt macht die Stadt ernst.

Eine kleine Stadt am Rande des Wahnsinns – oder vielleicht schon darüber hinaus. So schätzt ein Arbeiter der Pappenheimer Stadtwerke die Lage in seinem mittelfränkischen Heimatort ein. „Unglaublich“, schiebt der Mann beim Gespräch nach, während er fröstelnd eine Altstadtgasse entlanggeht. Eine im Anorak eingemummelte ältere Frau führt ihren Spitz aus. „Das ist ja nur noch zum Lachen“, sagt die Dame an diesem Wintermorgen.

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Zwei Stimmen, die andeuten, warum die im Altmühltal gelegene 4000-Seelen-Stadt weit über die Stadtgrenzen hinaus Kopfschütteln auslöst – oder auch hämisches Grinsen. Es geht um ein vier Quadratmeter großes, schlecht asphaltiertes Straßenstück, ein Randstreifen bei einem heruntergekommenen Altstadtgebäude. Die Nichtigkeit hat die Stadt und die gräfliche Familie derer von und zu Egloffstein gegeneinander aufgebracht.

Worum geht es bei dem Streit? Die Adeligen mit dem 80 Jahre alten Graf Albrecht an der Spitze sind im Besitz des Straßen-Fleckchens. Sie liebäugeln mit dem Sperren der bisher ganz normal zu befahrenden Fläche. Womit das gesamte Gasse für Autos geschlossen wäre. Eine gefühlte Katastrophe für die Stadt. Pappenheim braucht die Quadratmeter nach Einschätzung der Rathausoberen dringend für die Zukunft des Gemeinwesens – bekommt das Stückchen Asphalt aber nicht. Der Kampf tobt. Die Waffen: juristische Traktate, Enteignungsanläufe, Gehässigkeiten und allerlei Vorwürfe.

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Letztlich geht es um eine Provinzposse, bei welcher das traditionsreiche Adelsgeschlecht ins Zentrum gerückt ist. Was wiederum naheliegt, weil ihm bedeutende Teile der Stadt gehören. Wie einst ist es eine Macht im Ort. Zusätzlichen Reiz erhält die Geschichte durch die Abstammungslinie der Adelsfamilie. Über die Gräfin gehören die Reichserbmarschälle von Pappenheim zu ihren Vorfahren. Einer davon war Heerführer im Dreißigjährigen Krieg. In diesem Zusammenhang entstanden die geflügelten Worte: „Ich kenne meine Pappenheimer.“

„Dieser Streit macht uns doch zum Gespött“, sagt der Bürgermeister

Der Uraltspruch sorgt für eine gewisse Bekanntheit der Stadt, die ihre eigentliche Bedeutung weit übersteigt. Auf die gegenwärtige überregionale Aufmerksamkeit hätten die Bürger aber wohl verzichten können. „Dieser Streit macht uns doch überall zum Gespött“, meint Bürgermeister Uwe Sinn, ein Mittfünfziger, Sozialdemokrat, in seiner Amtsstube. Er zieht seinen dunklen Wintermantel an und begleitet einen hinüber zur umstrittenen Fläche. Vom historischen Rathaus, das im Treppenhaus eine Sammlung Musketen zeigt, sind es kaum mehr als 150 Meter bis dorthin.

„Von hier bis hier und hier geht die Fläche“, sagt Sinn, der seit elf Jahren im Amt ist und gestikuliert: ein Dreieck. Grün angesprühte Vermessungspunkte machen es sichtbar. Auf den ersten Blick wird das städtische Problem deutlich. Die vier Quadratmeter halbieren ein Sträßchen, das hinunter zur Altmühl führt, wo der kommunale Bauhof und das Gebäude der Arbeiterwohlfahrt liegen – sowie 40 Parkplätze. Ein besonderer Schatz in der parkplatzarmen Stadt. Sein Wert könnte sogar noch steigen.

