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Sommercamp

03.08.2018

Wie ein buddhistischer Populist Tausende ins Allgäu lockt

Ole Nydahl zählt zu den erfolgreichsten buddhistischen Lehrern in Europa. Seine Fans hängen an seinen Lippen.
Bild: Ralf Lienert

Die Anhänger des Diamantweg-Buddhismus kommen, um ihren Meister Ole Nydahl zu hören. Er spricht von Liebe, Mitgefühl - und davon, wie „hässlich“ der Islam sei.

„Zum Besten aller Wesen“ ist ständig zu hören im idyllisch gelegenen Gut Hochreute mit Blick auf den Immenstädter Alpsee. Das Wasser glitzert in der Sonne symbolträchtig wie ein Edelstein. Auf Gut Hochreute geht es um den Diamantweg zur Erleuchtung, tausende Buddhisten meditieren alljährlich in ihrem Europazentrum bei einem Sommerkurs. Es geht „zum Besten aller Wesen“ viel um „Mitgefühl“ und „Liebe“. Gleichzeitig wird die friedliebende Weltreligion sehr eigen gelebt: Anhänger des Diamantweg-Buddhismus sind Mitglieder in einem Schützenverein. Ob das ein Zugeständnis an eine „alltagstaugliche“ Auslegung ihres geistigen Führers Lama Ole Nydahl ist oder ein Ausfluss seiner islamfeindlichen Parolen, ist unklar. Diese aber sind unmissverständlich, sagen Zuhörer seiner Auftritte. So habe er geraten, schießen zu lernen, um sich gegen denIslam zuwappnen,und zurWahl der AfD aufgerufen. An diesem Dienstag schließlich ein neuer Höhepunkt der Zuspitzung: „Andere hatten Hitler und Stalin, wir haben den Islam. Das ist alles dasselbe.“

Mehrere Dutzend Menschen leben ständig im Europazentrum, wohl weit mehr als 3000 gehen diese und kommende Woche ein und aus. Ob beim Sommerkurs, bei Vorträgen oder lockeren Zusammenkünften, die Stimmung dort beschreiben Teilnehmer fast identisch: „Da treffen sich viele liebe Menschen.“ Es wird meditiert, was auf der Internetseite des Diamantweg-Buddhismus so umschrieben wird: „Man erkennt seine störenden Gefühle wie Ärger, Stolz oder Eifersucht, bekommt Abstand zu ihnen.“

Dazu passt nicht, was Lama Nydahl bei Auftritten von sich gibt, wenn es um Muslime geht. „Dem Islam fehlen wesentliche Freiheits-, Grund- und Menschenrechte, vor allem die Gleichheit von Mann und Frau“, teilt der Buddhistische Dachverband Diamantweg die Einstellung des Lamas mit. Nydahl selbst drückt das weit drastischer aus: „Das ist etwas sehr Hässliches“, schallte es dieser Tage aus Lautsprechern. Kurz vor dem Vergleich von Hitler und Stalin mit dem Islam hatte er unmissverständlich formuliert: „Hätte ich Stalin oder Hitler getroffen, ich hätte sie erschossen.“ Seine Ansprache wird simultan übersetzt – in Englisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch, Bulgarisch.

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„Die Leute hätten einfach nur den Koran lesen müssen ..., dann hätten wir vielleicht nicht so viele über die Grenze geholt oder aus dem Wasser geholt“, sagte der Lama 2016 in Kassel zur Flüchtlingspolitik. Später relativierte er diese Äußerung damit, dass er Däne „und hier mit meinem Deutsch anscheinend missverstanden“ worden sei. In einem auf Englisch geführten Interview legte er allerdings erneut los: Mit Muslimen sei „kein Dialog möglich“. Die Idee, diese zu integrieren, sei „verrückt“.

