Newsticker

Erneut mehr als 11.000 neue Corona-Fälle in Deutschland
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Was ist die Kultur in München, was ist sie in Augsburg wert?

Kommentar

04.02.2015

Was ist die Kultur in München, was ist sie in Augsburg wert?

Statt einen zusätzlichen Konzersaal zu bauen, wollen Stadt und Freistaat die Philharmonie im Gasteig in München sanieren.
Bild: Matthias Schönhofer, dpa

Die Landeshauptstadt München gibt sich in Fragen eines neuen Konzertsaals kleinmütig. Schwabens Zentrum Augsburg hat einen beispiellosen Kraftakt zu vollführen.

Es ist ja nicht so, dass heile Welt herrscht rund um Bayerisch-Schwaben mit seinem Theater Augsburg, das aus Brandschutzgründen kurz vor der Schließung steht – und auch unabhängig davon dringend zu sanieren ist. Die unglückselige Verzahnung zwischen kommunalen Finanznöten einerseits und notwendigem großstädtischen Substanzerhalt andererseits hat schon manche Großstadt ins Dilemma geführt: beispielsweise Wuppertal, Rostock, Würzburg.

Nicht überall ging es bei diesem Dilemma so glimpflich aus wie in Würzburg, wo das Theater zeitweise auf der Kippe stand – doch dann durch bayerische Landeshilfe gerettet werden konnte. Wuppertals marode große Schauspiel- und Tanztheaterbühne etwa ist seit gut eineinhalb Jahren geschlossen.

Insofern muss man dem Augsburger Oberbürgermeister schon einmal Respekt zollen, wenn er in der derzeitigen Krisenlage die „Notwendigkeit“ eines Theaters „nicht in Abrede“ stellt. Die Krisenlage aber ist, dass jüngste Überschlagszahlen die Sanierungskosten für das Theater Augsburg satt verdoppeln – von 90 Millionen Euro auf knapp 200. Mit der Erklärung des Oberbürgermeisters ist gleichwohl schon einmal eine Marschrichtung vorgegeben. Aufgeben gilt nicht. Kunst und Kultur gehören wesentlich zur Großstadt. Auf steuereintreibende Finanzämter wird ja auch nicht verzichtet.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Freilich ist mit dem Stadtspitzen-Bekenntnis zum größten Theater von Bayerisch-Schwaben, das durch Besucherorganisationen weit ins Land strahlt, weder eine garantierte kommunalpolitische Absegnung geschaffen noch das fehlende Geld für den Start der Sanierung eingesammelt. Mit Sicherheit wächst der Rechtfertigungsdruck auf die Kultur; mit Sicherheit wird sich mancher Finanzpolitiker veranlasst sehen, neu nachzudenken: Wie viel ist uns – bei allen Pflichtaufgaben und Pflichtausgaben – die Kunst und die Kultur wert?

Auf höherem Niveau beschäftigt diese Frage soeben auch München, wo es nicht um notwendigen Kultur-Erhalt, sondern gar um Kultur-Ausbau geht: Die Erfordernis eines dritten Konzertsaals für die Millionenmetropole war erkannt worden, zehn Jahre wurde darum gerungen, dann kreißten Ministerpräsident Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Reiter und gebaren letzten Montag ein Frühchen von Mäuslein: Entkernung plus sowieso notwendige Sanierung der Philharmonie am Gasteig.

Dieser lokale Kleingeist, diese provinzielle Kläglichkeit dürften allerdings ein Nachspiel haben: Es formiert sich namhafter Widerstand gegen die Entscheidung von darniederliegendem Sachverstand. Bliebe es jedoch bei Seehofers Wort, so würde sich ein Gedanke aufdrängen, den man eigentlich nicht formulieren möchte, weil nicht die eine Erfordernis gegen die andere Notwendigkeit ausgespielt werden sollte. Aber vielleicht wird ja nach der Münchner Minimalstlösung eine versprochene finanzielle Freistaatunterstützung wieder frei.

Jeder Landespolitiker wird nun sagen: Aha, der übliche Reflex, der Ruf nach dem Freistaat. Dem könnte entgegengewirkt werden: Indem durch Eigeninitiative jetzt eine Allianz pro Theater Augsburg geschmiedet wird – aus politischem Willen, Bürgerbewegung, schwäbischen Gebietskörperschaften und schwäbischen Unternehmensinteressen. Jeder ist aufgerufen. Schon einmal haben Bürgerinitiative und Bürgerfront etwas erreicht in Augsburg: eine neue Stadtbücherei. Darauf kann man stolz sein. Und dieser Stolz kann sich verdoppeln. Augsburgs politischer Kristallisationspunkt Rathaus wurde 1985 wieder hergerichtet, der Verkehrskristallisationspunkt Königsplatz 2013, nun folgt der kulturelle Kristallisationspunkt Theater.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren