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03.02.2019

Wie Magdalena Bleh seit über zehn Jahren dem Krebs trotzt

Magdalena Bleh musste schon viele Diagnosen verkraften. Doch die 51-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Als Model zeigt sie, dass man trotz Krankheit schön sein kann.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Magdalena Bleh ist 36, als sie zum ersten Mal die Diagnose Brustkrebs erhält. Es ist nicht die letzte. Trotz allem modelt die 51-Jährige für Bademoden und Wäsche.

Eine attraktive Frau springt mit weit ausgestreckten Armen kraftvoll in die Höhe. Sportlich ist sie. Trägt kurze weiße Hose, blaues T-Shirt, Turnschuhe. Sie freut sich. Ihr ganzes Gesicht ein Strahlen. Pure Lebensfreude ist das.

Etwa zehn Jahre alt ist die Aufnahme. Sie findet sich in einem Katalog für Wäsche, Bade- und Sportmoden. Magdalena Bleh hat sich nicht verändert. Enge, schwarze Trainingshose, pinkfarbenes, ärmelfreies Shirt, ein Schweißband um die kurzen Haare. Die 51-Jährige bewegt sich flott auf ihrem Crosstrainer. An der Wand lehnt ein Trampolin. Täglich trainiert sie hier im ersten Stock ihres großen, gemütlich eingerichteten Hauses in Kirchberg im Landkreis Erding. Oder bereitet ihre Kurse für die Volkshochschule Erding vor: „Zumba, Dance and more“ gibt sie. Auch „Bodystyling“ und „Pilates“. „Es ist wie eine Droge“, sagt sie. „Beim Sport vergesse ich alles. Da muss ich mich ja auch konzentrieren auf meine Choreografie.“

Eine Reise nach Asien wäre toll. Doch so weit im Voraus kann sie nicht planen

Ihr Blick fällt beim Training allerdings nicht auf die großen Porträts, die sie als Model für Bade- und Sportmode zeigen, sondern auf ein riesiges Foto einer langen Hängebrücke, die auf einen mächtigen Baum zuführt. Magdalena Bleh liebt dieses Bild. Zu gern wäre sie mal dort, wo es entstanden ist, in Asien. Doch Fernreisen sind schwierig. Ungern plant sie sehr lange im Voraus. Denn was keiner dieser schlanken, sportlichen Frau ansieht – sie hat einem gnadenlosen, einem völlig unberechenbaren Gegner den Kampf angesagt: dem Krebs.

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Rund um den Globus wird am heutigen Weltkrebstag über die Erkrankung, Therapien und Prävention informiert. Magdalena Bleh ist 36 Jahre alt, als sie erfährt, dass in ihrer linken Brust ein Tumor sitzt. „Dabei fühlte ich mich fit wie ein Turnschuh“, erinnert sie sich. Frisch verliebt war sie damals. Holger heißt der Auserwählte. Ein Jahr jünger als sie. Groß. Banker. Ein Mann, der vor allem so schön und so viel lacht. Zwei Tage vor der Operation macht er ihr einen Antrag. 2004 heiraten sie. Magdalena Bleh, die als Personalsachbearbeiterin beschäftigt ist, geht zwar auf Reha nach Scheidegg ins Allgäu, will aber das Kapitel Krankheit schnell abschließen, will zurück in den Alltag, endlich eine Familie, Kinder. Doch schon 2005 ertastet sie wieder einen Knoten.

Zwei Tage vor der Operation macht Holger ihr einen Heiratsantrag

Ganz überraschend kommen die Erkrankungen für Magdalena Bleh nicht. Ihre Mutter hatte Krebs. Tanten mütterlicherseits auch. Aufmerksam mit ihrem Körper war sie daher stets. Doch erst 2005 wird sie getestet und erfährt, dass sie Trägerin des BRCA1-Gens ist. Ihr Risiko, an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken, ist damit deutlich erhöht. 2006 stirbt ihre Mutter an Krebs.

Magdalena Bleh geht wieder arbeiten, allerdings nur noch Teilzeit. Und sie findet vor allem eine Aufgabe, die sie bis zum heutigen Tag mit mindestens ebenso großer Freude erfüllt wie der Sport: Die damals 40-Jährige beginnt zu modeln. Für „Anita“. Ein Hersteller, der auch Wäsche, Bade- und Sportmode speziell für Frauen nach einer Brust-Operation anbietet. Kennengelernt hat sie das bayerische Unternehmen in der Paracelsus-Klinik Scheidegg. Einer Klinik, die auf Reha-Maßnahmen nach Brustkrebs ausgerichtet ist und für Patientinnen Modeschauen bietet. Für Magdalena Bleh, die sich so gerne schön anzieht, sich für kräftige Farben begeistert, auf Formen achtet, der ersehnte Lichtblick.

