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Landkreis Dillingen

12.09.2019

Wie die Kartei der Not dem Zentrum Regens Wagner hilft

Eine gern besuchte Abwechslung ist für die Bewohner der Wohngruppe Aaron bei Regens Wagner in Glött die Wand mit den Sinnesspielen. Die Menschen müssen mit einer mehrfachen Behinderung ihr Leben meistern.
Bild: Ulrich Wagner

Für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen bietet das Zentrum Regens Wagner individuelle Förderung. Ohne Unterstützung würden sie das nicht schaffen.

Angstvoll sind ihre Augen auf den Keks gerichtet. Schnell blickt die junge Frau den Therapeuten an. Auch als dieser nickt und ihr gut zuspricht, sich einen Keks zu nehmen, bleibt die Furcht. Erst als der Therapeut einen Keks nimmt, ihn in kleine Stücke bricht und auf ihren roten Plastikteller legt, traut sich die 24-Jährige, zuzugreifen. Seit 2015 lebt sie in einer Wohngruppe von Regens Wagner in Glött im Landkreis Dillingen. Die zierliche Frau ist von Geburt an geistig behindert und leidet an einer Autismus-Spektrum-Störung.

Ein Krankheitsbild, das viele Bewohner in dem Zentrum verbindet. Ihre Kommunikationsmöglichkeiten sind in der Regel stark eingeschränkt. Sie leiden an Entwicklungsstörungen, haben oft Probleme mit menschlicher Nähe und benötigen ein möglichst ruhiges, reizarmes Umfeld. Das ehemalige Fuggerschloss in Glött mit seinen Grünflächen bietet seit 150 Jahren Menschen mit Behinderung Wohn- und Therapiemöglichkeiten. Seit vielen Jahren hat man sich auf die Förderung von mehrfach behinderten Erwachsenen spezialisiert. In verschiedenen Wohngruppen, die sich darin unterscheiden, wie intensiv die Betreuung ist, leben aktuell 115 Menschen.

Ines Gürsch leitet Regens Wagner in Glött im Landkreis Dillingen. Am Freitag wird das 150-jährige Jubiläum gefeiert.
Bild: Ulrich Wagner

Die individuelle Förderung steht im Mittelpunkt

Drei Pferde und mehrere Hasen sind auch auf dem Gelände zu Hause. „Denn zu Tieren bauen unsere Bewohner in der Regel ein sehr inniges Verhältnis auf. Über die Tiere ist sehr oft ein Zugang erst möglich“, erklärt Leiterin Ines Gürsch beim Rundgang über das großzügige Areal. „Daher kommen auch regelmäßig Therapiehunde zu uns.“ Die wenigsten der Bewohner arbeiten täglich in Werkstätten. Im Mittelpunkt von Regens Wagner Glött steht die individuelle Förderung. Alle Bewohner sollen die Möglichkeit haben, sinnvoll ihren Tagesablauf zu gestalten und dabei ihre persönlichen Fähigkeiten steigern, erklärt Gürschs Stellvertreterin Claudia Frick und ergänzt: „Eine feste, regelmäßige Tagesstruktur gibt ihnen auch Halt.“ Schritt für Schritt soll es gelingen, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen.

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Längst gibt es Wartelisten für die Wohnplätze in Glött. „Nachfrage und Bedarf sind sehr hoch“, sagt Gürsch. Immer wieder rufen verzweifelte Eltern an und bitten um einen Wohnplatz für ihre erwachsene Tochter, ihren erwachsenen Sohn. Aus ganz Schwaben, aber auch aus Oberbayern kommen Menschen mit Handicap nach Glött.

