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Familie

28.04.2020

Wie Corona Eltern und Kinder an ihre Grenzen bringt

Familie Röltgen in ihrem Garten in Augsburg – Vater Stefan, Mutter Gaby und die Kinder Anna-Lena, Lars und Leopold.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Kitas und Schulen sind seit Wochen zu. Eltern reiben sich zwischen Homeoffice und Homeschooling auf. Kinder vermissen ihre Freunde. Wie lange geht das noch gut?

Am 3. April hat Lars alle paar Stunden ein klein wenig seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Über den Tag verteilt fand er immer wieder Geschenke im Haus. Und er hat viele Videotelefonate geführt und Sprachnachrichten mit Glückwünschen von Oma und Opa und anderen Verwandten erhalten. „Wir feiern trotzdem mit dir und wir denken an dich“ hieß es ganz oft. Vater Stefan Röltgen weiß, dass seinem Sohn trotz Geschenken, Kuchen sowie einer kleinen Feier mit seinen Eltern und beiden Geschwistern etwas an seinem Geburtstag gefehlt hat. „Lars war an diesem Tag frustriert. ,Blödes Corona’ hat er gesagt.“ Denn Lars hatte sich eigentlich eine Feier im Garten mit seinen Kindergarten-Freunden gewünscht, die er da schon zwei Wochen lang nicht mehr gesehen hatte.

So wie Lars geht es derzeit tausenden Kindern im Freistaat. Seit die Ausgangsbeschränkungen gelten, können sie ihre Freunde nicht mehr sehen. Seit 16. März dürfen die Kleinsten nicht mehr in die Kitas, Schüler müssen zu Hause bleiben. Ausnahmen gibt es seit dieser Woche nur für die Abschlussklassen. Am 11. Mai könnten die, die im nächsten Jahr ihren Abschluss machen, folgen – vielleicht auch die Viertklässler. Bis Pfingsten soll jeder Schüler zumindest einmal wieder in der Schule gewesen sein, betont Ministerpräsident Markus Söder. Doch sicher ist das nicht.

Immer mehr Eltern fühlen sich während Corona-Krise im Stich gelassen

Wann die Kitas wieder öffnen, sagt Söder nicht. Zwar gilt seit Montag eine ausgeweitete Notfallbetreuung für Kinder. Dennoch: Der Großteil der Eltern muss weiterhin schauen, wie sie ihre Kinder zu Hause betreuen. Manche sind nach den zurückliegenden sechs Wochen erschöpft, andere genervt und gestresst. Im Netz formiert sich der Protest. Unter #kinderbrauchenkinder fordern Väter und Mütter, Kitas und Grundschulen wieder zu öffnen. Unter #coronaeltern beklagen sie, dass sie sich von der Politik übergangen und im Stich gelassen fühlen. Denn: Wie soll man das organisieren – den Spagat zwischen Beruf und Kinderbetreuung, zwischen Homeschooling und Haushalt? Wie lange soll das noch so weitergehen? Und vor allem: Mit welchen Folgen für die Kinder?

 

„Die ersten zwei Woche waren noch ganz lustig“, sagt Stefan Röltgen, 39, der mit seiner Familie im Augsburger Stadtteil Haunstetten lebt. Fast so etwas wie unverhoffte Familienzeit. „Dann haben wir aber gemerkt, dass einfach Dinge fehlen, die den Alltag der Kinder ausmachen.“ Anna-Lena, 8, und Lars vermissen ihr Judo. Und natürlich ihre Freunde. Nach Ostern kippte die Stimmung dann, erzählt der Vater am Telefon. Alltägliches führe zu Streitereien, was vorher nicht so gewesen sei. „Nach so einer langen Zeit zu Hause, ohne mit anderen Kindern spielen zu dürfen, langweilen sich die drei mittlerweile.“

Röltgen ist in diesen Tagen viel daheim, seit sieben Wochen arbeitet der Versicherungskaufmann im Homeoffice. Er weiß, dass seine Situation einfacher ist als die anderer Familien. Seine Frau Gaby ist zu Hause. Die 33-Jährige übernimmt die Kinderbetreuung und ist derzeit zusätzlich Lehrerin, Konfliktlöserin und vieles mehr. Ihr Beruf als Diplomsozialpädagogin hilft ihr, den Alltag zu managen, erzählt ihr Mann. Er kann sich auf seine Arbeit konzentrieren. Eine Luxussituation. „Ich jammere auf hohem Niveau.“