So freudestrahlend war Magdalena Bleh nicht immer zumute. Doch sie modelt - trotz ihrer Krebserkrankung, hier für den „Anita“-Katalog. Zehn Jahre ist die Aufnahme alt.
Bild: Klaus Rainer Krieger (Repro)/Firma Anita

Doch 2012 folgt die nächste Hiobsbotschaft: Jetzt hat sie auch in der rechten Brust einen Tumor. Auf eine Chemotherapie verzichtet sie, „weil die beiden ersten so anstrengend waren“. Sie lässt sich aber operieren. Die Eierstöcke werden entfernt. Beide Brüste verliert sie in Folge ihrer Erkrankungen, lässt sie aber etwas aufbauen.

Magdalena Bleh hat einfach immer weitergemacht

Aber wie verkraftet man solche Rückschläge? Magdalena Bleh wird diese Frage oft gestellt. Dennoch zögert sie etwas mit der Antwort. „Ich denke, es ist schon auch Typsache“, sagt sie dann. „Mein Vater war ein Mensch, der viel und schwer krank war. Aber er ist immer wieder aufgestanden und hat weitergemacht. Das hat er mir vorgelebt.“ Nach einer Pause ergänzt sie lächelnd: „Und er ist 80 geworden.“

Für Dr. Holger Hass ist Magdalena Bleh ein Vorbild. Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik, in der jährlich über 2000 Patientinnen allein mit Brustkrebs eine Reha machen, findet es „vor allem unheimlich toll, dass sie anderen Mut macht“. Er ist sich sicher, davon profitieren Magdalena Bleh und andere Patientinnen.

Hass erlebt es immer wieder, „dass Frauen trotz der Diagnose Krebs ein glückliches Leben führen“. Und darauf komme es doch schlussendlich an. „Die Diagnose selbst ist immer ein Schock“, sagt Hass. Eine Zäsur im Leben. Die Heilungschancen gerade bei Brustkrebs werden, wie Hass betont, aber immer besser. „Fünf Jahre nach der Diagnose leben heute noch über 80 Prozent der Frauen in Deutschland. Meistens sind sie sogar geheilt.“ Es erkrankten aber immer mehr jüngere Frauen. Oft Mütter. Die psychische Belastung für sie ist noch einmal eine ganz andere, weiß Hass. Im Schnitt erhalte jede achte Frau die Diagnose Brustkrebs.

Was aber kann man tun? Eine Frage, die Hass oft gestellt wird. Der 48-Jährige setzt auf Früherkennung. Er lobt das Mammographie-Screening-Programm, rät Frauen ab 40, sich einmal im Jahr einen Ultraschall zu leisten und vor allem zu lernen, selbst die Brust abzutasten.

Entspannung ist für Krebspatienten wichtig, aber auch Bewegung

Für Holger Hass hat Magdalena Bleh vieles richtig gemacht. Der erfahrene Arzt sagt, nicht nur Entspannungsmethoden sind bei der Genesung entscheidend. Auch Bewegung ist seiner Einschätzung nach sehr wichtig, da sie schützend und entspannend wirke und helfe, die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu reduzieren. „Eine halbe Stunde täglich moderate Bewegung ist die Leitlinie bei Krebserkrankungen“, sagt Hass. Eine Sportart favorisiert er nicht. Gute Erfahrungen hat er mit Walken gemacht. „Entscheidend ist, dass es einem Spaß macht, denn nur dann bewegt man sich regelmäßig.“

Sportlich war Magdalena Bleh schon immer. Squash. Tanzen. Aerobic. Vieles hat sie schon ausprobiert und ausgeübt. Sie kommt aus einer Landwirtschaft, half früher auch gerne mit auf dem Hof. Wenn sie heute sagt: „Ich liebe meine Viecher“, meint sie aber ihre kuschelweiche Katze Micky und ihre Hündin Bella. Beide schauen immer wieder herein, während ihr Frauchen am Esszimmertisch ihre Geschichte erzählt. Ein Hund ist schon deshalb gut, weil man regelmäßig spazieren geht. Auch mit anderen Leuten zusammen. „Aber ohne Katze ginge es bei mir gar nicht“, sagt Magdalena Bleh. Gerade in schweren Stunden sind die Schmusestunden Balsam für sie. Und schwere Tage und Stunden gibt es immer wieder.

