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Entwicklungshilfe

04.11.2018

Wie ein Allgäuer den Hunger in Tadschikistan bekämpft

Diese Bäuerinnen sind oft Ansprechpartner Nummer eins für die Welthungerhilfe. Viele ihrer Männer sind gar nicht vor Ort, weil sie in Russland arbeiten.
Bild: Alexander Vucko

In den Dörfern Zentralasiens sind Wasser und Wissen eine Überlebensgarantie für Bauern. Joachim Bönisch aus Irsee hilft vor Ort - mit einer klaren Ansage.

Wer die Zeit weit zurückdrehen möchte, muss Höhenmeter sammeln. Steil windet sich die Schotterpiste das Seitental im Norden Tadschikistans hinauf. Oasenhafte Baumgruppen sind die Farbtupfer in einer trockenen Mondlandschaft rund um das Goldbergwerk, an dem Lastwagenfahrer Gestein aus den schroffen Flanken zum Auswaschen abtransportieren. Viele Kilometer weit treibt Joachim Bönisch den Land Cruiser entlang tief eingeschnittener Canyons und dem mal freundlich mäandernden, mal aggressiv gurgelnden Gebirgsbach. Sein Ziel ist das Dorf Roghich knapp unterhalb der Schneefallgrenze. Ein Ort, an dem jeder die Welthungerhilfe kennt.

Die Siedlung an der berühmten Seidenstraße ist so etwas wie ein Testgebiet für das globale Ziel der deutschen Organisation, Hunger als größtes lösbares Problem unserer Zeit bis 2030 zu beseitigen. Wie schwer dieser Kampf ist, zeigt eine gerade erst vorgelegte Statistik der Welthungerhilfe. Demnach ist die Zahl der Menschen, die von Hunger und Unterernährung betroffen sind, trotz aller Bemühungen wieder gestiegen – seit vergangenem Jahr weltweit um 17 Millionen auf 821 Millionen. Und Hunger ist nicht nur ein afrikanisches Problem.

Tadschikistan in Zentralasien gilt als ärmste der ehemaligen Sowjetrepubliken. Ein Großteil der Fläche ist Hochgebirge. Ackerland ist rar, Trockenheit und Erdrutsche machen den Menschen das Leben schwer. Es mangelt an Brennstoffen zum Kochen und Heizen. Nur drei Prozent der Fläche in diesem Vorhof zum Dach der Welt sind für den Anbau von Gemüse und Obst geeignet. Aber mehr als 70 Prozent der 8,9 Millionen Bewohner müssen von den Erträgen der Ernten und Viehhaltung leben.

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„Wir haben nichts zu verschenken“: Joachim Bönisch will helfen, verbindet dies aber mit klaren Forderungen.
Bild: Alexander Vucko

In dem Dorf Roghich krallen sich die Lehmhäuser auf 2150 Meter Meereshöhe an die Bergflanken. Vor ein paar Jahren verbanden nur Pfade die Hütten der 620 Menschen, heute sind es auch Stromkabel. Einer der Bewohner öffnet die Schleuse, das Wasser des Flusses erweckt das Turbinenhäuschen zum Leben. Energie fließt. Murod Tilloev lächelt. Die Menschen stünden ausnahmslos hinter dieser Entwicklung, sagt der Dorfälteste. Das kleine Kraftwerk liefere den Strom zum Kochen und Heizen, für Wasserpumpen und Telefone. Es gibt dort oben Kinder, die zuvor kein Auto gesehen haben; Menschen, die noch nie im Talort Pandschakent waren. Aber sie wissen, wer ihnen neue Perspektiven bringt.

Mal sagt Bönisch Salem Aleikum, dann wieder Servus

Die Gesichter der Welthungerhilfe sind Pragmatiker wie Joachim Bönisch, 62, der neben Dorfoberhäuptern und Mullahs auffällt wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Er sagt manchmal Salem Aleikum oder Assalom, manchmal Servus und Habe die Ehre. Viele Menschen im Serafschan-Tal, das diesen Teil des Landes auf hunderten Kilometern durchzieht, verstehen immer, was gemeint ist, und nicken freundlich zurück. Sie kennen den gemütlichen Allgäuer mit Schiebermütze, Bart und Bauch. Bönisch ist seit neun Jahren für die Welthungerhilfe als Projektleiter in dem Land tätig. Er ist in Irsee im Ostallgäu aufgewachsen, wo er heute noch lebt – aber nur zwei Monate im Jahr. 1983 ging der gelernte Bankkaufmann erstmals für den Deutschen Entwicklungsdienst als Experte für das Genossenschaftswesen nach Kamerun. „Ich wollte nie nur in der Verwaltung arbeiten“, sagt er. Weitere afrikanische Länder, Nordkorea und Indonesien waren seine Einsatzorte. Bönisch arbeitete für die Welthungerhilfe acht Jahre lang in Afghanistan, erlebte Anschläge und Erdbeben. Er weiß, was es bedeutet, Freunde und Kollegen zu verlieren.