Der Tag ist klar strukturiert: Erst Schulaufgaben, dann Sport, lesen und spielen

Der Alltag unter der Woche sieht bei Röltgens so aus: Papa Stefan sitzt spätestens ab 7 Uhr im Schlafzimmer am Schreibtisch. Um 8.30 Uhr läutet Mama Gaby nach dem Frühstück den Schulgong in Form einer Triangel. Nach einem gemeinsamen Morgenlied sollen die zwei Großen möglichst zwei Stunden lang konzentriert ihre Schul- und Kindergartenaufgaben machen, die sie per Post und E-Mail bekommen, der dreijährige Leopold spielt. Dann geht es in den Garten, quasi als Sportunterricht-Ersatz. Bei schlechtem Wetter gibt es Alba Berlins tägliche Sportstunde auf Youtube zum Mitmachen.

Eigentlich ist es ja schön - so richtig viel Zeit als Familie zu haben. Aber für die Röltgens ist die Corona-Zeit anstrengend, wie für viele andere Familie auch.
Bild: Ulrich Wagner

Während der Jüngste nach dem Mittagessen schläft, lesen die beiden Größeren oder hören Hörbücher. Danach überlegt sich Mama Gaby allerlei, um den Nachmittag rumzubringen: Garteln, Basteln oder Spielen – ein Würfel-Rechenspiel etwa, mit dem sich die Kinder Fernsehzeit erarbeiten können. „Aber langsam gehen die Ideen aus“, sagt Stefan Röltgen. „Nach der Arbeit versuche ich gerade mit unserem Mittleren noch eine Runde um den Block zu drehen oder Fahrrad zu fahren, da er oft noch hibbelig ist.“

Eine Tagesstruktur trotz der Corona-Ausnahmesituation aufrechtzuerhalten, sei wichtig, erklärt Peter Lehndorfer, der jahrzehntelang als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Planegg gearbeitet hat. Es gehe darum, Grenzen wie die Fernsehzeit einzuhalten. Darum, Geduld und Gelassenheit zu leben und Hilfestellungen beim Lernen zu geben. Aber er weiß auch: „Was so einfach klingt, ist zuweilen dennoch sehr schwer umzusetzen.“ Gerade wenn man gestresst ist, wenn man ohnehin am Limit ist.

„Momentan hat der Tag nicht genügend Stunden“, sagt die Mutter

Eine Situation, die auch Carolin Hurler aus Monheim im Donau-Ries kennt. „Ich bin ganz ehrlich teilweise am Verzweifeln, wenn ich mir vorstelle, dass das noch Monate so weitergehen soll.“ Ihren Vollzeitjob als Ingenieurin macht sie seit sechs Wochen von daheim aus, ihr Mann Matthias – ebenfalls Ingenieur – seit fünf Wochen. Nebenher müssen sie noch ihre drei Jungs – Mikah, 1, Jonah, 5, und Eliah, 7 – betreuen. Eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung für einen der Erwachsenen. „Momentan hat der Tag nicht genügend Stunden“, sagt Hurler am Telefon. Sie klingt resigniert. Schon in normalen Zeiten bleibt mit drei kleinen Kindern kaum Luft, wenn beide Eltern Vollzeitjobs haben. Schon dann darf nicht viel passieren. Jetzt müsse mindestens einer bis spät nachts arbeiten, um die Stunden reinzuholen.

 

Denn die Kita- und Schulschließungen sind ja nur das eine. Hinzu kommt, dass auch die Oma als Betreuungsperson wegfällt. „Normalerweise holt meine Mutter den Kleinen von der Krippe und den Mittleren vom Kindergarten ab und betreut die drei ab Mittag, bis ich nachmittags nach Hause komme. Da sie aber zur Risikogruppe gehört, ist das gerade keine Alternative für uns.“ Doch ab kommender Woche scheint es keine andere Lösung mehr zu geben. Denn dann müssen die 35-Jährige und ihr Mann wieder mindestens zwei Tage vor Ort in der Firma in Donauwörth arbeiten. Carolin Hurler hat Urlaub beantragt, doch der wurde abgelehnt.

