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Schleuser

21.09.2016

Wie Polizisten an Bayerns Grenze Menschenschmuggler jagen

Schleuser
4 Bilder
Die Grenze im Blick: Der Bundespolizist beobachtet, wer über die Brücke über den Inn nach Deutschland einreist.
Bild: Ulrich Wagner

Es gab Tage, da standen 6000 Flüchtlinge an der Grenze – am Tag. Die Polizei fasste einen Schleuser nach dem anderen. Und heute? Unterwegs mit Polizisten an der bayerischen Grenze.

Im Halbdunkel steht er da mit seiner Taschenlampe. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, darüber eine Schussweste mit der Aufschrift „Polizei“. Ganz ruhig, fast schon gelassen klingt seine Stimme, als er in die Nacht hineinspricht. Was da gerade passiert? „Der Klassiker halt, unerlaubte Einreise“, sagt der junge Beamte trocken.

Der Klassiker, das ist in dieser kühlen Passauer Nacht ein junges Ehepaar, das mit dem Gesicht Richtung Wand vor dem Gebäude der Bahnhofsmission steht. Der Mann trägt eine kurze weiße Hose, rote Turnschuhe und Handschellen. Später wird er sich als Ali, 38, aus dem Iran vorstellen. Für ihn ist diese kühle Nacht die, in der er in Deutschland ankommt. Für die Polizisten, die ihn umringen, ist Ali einer von vielen. Nun muss es anlaufen, das übliche Prozedere.

Wie, das erklärt Frank Koller. Er ist Sprecher der Bundespolizeiinspektion Passau. Ein Mann mit einem dezenten blonden Bart, einer, dem man an seiner Routine anmerkt, wie lange ihn das Thema Flüchtlinge schon beschäftigt.

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Koller steht am Morgen nach Alis Festnahme in einer großen Halle, in der früher mal Lastwagen gebaut wurden. In der nun Flüchtlinge fotografiert, Pässe kontrolliert und Fingerabdrücke genommen werden. „Bearbeitungsstraße“ nennt der Polizist Koller diesen Ort. Es ist einer der Begriffe, die ihm so vertraut geworden sind.

Vor einem Jahr war die Halle immer voll

Koller blickt sich um. Wer in Passau seinen Dienst tue, dürfe die Schicksale der einzelnen Menschen nicht zu sehr an sich heranlassen, sagt er dann. Dafür waren es einfach zu viele, die im vergangenen Jahr über die niederbayerische Stadt mit ihren 50000 Einwohnern nach Deutschland eingereist sind. 4000, 5000, 6000 Flüchtlinge kamen manchmal an einem einzigen Tag. Die alte Fabrikhalle war immer voll. „So wie jetzt hier Dienstautos stehen, standen hier Busse für 50 Leute“, sagt Koller und deutet in Richtung Parkplatz. Mehrere Dutzend Wagen sind jetzt dort abgestellt.

An diesem sonnigen Morgen ist in der Halle wenig los – zumindest im Vergleich zu vor einem Jahr. 41 Flüchtlinge hat die Polizei am Vortag aufgegriffen. 39 von ihnen kamen mit dem Zug. Unter ihnen: Ali und seine Frau Fahime. In weiße Laken gehüllt und übernächtigt sitzen die beiden mit drei anderen auf einer Bank und warten. Sechs Monate hat ihre Reise gedauert: Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Passau-Hauptbahnhof.

Übernächtigt sitzen Ali und Fahime am Folgetag in der ehemaligen Passauer Fabrikhalle. Ihre einzige Angst: in den Iran zurück zu müssen.
Bild: Ulrich Wagner

Ali und Fahime lächeln schüchtern, so, als könnten sie es noch nicht glauben, dass sie jetzt hier sind. Sie hätten sich auf eigene Faust durchgeschlagen, erzählen sie. „Kein Geld, keine Helfer.“ Und nein, auch keine Schleuser, die ihnen geholfen haben. „Wir haben unsere Zugtickets selbst gekauft“, sagt Ali. Ob das alles so stimmt, wissen auch die Beamten nicht.

Ein Parkplatz zeigt Spuren der vergangenen zwölf Monate

Schleuser. Die hat die Polizei in der Grenzregion vor allem im Blick, wenn sie auf der Autobahn, auf Nebenstraßen, im Stadtgebiet Fahrzeuge anhält. Fahrer, die Flüchtlinge nach Deutschland bringen, oft im Auftrag versteckter Hintermänner und für vergleichsweise wenig Geld. „Der Fahrer eines Schleuserfahrzeugs steht häufig am Ende der Nahrungskette“, sagt Koller. Mancher habe für eine Fahrt von Griechenland nach Deutschland 400 Euro bekommen. Wenig Geld – und für manchen doch ein Monatsgehalt oder gar mehr. An die 15 Schleuser gingen der Polizei in der Hochphase der Flüchtlingskrise ins Netz – jeden Tag. Damals, als ein Kastenwagen nach dem anderen in Grenznähe stoppte. Als immer wieder Gruppen von 20, 30 Flüchtlingen auf dem Seitenstreifen der A3 umherirrten. Als das kleine Passauer Gefängnis mit seinen knapp 80 Plätzen wegen der mutmaßlichen Schleuser schnell überfüllt war.

Die Überbleibsel dieser Zeit, als viel mehr Schleuser kamen als die Polizei schnappen konnte, sind noch heute zu sehen. Auf einem Parkplatz unweit der Autobahnbrücke über die Donau stehen 60 Fahrzeuge in Reih und Glied. Abgehalfterte Wagen, die es in Deutschland kaum durch den TÜV schaffen würden. Und solche, für die man auch hier viel Geld hinlegen würde. Alles Schleuserautos. Sie stehen auf dem Parkplatz der Bundespolizei, bis sie verschrottet oder versteigert werden oder ihre Besitzer sie abholen. Zwischenzeitlich waren es rund 200.

Koller streift durch die Reihen und blickt durch die Scheiben eines blauen VW Lupo. Auf dem Beifahrersitz liegt zwischen österreichischen SIM-Karten und einem Haarreif eine benutzte Zahnbürste. „Hinter jedem Auto steckt eine Geschichte“, sagt Koller und wendet sich dem nächsten Fahrzeug zu. In dem Geländewagen klemmt zwischen den Vordersitzen eine angebrochene Packung Babytücher, hinten liegt ein zerknüllter Pullover. Am Rückspiegel baumelt ein Lufterfrischer, Duftnote grüner Apfel.

Spuren einer Reise: SIM-Karten, eine Zahnbürste.
Bild: Ulrich Wagner

Die Autos wirken, als seien sie am Morgen erst abgestellt worden. Sie erzählen aber nicht nur Geschichten von Geflüchteten. Sie sind für die Polizei auch nützlich, um Schleuser und ihre Hintermänner ausfindig zu machen. Denn oft finden sich in den Wagen Navigationsgeräte oder Handys. Die Polizei nutzt sie, um Routen nachzuvollziehen. Sie befragt dann Flüchtlinge und gefasste Schleuser, arbeitet mit Kollegen im Ausland zusammen. Stück für Stück setzen sich Puzzleteile zusammen, gelingt es vielleicht, den Aufenthaltsort eines Hintermannes zu ermitteln. „Dann wird mal ein internationaler Schleuserring gesprengt“, sagt Koller. Und schränkt gleich ein: „Aber das dauert Jahre.“

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