Sein Job sei auch „Überzeugung“, sagt er, wenn ihn die Leute fragen, warum er immer wieder in die Armut solcher Länder aufbricht, in denen nicht nur Naturgewalten den Menschen das Leben zur Hölle machen und zur Flucht zwingen, sondern auch Krieg und korrupte politische Systeme. In Tadschikistan seien die Einsätze hart, aber kalkulierbar. Die Menschen dort hat er ins Herz geschlossen. „Augenhöhe mit ihnen ist uns wichtig.“ Und trotzdem sagt er: „Wir haben nichts zu verschenken.“ Das heißt, sie müssen mitziehen und mitunter mitfinanzieren.

Wie Oasen wirken die Baumgruppen in der Trockenheit Tadschikistans. In dieser Gegend ist die Welthungerhilfe mit Joachim Bönisch aktiv.
Bild: Alexander Vucko

In Roghich sind Männer ausgebildet worden, um die Turbine bedienen, warten und reparieren zu können. „Wir stoßen an, lassen die Leute dann machen und begleiten sie“, sagt Bönisch. Im besten Fall löse das eine Kettenreaktion aus. Kommunikation sichert die medizinische Versorgung im Dorf, Pumpen verbessern die Trinkwasserqualität. Der Strom bringt eine alte Mühle zum Laufen, das wiederum erleichtert den Menschen in den abgelegenen Gebirgstälern, für Nahrung zu sorgen. In Bönischs Welt können kleine Dinge viel bewegen.

Die Männer stützen auf zweifelhafte Weise das marode System

Das Herbstlicht bringt die Aprikosenbäume zum Leuchten, Pappelhaine und abgeerntete Kartoffelfelder schmiegen sich auf Terrassen genau dort an gewaltige Hänge, wo Bewässerungssysteme den Boden fruchtbar machen. „In der Landwirtschaft liegt enormes Potenzial“, sagt Romy Lehns im Büro der Welthungerhilfe, das sich im ehemaligen afghanischen Konsulat mitten in der quirligen Hauptstadt Duschanbe befindet. Damit hat die Landesdirektorin der Organisation auch eines der größten Probleme umrissen. Die Familien sind auf sich allein gestellt. Sie ringen den Böden mit unwirtschaftlichen Anbaumethoden magere Ernten ab, seit die Subventionen für Agrarerzeugnisse und Energie mit der Unabhängigkeit von der damaligen Sowjetunion ausblieben und ein blutiger Bürgerkrieg das Land auf Jahre noch mehr lähmte. Nach wie vor verdingen sich viele Tadschiken als Gastarbeiter in Russland. Sie überweisen Geld an ihre Familien und stützen so auf zweifelhafte Weise das marode wirtschaftliche System. Zusammen mit lokalen und internationalen Partnern unterstützt die Welthungerhilfe in den Distrikten Pandschakent und Aini 5500 Haushalte mit 35000 Menschen. „Gleichzeitig schützen wir die natürlichen Ressourcen“, sagt Lehns. Dafür werden junge Männer ausgebildet, energiesparende Technik einzubauen, die Häuser zu isolieren und auf erneuerbare Energie zu setzen. Mit ganz unterschiedlichen Effekten: Weniger Feuerholz gibt den Bäumen wieder eine Chance zu wachsen und Hänge zu stabilisieren. Weniger Holzfeuer führen aber auch zu einem Rückgang der Atemwegserkrankungen.

Um in das Serafschan-Tal zu gelangen, muss man Duschanbe Richtung Norden auf einem makellosen Asphaltband verlassen. Der Prospekt Rudaki wirkt wie eine Kulisse in dem von Präsident Emomalij Rahmon regierten Land. Dessen Konterfeis nebst Huldigungen säumen die Straßen. Nur Meter hinter den prachtvollen Bauten am Straßenrand meckern die Ziegen. Polizisten kassieren die Autofahrer ab. Aber Fahrzeuge mit den grünen Kennzeichen der Hilfsorganisationen haben freie Fahrt. Hinter der Stadtgrenze türmt sich die ebenso karge wie wuchtig-schöne Gebirgslandschaft mit mehr als 5000 Meter hohen Schneegipfeln auf. Die Straße windet sich in langen Serpentinen zu ihrem Scheitelpunkt hinauf, dem maroden fünf Kilometer langen Anzob-Tunnel, bevor es jenseits dieser Felsbarriere hinunter in das Dorf Aini geht. Ein Kaff, das sein Wachstum auch mehreren Hilfsorganisationen verdankt, die sich dort niedergelassen haben. Darunter die Welthungerhilfe.