Fast täglich ist Ole Nydahl in einer anderen Stadt

Nydahl, 77, zählt zu den erfolgreichsten buddhistischen Lehrern in Europa, ist seit mehr als 45 Jahren fast täglich in einer anderen Stadt und gibt ständig Menschen „Zuflucht“, wie das Aufnahmeritual heißt. Der Buddhismus gehört mit geschätzt 500 Millionen Anhängern zu den fünf großen Weltreligionen. Wie im Christentum gibt es verschiedene Strömungen und Auslegungen. Die Karma-Kagyü-Linie des Diamantwegs gilt als eine der ältesten. Am bekanntesten ist die Gelugpa-Linie des Dalai Lama.

Der Mann, der immer wieder erzählt, dass er gerne schnell Auto fährt und Fallschirmspringer war, gründete eigenen Aussagen nach 667 Buddhismus-Zentren. Im Allgäu gibt es neben Immenstadt noch Schwarzenberg sowie kleinere Gemeinschaften in Kempten, Füssen und Kaufbeuren. Viele Diamantweg-Anhänger schätzen, dass sie sich nicht in ein Textstudium vertiefen müssen, sondern auf dem Weg zum Lebensglück und der erhofften Erleuchtung direkt in die Meditierpraxis einsteigen können. In einem Brief schreibt der Lama: „Auf Wunsch und in Übereinstimmung mit meinen Lehrern gebe ich die buddhistischen Mittel so weiter, dass sie ins alltägliche Leben integriert werden können.“

Dieser Teilnehmer des Sommercamps auf Gut Hochreute hält eine Meditationskette in der Hand.
Bild: Ralf Lienert

„Erfahrungsreligion“ nennen das Diamantweg-Lehrer, Kritiker „Party-Buddhismus“. Jedenfalls wird der Buddhismus im Allgäu sehr speziell ausgelegt. Es gibt ein eigenes „EC“-Bier mit dem Logo des Europazentrums. Im Verpflegungszelt reihen sich Buddhisten vor zwei Ausgabestellen: eine für Vegetarisches, eine für Fleischgerichte. Fleisch? Bei der Renovierung von Gut Hochreute wurde nach Worten eines Pressesprechers lange nach einer Methode gesucht, damit Holzwürmer in alten Balken nicht getötet wurden. Buddhisten anderer Linien fahren nicht einmal Auto, um nicht für den Tod eines fühlenden Wesens wie Insekten verantwortlich zu sein. Beim Sommerkurs in Immenstadt gibt es dagegen Hackfleischlasagne und Schweinsbratwürste, Landjäger und Salami.

Nach dem Essen lauschen die Buddhisten Nydahls Belehrungen. Er sitzt barfüßig auf einem thronähnlichen Podest. Seine Anhänger haben Gelegenheit, zu fragen. Manche nutzen das, um einen Wunsch vorzutragen. Ein junger Mann berichtet von einer schwerkranken tunesischen Frauenrechtlerin und bittet: „Könntest du ihr gute Wünsche schicken?“ Nydahl: „Wenn es etwas mit Islam ist, bin ich raus. Ich mag die grundsätzlich nicht.“ Die Frau muss ohne seine spirituelle Unterstützung auskommen. Bei früheren Gelegenheiten hatte der Lama seine Islamabneigung noch mit der Unterdrückung der Frau begründet. Der Westdeutsche Rundfunk strahlte kürzlich einen Beitrag aus, in dem Nydahl so zu hören ist: „Wir mögen die Muslime überhaupt nicht. Also, was sie machen ..., all das Humorlose und die unterdrückten Frauen und die beschnittenen Frauen, nicht, keine Klitoris und all das, … was da passiert ... das ist furchtbar.“

Der Lama trug früher gerne einen Tarnanzug

Der Lama trug bei früheren Auftritten immer wieder einen Tarnanzug. Eine Scheu vor Waffen hat der Buddhist nicht. Ein Foto, das im Internet kursiert, zeigt ihn im Kreis von Soldaten mit einem Sturmgewehr im Anschlag. Angeblich ist es in Israel entstanden. Buddhismus und Waffengebrauch schließen sich beim Diamantweg offenbar nicht aus. Bei einem Vortrag hat der 77-Jährige nach Aussage seines früheren Anhängers Christoph Schultheiß auf die Frage, wie man sich gegen den Islam wappne, vor hunderten Zuhörern gesagt: Learn how to shoot (Lerne zu schießen).