Dank des staatlich-bayerischen Programms zur Fassadensanierung von Altbauten hat sich Pappenheim in jüngster Zeit herausputzen können. Zusammen mit der ansehnlichen Burgruine oberhalb der Stadt ist ein Kleinod an der Altmühl entstanden. Im Rathaus und in der Geschäftswelt wird auf steigende Besucherzahlen spekuliert. Die Ausflügler aber brauchen Parkraum – und zwar den besagten Platz am Fluss inklusive Zufahrt. Bereits vor drei Jahren hatte die gräfliche Familie jedoch gedroht, ihre vier Quadratmeter einzuzäunen. Die Folge wäre, dass nur noch Zweiräder oder Fußgänger zum Parkplatz kämen.

Zu den Füßen von Sinn liegen die vier Quadratmeter Privatgrund der gräflichen Familie, um die gestritten wird.
Bild: Uwe Jauß

Sinn hat genug „von solchen lächerlichen Spielchen“

Zunächst herrschte Stillstand in der Sache. Als jüngst aber Bagger zur Sanierung der Stellplätze anrücken sollten, erhielt die Baufirma ein Schreiben des Egloffsteinischen Anwalts. Darin wurde ihr verboten, die umstrittene Fläche „zu begehen, zu befahren oder anderweitig zu nutzen“. Bei einem Verstoß seien eine einstweilige Verfügung und Schadensersatzforderungen fällig. Kraft städtischen Bescheids erlaubte Bürgermeister Sinn der Baufirma, weiterzumachen. Seitdem wird am Altmühlufer gebaggert. Gleichwohl stellte das Stadtoberhaupt klar, dass es „von solchen lächerlichen Spielchen“ die Nase voll habe. Anfang Dezember hat Sinn beim zuständigen Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen den Antrag gestellt, die gräfliche Familie zu enteignen.

Den Adeligen gehört das Straßenstück noch nicht allzu lange. „Rund zehn Jahre“, erklärt Sinn. Die Fläche ist Teil des Grundstücks, auf dem das angrenzende sanierungsbedürftige Haus steht, einer der wenigen in der Stadt verbliebenen Schandflecken, seinerzeit von den Egloffsteins gekauft. Grundsätzlich sind die vier Quadratmeter seit Menschengedenken öffentliche Straße. Weshalb wohl auch keiner in der Stadt im Kopf hatte, dass der Zipfel Grundstücksteil ist. Die Folge: Eine kommunale Umwidmung in einen offiziellen Straßenteil unterblieb. Alles kein Problem – bis sich die gräfliche Familie den Bebauungsplan offenbar genauer anschaute.

Der mögliche Grund dafür führt in die Welt von Verdächtigungen. Das liegt daran, dass die Egloffsteins nicht mit Medien sprechen. Auch eine Anfrage unserer Redaktion blieb unbeantwortet.

Letztlich hat auch Bürgermeister Sinn keinen tieferen Grund genannt bekommen. Er vermutet, dass hinter der gräflichen Widerborstigkeit der zweite große Streit in der Stadt steckt. Objekt dieses Ärgers ist das Neue Schloss, ein im Habsburger Gelb gehaltener klassizistischer Kasten von 1820. Das unbewohnte Ensemble ist ererbter Besitz der gräflichen Familie, bröckelt aber vor sich hin. Läge das Schloss tief in den gräflichen Wäldern, wäre das Problem entrückt. Es steht aber am Marktplatz vis-à-vis des Rathauses. Der Bürgermeister hat es ständig im Blick. Klar, dass es nahelag, etwas für das Schloss zu tun. Prinzipiell muss dies auch eine Herzensangelegenheit des Egloffsteinischen Familienoberhaupts Graf Albrecht gewesen sein. Der studierte Kunsthistoriker ist Vizechef des bayerischen Landesdenkmalrates und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Burgenvereinigung.