Magdalena Bleh mit ihrem Ehemann Holger und ihrer Katze Micky.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Besonders hart war es, als Magdalena Bleh erkennen musste, dass ihr die Zeit davonläuft. Die Zeit, Kinder zu bekommen. Der sonst so starken Frau geht das heute noch sehr nah. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie von diesen Jahren spricht. So viele Freundinnen und Bekannte, die sie von der Reha kannte und die auch Krebs hatten, wurden damals doch noch schwanger. Wenn sie ihr davon erzählten, dann oft mit schlechtem Gewissen. Jedes Mal weinte sie nach den Gesprächen. „Das kann kein Mann nachvollziehen“, sagt sie leise, „wenn man spürt, dass die Uhr tickt.“ Und abläuft.

Dabei hat Magdalena Bleh das große Glück, einen ausgesprochen mitfühlenden Mann zu haben. Einen, der ihr seit Jahren zur Seite steht. Holger Bleh hat sich vis-à-vis von seiner Frau gesetzt. Er lacht noch heute viel und gern, wird im Gespräch aber auch sehr schnell sehr ernst. Wer die beiden erlebt, kann erahnen, wie tief ihre Liebe ist.

Bei Krebspatienten geht die Hälfte der Beziehungen auseinander

Und das ist nicht selbstverständlich. Holger Bleh ist noch immer sichtlich fassungslos, wenn er von dem Mann erzählt. Dem Ehemann der Bettnachbarin seiner Frau, damals in der Klinik. Noch in der Nacht vor der Operation hat dieser seine kranke Frau verlassen und die Kinder zu den Schwiegereltern gebracht. Trennungen sind häufig. „Etwa 50 Prozent der Beziehungen gehen auseinander“, sagt Magdalena Bleh. „Für mich ist das unvorstellbar“, betont ihr Mann: „Es hätte doch auch mir passieren können.“ Allerdings macht er auch keinen Hehl daraus, dass es oft sehr belastend ist: „Die Angst wird immer schlimmer.“ Zumal die Frau seines besten Freundes im vergangenen Jahr gestorben ist – sie war noch keine 50 und hatte Krebs.

Und mit seiner Frau muss Holger Bleh weitere Tiefschläge bewältigen. „Der absolute Horror war 2015“, erzählt er. Magdalena Bleh spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Die Diagnose kommt schnell: Im Unterleib hat sich ein Tumor eingenistet. „Die Entfernung der Eierstöcke hat bei mir offenbar nichts gebracht.“ Was jetzt auf sie zukommt, stellt alles Bisherige in den Schatten. Immer sind ihre Tumore aggressiv. Aber diesmal sind Bauchfell und Darm betroffen. Selbst die Ärzte in der Klinik seien sich uneinig gewesen, welche Therapie nun die richtige ist. Und Holger Bleh hat zwei Krebspatientinnen zu betreuen: Im einen Stockwerk der Klinik kämpft seine krebskranke Frau, im anderen seine krebskranke Mutter ums Überleben. Seine Mutter verliert den Kampf.

Arbeiten kann Magdalena Bleh heute nicht mehr. 2017 wurden Metastasen entdeckt. „Momentan sind sie aber nicht sichtbar“, sagt sie, lächelt und ergänzt: „Vielleicht verhalten sie sich ja ruhig.“ Glücklich macht sie, dass sie ihre Sportkurse geben kann. Und dass sie für „Anita“ modeln kann. Besonders gerne ist sie in der Paracelsus-Klinik. „Ich liebe das Allgäu, Scheidegg ist meins.“ Dort und in den anderen Kliniken und Veranstaltungsorten deutschlandweit, wo die Modeschauen stattfinden, will Magdalena Bleh andere Betroffene ermuntern, sich nicht unterkriegen zu lassen. Viele Patientinnen kommen nach den Schauen auf sie zu, um sie persönlich nach ihren Erfahrungen zu fragen. Nur, wenn sie sich vorstellt, sagt sie nicht mehr, wie viele Diagnosen sie schon ertragen musste, „da macht sich dann gleich so eine negative Atmosphäre breit“. Und das will sie nicht. Denn wenn Magdalena Bleh etwas hasst, dann ist es Mitleid. „Das bringt mir gar nichts.“

Was ihr wichtig ist: „Ich will selbst entscheiden.“ Ihr Onkologe in Erding hat zu ihr gesagt: „Genießen Sie das Leben.“ Genau das versucht sie zusammen mit ihrem Mann Holger jeden Tag.

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