Mehrere im Europazentrum verkehrende Oberallgäuer sind Mitglieder in einem Immenstädter Schützenverein. „Die sind ganz begeisterte Sportschützen“, sagt Martin Kennerknecht, Vorsitzender der Königlich Priviligierten Schützengemeinschaft. Im Verein sei das allerdings „kein großes Thema“ – es seien nur eine Handvoll Personen. Ein anderes Vereinsmitglied sieht es ähnlich: „Die sagen offen, dass sie Buddhisten sind, und man wundert sich zwar. Beim Schießbetrieb halten sie peinlichst alle Regeln ein.“ Tatsache ist: Einige haben eine Waffenbesitzkarte und können damit Waffen auch daheim lagern.

Eine immer offenere Islamfeindlichkeit im Diamantweg sieht Friedmann Eißler von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Er bezeichnet es als „gnadenlos“, dass kürzlich ein Diamantweg-Vertreter zur Wehrhaftigkeit gegen den Islam aufgerufen habe. Die Mittel seien „egal“, habe dieser es zugespitzt. „Da passt buddhistischer Inhalt der Gewaltlosigkeit und wie es gelebt wird nicht zusammen“, sagt der Theologe.

Malerischer geht es kaum. Blick auf den See, dahinter die Berge: das Sommercamp des Diamantweg-Buddhismus bei Immenstadt.
Bild: Ralf Lienert

Bei Auftritten Nydahls strömen die Anhänger massenhaft herbei. Wenn wie beim Sommerkurs zwischen ausgeschmückten Verheißungen vom Glück Sätze fallen wie „Der Islam ist die größte Bedrohung für unsere Zivilisation ..., das sind Menschen wie Bomben“, wird keine Kritik laut. Viele klatschen sogar. „Was der Lama sagt, übernehme ich eins zu eins“, sagt eine ältere Frau. Andere versuchen so mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Ich ziehe aus seinen Aussagen die Aspekte, die mir nützen“, sagt ein Familienvater aus der Nähe von Hamburg. Buddhismus sei wie eine „Apotheke, man nimmt, was man braucht.“

Der Immenstädter Schultheiß ist überzeugter Buddhist, war über Jahre hinweg drei bis vier Mal pro Woche auf Gut Hochreute beim Meditieren. Er erklärt die fehlende Empörung über Nydahls Aussagen so: „Es ist so ziemlich das Schlimmste, sich gegen den Lama zu stellen.“ Das könne durchaus als „Personenkult“ verstanden werden. In seinem Buch „Wie die Dinge sind“ hebt der Lama auf ein durch nichts zu ersetzendes persönliches Lehrer-Schüler-Verhältnis ab. „Je ganzheitlicher Wissen und Einsichten vermittelt werden, desto wichtiger ist diese Verbindung.“ Die Kölner Stadträtin Lisa Gerlach war früher Nydahl-Schülerin und erklärt ausbleibende Proteste ähnlich: Wenn ein Schüler an Aussagen des Lamas etwas auszusetzen hat, werde ihm suggeriert, der Fehler liege bei ihm und nicht beim Lehrer.

Ein weiterer Aspekt aus Sicht von Schultheiß: „Wie soll man sich distanzieren, wenn komplette Familien mit ihrem gesamten sozialen Umfeld im Diamantweg verwurzelt sind?“ Seit der Eröffnung im Jahr 2007 ziehen immer mehr Buddhisten ins Allgäu. 200 sind es wohl inzwischen. An Schultheiß’ buddhistischem Glauben hat sich nichts geändert. Dass er sich aber heute vom Europazentrum fernhält, liegt daran, dass Ole Nydahl bei einem Auftritt zur Wahl der rechtspopulistischen AfD aufgerufen habe. Diese Haltung hat bei anderer Gelegenheit auch eine Buddhistin zur Warnung vor dem Lama veranlasst. Die evangelische Kirche in Immenstadt hatte im Bemühen um interreligiösen Austausch nach Worten von Pfarrerin Marlies Gampert zwei Buddhisten eingeladen, ihren Glauben vorzustellen. „Dabei meldete sich eine Zuhörerin, sagte, dass sie selbst auch Buddhistin ist, und kritisierte, dass Nydahl für die AfD Werbung macht“, sagt Gampert.