Ein Keks kann der jungen Frau Angst machen

Die junge Frau scheint den Keks auf ihren Teller vergessen zu haben, stattdessen fixiert sie nur noch den Papierdrucker im Raum. Ihr Zimmer in der Wohngruppe möchte sie nicht zeigen. Ihr Kopfschütteln auf die Frage ist entschieden. Ein Blick in das Zimmer ihres Mitbewohners macht allerdings deutlich, wie speziell die Wohnungseinrichtung sein muss, damit sich die Menschen mit diesen Beeinträchtigungen dort wohlfühlen. Karg, sehr karg ist die Ausstattung. Ein großes Bett mit einem Holzrahmen, das ein blauer Vorhang schmückt beziehungsweise schützt, dominiert das Zimmer des 20-Jährigen. Die Wand ist weiß. Nur ein stabiles Holzlabyrinth, in dem sich hinter dickem Plexiglas bunte Kugeln drehen lassen, ziert eine Wand. Als der junge Mann kommt, wird klar, warum nichts, aber auch gar nichts herum liegen darf. Er gibt zwar freundlich die Hand, doch seine Augen sind ständig auf Wanderschaft. Alles, was in seinen Blick gerät, fasst er an und steckt es sich in den Mund. Still sitzen oder stehen kann er nicht. Sprechen auch nicht. Wenn er läuft, dreht er immer wieder Pirouetten.

Hier ist ein Mensch in stetiger Bewegung. „Je weniger Reize sein Umfeld bietet, desto ruhiger und ausgeglichener wird er“, erklärt Heilpädagogin Anita Gospodarek-Cornils. Was der junge Mann aber sehr gerne macht, sind Spiele. Während es seine Mitbewohnerin liebt, zu puzzeln und überhaupt alles zu sortieren, freut er sich an so genannten Sinnesspielen – wie das Labyrinth in seinem Zimmer. Im Gang befinden sich an einer Wand weitere solcher Spiele, die Konzentrationsfähigkeit und Motorik schulen. Die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung, half bei der Anschaffung. Arnd Hansen, der Geschäftsführer der Stiftung, sagt: „Menschliche Notlagen sind so unterschiedlich und oft sehr einzigartig. Genauso individuell soll auch unsere Hilfe gestaltet sein. Wir freuen uns, wenn mit diesem Sinnesspiel Wahrnehmung und Teilhabe der Bewohner gefördert werden können.“

Umgeben von viel Grün liegt das ehemalige Fuggerschloss Glött. Im Innern ist ein schöner Innenhof mit prächtigen Rosen. Auch Pferde und Hasen leben auf dem Areal. Denn die Bewohner, die mit einer mehrfachen Behinderung leben müssen, bauen sehr oft sehr innige Kontakte zu Tieren auf.
Bild: Ulrich Wagner

Viele Sonderanfertigungen sind nötig

Gürsch freut sich sehr über die Unterstützung. „Allzu oft werden unsere Bewohner vergessen. Sie können für sich ja nicht sprechen. Und man sieht sie zu wenig. Sie haben keine Lobby.“ Dabei sind die Menschen bei Regens Wagner auf Spenden angewiesen, betont Gürsch. „Denn viele unserer Einrichtungsgegenstände sind Sonderanfertigungen.“ Abgestimmt auf die persönlichen Bedürfnisse der Bewohner. So etwa auch die zwei Würfel aus Schaumstoff im Essbereich der achtköpfigen Wohngruppe. Der kleinere ist blau überzogen, der größere rot – es ist die Lieblingsfarbe der jungen Frau, die Angst vor dem Essen hat. Tisch- und Sitzwürfel dienen ihr als Essecke. Denn nicht nur vor dem Essen selbst plagen sie oft Ängste. Auch an einem Holztisch auf einem Stuhl zu sitzen, ist ihr meist nicht möglich. Die weichen, farbigen Hocker aber gefallen ihr. Dort isst sie immer zusammen mit einem Betreuer. Denn Essen muss ihr in kleinen Häppchen gereicht werden. Die Ängste, gegen die sie ankämpft, sind enorm. Ihren Augen sieht man es an. Sie sagen mehr als Worte.

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