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Bayern

04.04.2018

Wenn Patienten in der Notaufnahme plötzlich ausrasten

Auch am Klinikum Augsburg ist ein Sicherheitsdienst im Einsatz.
Bild: Ulrich Wagner

Immer mehr Ärzte und Pfleger werden in Krankenhäusern angegriffen. Wie Kliniken reagieren und warum nicht nur Krankheiten Grund für Attacken sind.

Erst musste eine Fensterscheibe dran glauben. Der Mann warf mit so viel Kraft eine Tasse gegen das Schwesternzimmer, dass das Glas zu Bruch ging. Dann stieß er auch noch mehrere Regale und Vitrinen um. Schaden: um die 1000 Euro. Das Erschreckende an dem Vorfall vor 15 Monaten war: Der 33-Jährige war gerade Patient im Krankenhaus in Donauwörth, und er rastete mitten auf der Station aus.

Randale in der Klinik – ein Ausnahmefall? Das würde Siegfried Hasenbein so nicht unterstreichen. Nicht mehr. Der Mann aus Friedberg bei Augsburg ist Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft und sagt: „Wir hören immer öfter von Gewalt in bayerischen Krankenhäusern, insbesondere in den Notaufnahmen.“ Mit der Folge, dass immer mehr Kliniken Sicherheitsdienste einsetzen, die Städtischen Kliniken und der Dritte Orden in München beispielsweise erst seit einigen Monaten. An der Uniklinik Ulm wiederum gibt es einen solchen schon seit Jahrzehnten, in erster Linie nachts zur Bewachung des Geländes. Aber er kann auch bei Gewaltausbrüchen hinzugezogen werden. Und davon gibt es immer mehr, sagt eine Sprecherin – „vor allem verbale Gewalt“.

Das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketages hat sich gerade erst auf einem gesundheitspolitischen Kongress in Irsee im Ostallgäu mit diesem Thema befasst. Zwar versucht die Mehrzahl der Kliniken noch, ohne Wachdienste renitente Patienten zu besänftigen, also ausschließlich durch das Ärzte- und Pflegepersonal. Vielerorts gibt es dafür spezielle Weiterbildungen, auch in der Ausbildung wird heute mehr Wert auf Deeskalationstraining gelegt als in früheren Zeiten. Aber reicht das auf Dauer? Für Hasenbein jedenfalls steht fest: „Wir beobachten, dass in unserer Gesellschaft aggressives Verhalten in allen Lebensbereichen zunimmt.“ Gerichte, Arbeitsagenturen und andere Behörden haben schon ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

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Krankenschwestern werden angepöbelt

Am Augsburger Klinikum ist ein eigener Sicherheitsdienst im Einsatz, und der muss schon mal zupacken, wie kurz vor Weihnachten 2017. Ein betrunkener 31-jähriger Mann, der bei einem Streit einen Faustschlag abbekommen hatte, war schon im Rettungswagen ausfällig geworden. Er beleidigte die Sanitäter und warf mit blutgetränkten Mullbinden nach ihnen. In der Notaufnahme ging es dann weiter. Er pöbelte Krankenschwestern an und wurde derart rabiat, dass der Sicherheitsdienst anrücken musste. Der wurde ebenfalls attackiert, sodass nur noch die Polizei half.

In der Notaufnahme des Klinikums wird jede Gewalt gegen das Personal schriftlich dokumentiert. Im Schnitt gebe es eine Gewalttat am Tag, sagt eine Sprecherin, wobei auch verbale Ausfälle als Gewalt gelten. Dies sei vor allem in der Geriatrie ein Thema, wenn sich demenzkranke Menschen aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr richtig ausdrücken können und mit Aggression reagieren. Andere Gründe können eine psychische Erkrankung, natürlich Alkohol und Drogen, aber auch pure Angst sein.

Dr. Albert Putzhammer ist Leitender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren. Er hat festgestellt, „dass die Anspruchshaltung der Menschen gewachsen ist“. So werde „aggressives Auftreten vermehrt genutzt, um seine Interessen durchzusetzen – etwa bei langen Wartezeiten“. Auch die Hemmschwelle, „einem Mitarbeiter Angst zu machen, wenn einem etwas nicht passt, ist gesunken“. In der psychiatrischen Klinik werde etwa jeder 50. Patient übergriffig. Ob er selbst schon attackiert wurde? „Ja, ich wurde als junger Arzt einmal in einer Sprechstundensituation mit einem Messer bedroht, und ich kann mich erinnern, dass ich auch einmal von einem Patienten angespuckt wurde.“ Die Freude an seinem Beruf habe ihm der Vorfall aber nicht genommen.

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