Inwieweit Nydahl Kontakte zur rechten Szene hat, ist unklar. Durch ein im Internet kursierendes Foto ist eine Begegnung mit dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders belegt. Die Kölner Stadträtin Gerlach empört sich über den Lama, seitdem er in ihrem Beisein um Sympathie für die französische Rechtsextreme Marine Le Pen geworben habe.

Wenn Lama Ole Nydahl auf der Bühne zu seinen Anhängern spricht, steht unter anderem diese Figur neben ihm.
Bild: Ralf Lienert

Rechtslastige Äußerungen Nydahls und sein Aufruf, schießen zu lernen, haben zu Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten geführt, sagt auf Anfrage Staatsanwältin Kathrin Eger. Die überprüften Aussagen hätten allerdings „keine strafrechtliche Relevanz“, sondern fielen unter die Meinungsfreiheit.

Keine strafrechtliche Relevanz ist das eine, die Einschätzung vieler Einheimischer das andere. Der frühere Immenstädter Stadtrat Michael Immler hat immer gegen einen Ausbau des Zentrums gestimmt, „weil das da oben dogmatisch und politisch rechts zugeht“. Immler kommt aufgrund seiner Bekanntschaft mit anderen Buddhisten zu einer weitgehenden Beurteilung: „Was da unter dem Mäntelchen der Toleranz abläuft, grenzt an Sektierertum.“

Der Buddhistische Dachverband Diamantweg spricht von einer Kampagne

Nydahl ist auch in buddhistischen Kreisen nicht unumstritten. Der Mönch Tenzin Peljor plädiert dafür, dass Buddhisten kritisch das Verhalten ihrer Meister hinterfragen. Er nahm als Delegierter einer Zen-Gemeinschaft vor einigen Wochen ebenfalls in Immenstadt an einer Tagung der Deutschen Buddhistischen Union, dem Dachverband der buddhistischen Gemeinschaften aller Strömungen, teil. Dabei sei es erstmals zu einer Aussprache „über Rechtspopulismus“ gekommen.

Der Mönch bezeichnet es als generelles Problem, dass im Westen „die Leute im Buddhismus alles nur positiv sehen, in rosaroten Wolken, und dabei die verrotteten Dinge wie Machtmissbrauch und Islamophobie übersehen“. Peljor hat sich wiederholt kritisch zum Diamantweg und Nydahl geäußert. Nadia Wyder vom Buddhistischen Dachverband Diamantweg bezeichnet dies als Kampagne. Die Bewegung hat den Mönch mit Abmahnungen überschüttet. Der juristische Streit kostet ihn wohl 20.000 Euro unter anderem für Anwaltsgebühren – weshalb Unterstützer zu Spenden aufrufen.

Nydahl lässt sich durch keine Kritik beirren. Während einer Belehrung wird er am Dienstag von einem Schüler gefragt, was in diesen schweren Zeiten helfen könne. Der Lama liest wieder und wieder ein Mantra vor, alle im Zelt sprechen den Text wieder und wieder nach. Mantras sind heilige Sätze. Dieses soll gegen den Islam schützen.

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06.08.2018

So wie der Herr Januschke und der Herr Hörmann den Buddhismus beschreiben, scheinen mir Buddhisten gar nicht mehr so fremd.
Vielen Dank für den Artikel!

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03.08.2018

Das ist kein Lama und auch kein Buddhist! Wer als aufrechter Buddhist offen erklärt, er hätte jemanden erschossen wie z-B. Hitler oder Stalin, stellt sich offen gegen die Lehre des Buddhismus. Solche Leute sind Bauernfänger und eine Gefahr für leichtgläubige und sozial Schwächere, welche Halt suchen und auf diese Parolen hereinfallen. Noch dazu den Islam als ganze für schlecht zu erklären, zeigt, was für ein geistige Haltung dieser Mensch hat. Man kann da nur warnen!

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