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28.08.2018

Wer passt auf die Kinder auf?

Betreuung Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fehlen in bayerischen Kindergärten und -krippen fast 8000 Erzieher. Wo die Probleme am größten sind und warum diese sich mit Geld alleine nicht lösen lassen

Ottobeuren/Augsburg Fischstäbchen mit Pommes. „Das haben sich die Kinder gewünscht“, erklärt Monika Brugglehner. Und weil die „Arche Noah“ am Dienstag zum ersten Mal nach der Sommerpause wieder geöffnet hat, wird der Wunsch der Kinder prompt erfüllt. Also gibt es Fischstäbchen, dazu ein bisschen Salat und Melone als Nachspeise.

19 Kinder sind an diesem Tag in den Kindergarten in Ottobeuren (Landkreis Unterallgäu) gekommen. „Sie haben viel von den Ferien erzählt und haben sich gefreut, wieder da zu sein. Daher war heute alles auch recht entspannt“, sagt Leiterin Brugglehner. Ab nächster Woche werde es dann wieder voller in der Arche: Bis zu 54 Kinder besuchen dann täglich die von der evangelischen Kirchengemeinde betriebene Einrichtung. Betreut werden die Zwei- bis Sechsjährigen von insgesamt zehn Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen – zwei davon arbeiten Vollzeit. „Im Schnitt kommen auf eine pädagogische Fachkraft zehn Kinder“, sagt Brugglehner.

Der Personalschlüssel der „Arche Noah“ liegt damit über dem bayernweiten Durchschnitt. Dieser lag zum 1. März 2017 bei 8,5. Das ergibt jedenfalls eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, deren Ergebnisse am Dienstag vorgestellt wurden. Demnach werden Kinder in Baden-Württemberg (7,1) – quantitativ gesehen – am besten betreut, Bayern liegt auf Rang sechs, am schlechtsten schneiden die Bundesländer in Ostdeutschland ab. In Kindergärten in Mecklenburg-Vorpommern wurde beispielsweise ein Personalschlüssel von 13,4 errechnet. „Die Kita-Qualität hat sich bundesweit verbessert – die Kluft zwischen den Ländern ist allerdings geblieben“, fasst Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, das Ergebnis der Studie zusammen und fordert „bundesweit einheitliche Qualitätsstandards“ für Kindertagesstätten.

Selbst in Bayern – das sich in denen vergangenen fünf Jahren „nur geringfügig“ verbessert habe – sind klare Unterschiede zwischen den Regionen zu erkennen, insbesondere bei den Kinderkrippen. So betreute eine Fachkraft im Landkreis Hof im vergangenen Jahr im Schnitt 4,7 Kinder unter drei Jahren und damit zwei mehr als beispielsweise im Landkreis Rosenheim (2,7). Die Macher der Studie sehen daher im Freistaat „weiterhin Ausbaubedarf“, was die pädagogische Personalausstattung der Kindertagesstätten betrifft. 7889 zusätzliche und vollzeitbeschäftigte Fachkräfte seien notwendig, um die, von der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Personalschlüssel – 7,5 in Kindergärten, 3,0 in Krippen – zu erreichen. Nach Angaben der Stiftung wären dafür zusätzlich rund 344 Millionen Euro pro Jahr notwendig.

„Sich nur auf den Personalschlüssel zu fixieren, wird der komplexen und verantwortungsvollen Aufgabe der Kinderbetreuung nicht gerecht. Die blanken Zahlen sagen nur wenig über die Qualität der Kinderbetreuung aus“, erwidert Bayerns Familienministerin Kerstin Schreyer (CSU). Mehr Personal bedeute nicht automatisch mehr Zeit und mehr Qualität. Der Freistaat setze bei der Verbesserung der Kinderbetreuung auf unterschiedliche Maßnahmen. Beispielsweise den Einsatz von Beratern, die Kitas vor Ort helfen sollen, ihre pädagogische Arbeit weiterzuentwickeln. Aktuell werde geprüft, wie das pädagogische Stammpersonal durch den Einsatz zusätzlicher Tagespflegekräfte entlastet werden kann. Darüber hinaus habe Bayern viel Geld in die Förderung von Betreuungsangeboten gesteckt. Seit 2008 rund 930 Millionen Euro – „mehr als jedes andere Land“.

Doch mit Geld allein lassen sich nicht alle Probleme lösen, weiß auch Monika Brugglehner. Es werde immer schwieriger, überhaupt ausgebildete Erzieherinnen zu finden. Diese würden dann sehr häufig nur in Teilzeit arbeiten, was organisatorisch im täglichen Betrieb zu einigen Herausforderungen führe. Dazu käme ein bürokratischer Aufwand, der viel Zeit in Anspruch nehme und zulasten der Kinder gehe.

„Es wäre wünschenwert, dass unsere Gesellschaft endlich erkennt, wie wichtig die Erziehung und Betreuung unserer Kinder ist“, sagt Brugglehner. Sie meint damit die Politik, die den Beruf des Erziehers attraktiver gestalten und mehr Geld zur Verfügung stellen müsse. Sie meint damit aber auch die Eltern, denen bewusst sein müsse, „dass sie für 70 Euro im Monat keine ganztägige Rundumversorgung erwarten können“.

Fernab der „Arche Noah“ stellte am Dienstag Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in Potsdam einen Entwurf für ein „Gute-Kita-Gesetz“ vor. 5,5 Milliarden Euro sollen demnach in bessere Personalausstattung, Gesundheits- und Sprachförderung für die Kleinen und die Entlastung der Kita-Leitungen investiert werden.

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