Die Eltern arbeiten und müssen gleichzeitig ihre Kinder betreuen

Derzeit arbeiten sie und ihr Mann, während einer noch parallel die Kinder betreut. Doch der siebenjährige Eliah sei schwer zu motivieren, seine Schulaufgaben zu machen, wenn seine beiden kleineren Brüder neben dem Esstisch spielen. „Wenn einer dann schreit oder ich mal telefonieren muss, kann er sich auch nicht so gut konzentrieren.“ Die Erstklassaufgaben dauern da vormittags schon mal drei oder vier Stunden. Außerdem braucht Eliah oft Hilfe: „Die Kinder in der ersten Klasse können noch nicht so sicher lesen, um überhaupt ihre Aufgaben richtig zu verstehen.“

Während die achtjährige Anna-Lena  Hausaufgaben macht, spielt ihr kleinerer Bruder.
Bild: Ulrich Wagner

Bis Ostern haben die Schüler den Unterricht wiederholt, nun kommt auch Neues dazu. „Als Erwachsene beherrschen wir den Stoff der ersten Klasse“, sagt Carolin Hurler, „aber uns fehlt die Zeit und auch das fachliche Können zum Erklären. Wir sind keine Pädagogen.“ Trotz der ganzen Aufgaben und Wiederholungen merkt sie, dass Eliah im Rechnen und Lesen langsam immer schlechter wird. Hurler wäre froh, wenn ihr Sohn bald wieder in die Schule könnte, wenn vielleicht auch nur zwei Tage die Woche. „Damit wäre schon viel geholfen. Wir Eltern könnten Liegengebliebenes aufarbeiten und die Kinder könnten ihre Freunde wieder sehen.“ Lösungen wegen des Sicherheitsabstands fänden sich bestimmt, was die Erstklässler auch verstehen würden.

Auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Lehndorfer ist überzeugt, dass Homeschooling keine dauerhafte Alternative ist: „Gerade die Schule ist ein Ort, wo man Wissen, soziales Miteinander, Rücksichtnahme sowie Gruppenverhalten erlernen und üben kann.“

Drei Kinder und zwei Vollzeitjobs - das ist schon in normalen Zeiten genug

Stefan Röltgen und Carolin Hurler sind sich einig, dass es für ihre Kinder zunehmend belastender wird, dass sie ihre Freunde nicht treffen können. Und doch wissen sie, dass es ihre Kinder im Vergleich noch gut haben: Sie haben Geschwister, mit denen sie spielen können. Und dennoch: „Meine Kinder verstehen, dass Corona eine schlimme Krankheit ist. Aber das Leben läuft in ihrer Wahrnehmung ganz normal weiter und es wird immer schwieriger, zu erklären, warum man weiterhin zu Hause bleiben muss“, sagt Stefan Röltgen. Lars ist im letzten Kindergartenjahr und traurig, dass er vermutlich keinen Abschied mehr im Kindergarten haben wird und seine Freunde im September auf unterschiedliche Schulen gehen werden. Das gilt auch für Carolin Hurlers Sohn Jonah.

 

Wie aber soll es bis dahin weitergehen? Den Vorschlag von Söder, dass künftig zwei Familien gegenseitig ihre Kinder betreuen, findet Carolin Hurler wesentlich sinnvoller, als die Kitagebühren für drei Monate zu erlassen. Andere Länder sind da schon weiter. In Dänemark haben seit zwei Wochen Krippen, Kindergärten und Schulen bis zur fünften Klasse wieder geöffnet, vor allem, um Eltern zu entlasten. In Deutschland haben die Kultusminister am Dienstag klargestellt, dass jeder Schüler vor den Sommerferien in die Schule soll. Eine Perspektive für die Kita-Kinder gibt es nicht.

Für Kinder ist Kontakt mit Gleichaltrigen wichtig

Dabei sei der Kontakt zu Gleichaltrigen wichtig, sagt Therapeut Lehndorfer, „um sich messen zu können, um zu üben, wie man mit Konflikten umgeht, um eigene Talente zu entdecken, um mit Misserfolgen zurechtzukommen, um Freude zu empfinden, um Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu lernen und letztlich auch, um Gefühle wie Liebe entwickeln zu können“.

Nach über einer Stunde am Telefon muss Stefan Röltgen weiterarbeiten. Die Zeit ist knapp. Mehrere Telefonkonferenzen stehen an. Zum Schluss sagt er noch, dass er sich von der Politik eine klarere Perspektive wünscht, wie und vor allem wann wieder ein normales Leben möglich ist. Dann könnte er auch Lars sagen, wann er seinen sechsten Geburtstag mit seinen Freunden im Garten nachfeiern kann.

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Die Diskussion ist geschlossen.

29.04.2020

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"Schon in normalen Zeiten bleibt mit drei kleinen Kindern kaum Luft, wenn

beide Eltern Vollzeitjobs haben. Schon dann darf nicht viel passieren"

Grundproblem erkannt !

.,

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29.04.2020

Tja, nun kann man sein Kinder mal richtig hautnah kennenlernen, wenn man sie aus beruflichen Gründen sonst von einer Fremdbetreuung in die andere schiebt.

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