Blick auf das neue Schloss in Pappenheim. In dem mittelfränkischen Ort hat sich ein bizarrer Kleinkrieg um Fördergelder für eine Schloss-Sanierung entwickelt.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Der Streit um die Sanierung des Neuen Schlosses ließ das Ganze eskalieren

Bund, Freistaat, Stadt und gräfliche Familie kamen schließlich überein, die Sanierung in Angriff zu nehmen. 2010 wurde begonnen. Nach Angaben des Bürgermeisters gab es rund 1,2 Millionen Euro öffentliche Zuschüsse, davon 80.000 Euro von der Stadt. Viel Geld für Pappenheim. Dafür sollten die Egloffsteins auch die Schlossfassade zum Marktplatz hin richten, architektonisch gesehen die Hinterfront. Sie ist aber immer noch schäbig. Dafür hat das Schloss ein neues, teures Kupferdach – und die von der Öffentlichkeit kaum einsehbare Vorderfront des Schlosses zur Altmühl hin wurde teils neu angestrichen. Wie Bürgermeister Sinn sagt, sei gleichzeitig das Geld weg. Er fühlt sich veräppelt: „Die gräfliche Familie hat sich nicht an vertragliche Absprachen gehalten.“

Sinn hätte die 80.000 Euro der Stadt am liebsten zurück oder wenigstens einen Nachweis über ihre Verwendung. Weitere Zuschüsse aus der Städtebauförderung wurden der gräflichen Familie verweigert. Diese braucht jedoch zusätzliche Mittel zur Schlosssanierung. Vier Millionen Euro stehen im Raum. Jedenfalls, glaubt Sinn, würden die Egloffsteins seitdem alles blockieren, was der Stadt helfen könnte. Der Bau eines Fußgängerstegs über die Altmühl sei deshalb gescheitert, ebenso die Vollendung eines Fahrradwegs oder eine Ufertreppe für Bootsfahrer.

Wobei in der Stadt der Schwarze Peter nicht allgemein der gräflichen Familie zugeschoben wird. Sie stößt auch auf Wohlwollen. So war Graf Albrecht dieses Jahr als Schirmherr der Festivitäten zum 150-jährigen Bestehen der Pappenheimer Feuerwehr höchst willkommen. Ein örtlicher Metzger betont: „Ich komme mit dem Grafen gut aus.“ Der nächste angesprochene Geschäftsmann meint, mit dem Adeligen könne man durchaus reden. Zwei Marktfrauen vom Wochenmarkt fragen sich, ob „nicht auch der Bürgermeister ein bisschen Schuld an der verfahrenen Situation“ habe. Angeblich stimme die Chemie zwischen dem Grafen und dem Stadtoberhaupt nicht. Zwei Streithähne seien aufeinandergetroffen.

Von den Angesprochenen will sich keiner namentlich zitieren lassen. „Ich muss mit beiden Seiten gut auskommen“, ist das immer wieder gehörte Argument. Es gehe ein Graben durch die Stadt, dieser solle nicht vertieft werden, erklären Gesprächspartner in den Gassen. Wie es aber jetzt erst einmal weitergeht, ist unklar. Der Enteignungsantrag zu den vier Quadratmetern läuft. Zuerst muss das Landratsamt entscheiden. Ausgang unklar. Alternativ wäre es für die Stadt möglich, das betroffene Sträßchen etwas zu verlegen. „Das würde rund 470.000 Euro kosten“, hat Bürgermeister Sinn ausrechnen lassen. Eine Summe, die seiner Meinung in keinem Verhältnis zur Minifläche steht.

Von der gräflichen Familie gab es indes einen Einigungsvorschlag. Demnach wäre sie zu einem Tausch bereit: das Streitobjekt gegen ein Zugriffsrecht auf Gehwegflächen vor dem Neuen Schloss und vor dem familiären Wohnsitz, dem nahen, recht gepflegten Alten Schloss. Bürgermeister Sinn kalkuliert. Das wären laut seinem Ergebnis vier gegen 450 Quadratmeter. „Das geht ja gar nicht“, sagt Sinn. „Da wären wir ja komplett die Dummen.“

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09.01.2020

Lächerlich wenn man wegen 4 Quadratmeter so einen Aufstand macht. Es stünde den Blaublütern gut zu Gesicht wenn sie sich nicht so anstellen würden und die 4 m² unbürokratisch der Stadt schenken würden. Bevor jemand auf die Idee kommen könnte dass ebendiese Adligen über Jahrhunderte das Volk ausgepresst haben.

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