Von dort bricht Bönisch zu seinen Projekten auf. Je weiter er sich von diesem Teil des Serafschan-Tals an der Grenze zu Usbekistan in die Seitentäler bewegt, desto mehr wächst die Not, zeigen sich archaische Strukturen. „Der muslimische Kontext spielt in unserer Arbeit eine große Rolle“, sagt Bönisch. Doch gerade in Bergregionen Tadschikistans sind Frauen für die Welthungerhilfe eine wichtige Zielgruppe, da sie oft allein daheim als Kleinbäuerinnen arbeiten und für die Ernährung ihrer Kinder verantwortlich sind, während die Männer in Russland arbeiten.

Bönisch besucht an diesem Tag in Kuloli ein Dutzend Frauen, die einen eineinhalb Hektar großen Testgarten der Welthungerhilfe bewirtschaften. Sie ernten dort Äpfel, Kartoffeln, Karotten, Zucchini. Mithilfe eines der 15 Gewächshäuser der Welthungerhilfe im Tal dehnen sie das Erntejahr aus. Im Garten stehen Obstbäume, die noch ihre Früchte tragen, andere sind verdorrt.

Bönisch zeigt einer Frau, wie sie den Baum schneiden muss. Es gibt Schulungen zum Fruchtwechsel, zur Kompostierung, Düngung und Schädlingsbekämpfung. In Ernährungsberatungen lernen die Frauen, wie sie die Ernte frisch, vitaminreich und ausgewogen zubereiten können. „Die wissen schon ganz genau, was sie tun müssen“, sagt er. „Uns geht es nicht so sehr darum, die Ernte zu vermehren, sondern Qualität und Vielfalt zu steigern.“

Die Babuschka ist stolz auf ihre Einmachgläser

Möglich wird das ganze Programm jedoch erst durch den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser. „Davon gibt es genug in diesem Land“, sagt Bönisch, „aber es muss zur richtigen Zeit auf die Felder gelangen.“ Dafür sorgen Bewässerungssysteme auf Ackerflächen, Plantagen und in Hausgärten, die mithilfe der Welthungerhilfe, anderer Organisationen und der EU errichtet wurden. Hunderte Schilder mit etlichen bunten Logos verteilen sich bis an die Enden der Seitentäler und weisen auf die westlichen Geldgeber hin.

Dank ihres Wissens produzieren die Kleinbauernfamilien nun auch Überschüsse, die sie auf Märkten oder am Straßenrand verkaufen. Die Welthungerhilfe schult sie in der Vermarktung ihrer Erzeugnisse. Nasiba Khujamova, eine freundliche Babuschka mit rauen Händen und Kopftuch, zeigt stolz, was die Frauen in Gläsern für den Winter eingemacht haben. Auf Tüchern werden Apfelschnitze getrocknet. Eine Saftpresse und eine Abfüllvorrichtung kann sich Bönisch hier ebenfalls vorstellen, doch dafür ist kein Geld da. Eine alte Anlage als Spende müsste sich doch finden.

„Nein, eher nicht“, sagt der Allgäuer mit Blick auf das Problem vieler Hilfsorganisationen, die vor allem vor Weihnachten Nutzloses erhalten, was andere loswerden wollen. Vieles funktioniere nicht, müsse aufwendig repariert oder entsorgt werden.

Im Dorf Kum, wo die Frauen kürzlich noch Kübel schleppen und am Fluss Wäsche waschen mussten, sammeln sie für die 275 Haushalte nun Trinkwasser in einem eingezäunten Betonreservoir, aus dem es den Bewohnern zur Verfügung gestellt wird. Wasserzähler regeln den Verbrauch. „Die Qualität ist besser als in Duschanbe“, sagt Furkat Kurbonov, der Gebietsmanager der Welthungerhilfe. Das öffentliche Netz in der Hauptstadt gilt Unvorsichtigen als Garant für Durchfall.

Sogar in Roghich weit oberhalb des Goldbergwerks soll bald der Verbrauch des Stroms aus Wasserkraft registriert und ein Abrechnungswesen eingeführt werden. „Wenn etwas umsonst ist, hat es für die Menschen keinen Wert“, meint Bönisch und sagt Servus. Der Dorfälteste legt die flache Hand auf seine Brust und nickt.

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04.11.2018

Ein sehr interessanter Beitrag. Hier erhebt sich natürlich auch die Frage wie die Eigenentwicklung vor sich ging/geht, wenn man jetzt 2018 noch über die Implantation von Kompostierung und geschlossenen Kochstellen sprechen muss. Interessant auch der Hinweis auf die unzweckmäßigen Spenden. Hier scheint es das EZA-NGO´s nicht immer zweckmäßig und zielorientiert in ihren Projekten arbeiten. Vielleicht kann der Welthungerhilfe und anderen Hilfsorganisationen dieser Link ein wenig weiterhelfen. Es gibt sehr wohl Projekte welche nicht nur gut funktionieren, sondern sich auch selbst erhalten http://www.eza-neu.eu/category/projekte/vorzeigeprojekte/ .
Gerhard Karpiniec
Münchendorf/Österreich

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