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Gundremmingen

05.06.2014

Wie ein Atomkraftwerk verschwindet

Der Reaktorblock A (vorne) des Kernkraftwerks Gundremmingen wird seit Jahren zurück gebaut. Rückbau Kernkraft Kernenergie Atomkraftwerk Atomenergie Energie WIR Sicherheit
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Der Reaktorblock A (vorne) des Kernkraftwerks Gundremmingen wird seit Jahren zurück gebaut. Rückbau Kernkraft Kernenergie Atomkraftwerk Atomenergie Energie WIR Sicherheit
Bild: Bernhard Weizenegger

In Gundremmingen befindet sich Block A seit Jahren im Rückbau. Das dauert lange und ist teuer. Sollen die Kraftwerke deshalb dem Bund übertragen werden?

Der Vorstoß der deutschen Energiekonzerne Eon, RWE und EnBW, die deutschen Atomkraftwerke für die Restlaufzeit einer staatlichen Stiftung zu übertragen, hat kürzlich einen Proteststurm hervorgerufen. Weil der anschließende Rückbau der Atommeiler eine milliardenschwere Last darstellt, wiesen viele Politiker und Bürger den Vorstoß als „dreist“ zurück, einige wenige hielten ihn für diskussionswürdig. Was aber bedeutet es, ein Atomkraftwerk abzureißen?

Der Rückbau eines Atomkraftwerks lässt sich in Gundremmingen beobachten. Dort befinden sich zwar derzeit noch die Reaktoren B und C in Betrieb, Block A aber wird bereits seit Jahren zurückgebaut. Dieser Prozess ist schon relativ weit fortgeschritten. Stück für Stück verschwindet die Anlage.

Block A in Gundremmingen war 1966 als erster kommerzieller Leistungsreaktor Deutschlands in Betrieb gegangen, berichtet heute das Kernkraftwerk Gundremmingen. Die Leistung betrug 250 Megawatt. Damit entstand nahe Günzburg das für die damalige Zeit leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt. Spätere Reaktoren freilich stellten Block A in den Schatten. Sie waren nochmals leistungsfähiger. Zum Vergleich: Die später errichteten Blöcke B und C haben eine Leistung von je 1344 Megawatt.

Wie ein Atomkraftwerk verschwindet

Ein Unfall 1977 führte zum Stillstand

1977 passierte dann das Unglück. Nach einem Kurzschluss im Hochspannungsnetz habe ein Fehler in der Regelung der Turbine „zu einem erheblichen Schaden in der Anlage geführt“, heißt es beim Kernkraftwerk Gundremmingen heute über Block A. Dampf trat bis in den Sicherheitsbehälter aus. Dabei handelt es sich um eine Stahlhülle, die das Austreten radioaktiver Stoffe in die Umwelt verhindern soll. 1980 beschloss man, den Block endgültig stillzulegen. In der Folgezeit schrieben Ingenieure beim Rückbau der Anlage Technologiegeschichte, wie die Betreiber immer wieder berichteten, etwa bei der chemischen Dekontamination von Metallteilen. Der Rückbau von Block A begann 1983. Heute ist er weitgehend abgeschlossen. Der Reaktordruckbehälter – in dem sich der Reaktorkern mit den Brennelementen befindet – sei Anfang der 2000er Jahre zerlegt und ausgebaut worden. Ebenso das sogenannte „biologische Schild“, das den Reaktor umschließt und Strahlung abschirmt. Das ehemalige Reaktorgebäude ist laut RWE heute frei von Kraftwerkskomponenten.

Trotzdem ist aus der Ferne noch immer die stöpselartige Betonhülle zu sehen, in der sich Block A befand. Warum? Derzeit ruhen die Rückbauarbeiten am Gebäude, berichtet RWE. Wann es mit dem Rückbau der Betonhülle weitergeht, hänge in erster Linie davon ab, wann die Bundesregierung das Endlager „Schacht Konrad“ nahe Salzgitter für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb nehme. Auch das ehemalige Maschinenhaus von Block A gibt es noch: Darin befindet sich heute das Technologiezentrum des Kernkraftwerks – eine Service-Einrichtung für die laufenden Blöcke B und C. Zudem sind RWE zufolge in den ehemaligen Gebäuden Ausbildungswerkstätten und Büroräume.

Am Ende bleibt eine grüne Wiese

Während in Gundremmingen also Gebäude weiter genutzt werden, kann auch ein vollständiger Rückbau erfolgen. Am Ende bleibt dann eine grüne Wiese. In Deutschland sind bisher drei Atommeiler komplett zurückgebaut worden: Niederaichbach, Großwelzheim und Kahl. Prinzipiell sind nach der Stilllegung eines Kraftwerks zwei Rückbau-Strategien möglich: entweder der direkte Abbau oder der sogenannte „sichere Einschluss“, bei dem das Kraftwerk zunächst für rund 30 Jahre eingemottet wird. Während dieses Zeitraums kann die Strahlung zu einem guten Teil auf natürliche Weise abklingen, erst dann wird mit dem Rückbau begonnen. Nach dem derzeitigen Stand plant man für die Blöcke B und C in Gundremmingen einen sofortigen Rückbau. Dadurch könne auch den Beschäftigten eine berufliche Perspektive gegeben werden, heißt es. Das Kraftwerk beschäftigt rund 800 Mitarbeiter, dazu kommen 390 Beschäftigte von Partnerfirmen, die ständig im Kraftwerk arbeiten.

Der beim Abriss entstehende Schrott kann zum Teil wiederverwertet werden, zum Teil muss radioaktiver Abfall aber auch endgelagert werden. Fachleute schätzen, dass der Rückbau eines Kernkraftwerks zehn bis 20 Jahre dauert. Billig ist das Unterfangen nicht, wie der Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland betont. „Es entstehen Kosten zwischen zwei und vier Milliarden Euro pro Reaktor“, sagt Sprecher Rüdiger Rosenthal. Die Kosten seien abhängig von der Größe der Anlage, der Betriebsdauer oder der Menge des radioaktiven Materials.

Bisher haben die vier großen Energiekonzerne rund 35,8 Milliarden Euro an Rückstellungen für die Abwicklung des Atomausstiegs gebildet. Allein bei dem Anbieter RWE standen zum 31. Dezember 2013 rund 10,25 Milliarden Euro für „Entsorgung im Kernenergiebereich“ zur Verfügung. (mit dpa)

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