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Finanzskandal

06.02.2018

Wie 60 Millionen Dollar aus Eichstätt im Wilden Westen landen konnten

Das Bistum Eichstätt hat durch dubiose Geschäfte eines Mitarbeiters wohl 60 Millionen US-Dollar verloren.
Bild: Bistum Eichstätt

Wie konnte ein Mitarbeiter des Bistums Eichstätt 60 Millionen US-Dollar in dubiose Projekte in Texas und Florida investieren? Wer wusste noch davon?

Vor eineinhalb Jahren flog Ulrich Wastl im Auftrag des Eichstätter Bischofs in die USA. Nach Texas, in die Gegend rund um Dallas. Wo die Landschaft aussieht wie in den Western-Klassikern, machte sich der Rechtsanwalt auf die Suche nach Geld: 60 Millionen US-Dollar, umgerechnet 48,2 Millionen Euro, waren in den Monaten zuvor . Investiert in dubiose Darlehen für Gesellschaften, die dort Immobilienprojekte entwickeln sollten.

Wastl suchte – so erzählte er am Dienstag bei einer Pressekonferenz des Bistums Eichstätt – in Texas, aber auch in Florida nach Grundstücken, die möglicherweise überhaupt nicht existieren. Als er feststellte, dass es zumindest die Flächen gibt, war er etwas erleichtert. Doch ob die Millionen in den USA komplett verpufft sind oder nicht, das kann er nach wie vor nicht beantworten.

Mitarbeiter des Bistums Eichstätt verzockt 60 Millionen US-Dollar

Fest steht offenbar: Der frühere stellvertretende Finanzdirektor der Diözese, der im Juli 2014 seinen Dienst antrat, hat über zwei Jahre lang 31 Kredite mit einem Volumen von 60 Millionen US-Dollar an die US-Gesellschaften vergeben. Nahezu alle ungesichert, versprochen worden war ein Zinssatz zwischen sieben und zehn Prozent. Die Laufzeit betrug zwischen zwei und fünf Jahren. Als der Bistumsmitarbeiter dann ein Jahr im Amt war, startete der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke – wie von den deutschen Bischöfen für alle Bistümer gefordert – eine „Transparenzoffensive“.

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Die Finanz-Strukturen sollten durchschaubarer werden; das Bistum kündigte an, eine Bilanz nach den Regeln des Handelsgesetzbuches vorzulegen. Externe Experten wurden für die Neustrukturierung herangezogen. Schon im Mai 2016 wurden die Wirtschaftsprüfer stutzig. Sie stießen auf die US-Kredite, zu denen es kaum seriöse Unterlagen gab. Vom Bistumsmitarbeiter, der die Kredite für die Diözese eingefädelt hatte, trennte sich das Bistum im September 2016. Danach war nach Auskunft von Wastl, der die Transparenzoffensive von Anfang an als Jurist begleitete, immer deutlicher geworden, dass das Ganze womöglich nicht nur ein schlechtes Investment war – sondern ein Fall für den Strafrichter.

Zwei Verdächtige sitzen in U-Haft

Immerhin hatte der beschuldigte Bistumsmitarbeiter, der einst Theologie studierte und vor seiner Zeit in Eichstätt im Bank- und Finanzsektor arbeitete, versprochen, dass im Jahr 2017 fällige rund 21 Millionen Euro zurückfließen würden. Seit kurzem sitzen er und sein in den USA tätiger deutscher Geschäftspartner in Deutschland in U-Haft.

Nach Auskunft des Bistums kam tatsächlich Geld zurück – einmal 1,5 Millionen, einmal 400.000 Euro. Sonst nichts. Die restlichen Millionen seien noch nicht fällig. Im schlimmsten Fall könnte das Bistum also auf einem Verlust von weit über 40 Millionen Euro sitzen bleiben.

Aber wie konnte der Mitarbeiter, der sich mit seinem Geschäftspartner auch selbst bereichert haben soll, überhaupt mit solchen Summen jonglieren? Zwar hat sein Vorgesetzter, der Leitende Finanz- und Baudirektor – ein Geistlicher ohne tiefe betriebswirtschaftliche Ausbildung –, die Verträge im Sinne des Vier-Augen-Prinzips mitunterzeichnet. Gegen ihn wird jedoch nicht ermittelt. „Vielleicht wurde er getäuscht“, sagte Wastl. Der kritisierte am Dienstag auch scharf die kirchlichen Strukturen. Die Kirche habe sich zu sehr auf das Prinzip „Vertrauen ersetzt Kontrolle“ verlassen, sagte er. So habe etwa auch der Diözesanvermögensverwaltungsrat den Transaktionen nicht zustimmen müssen. Inzwischen ist das Gremium mit externen Experten besetzt; um das Vermögen des Bistums kümmern sich professionelle Anlageverwalter. „Wir sind Opfer und nicht Täter“, betonte Wastl.

Bistum Eichstätt: Keine kirchlichen Projekte gefährdet

Kirchliche Projekte seien nicht gefährdet, ergänzte Generalvikar Isidor Vollnhals. Auch Bistumsmitarbeiter müssten nicht um ihre Jobs fürchten. Die möglicherweise verlorenen Millionen stammten ausschließlich aus den Rücklagen der Kirche, es sei also keine Kirchensteuer in Texas verschwunden.

Auf die Frage, ob ein ähnlicher Skandal im Bistum Augsburg möglich wäre, erklärte dieses am Dienstag: „Das Bistum Augsburg hält keine Direktanlagen im Ausland und hat kein Geld in ausländischen oder in US-Immobiliengeschäften angelegt.“ Auch die Vergabe von Krediten gehöre nicht zum „Anlagehorizont“. Zudem verwies das Bistum auf seine Anlagerichtlinien und die zuständigen Kontrollgremien. Das Bistum bilanziert seit 2014 nach den Regeln des Handelsgesetzbuches. (mit wida)

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