Die Impfungen gegen Covid-19 sind in Deutschland flächendeckend angelaufen - unter anderem mit dem Impfstoff der Hersteller Biontech und Pfizer.

Wie in der Region bei Corona-Impfungen manipuliert wird

Foto: Sven Hoppe, dpa

Immer mehr Fälle von fragwürdigen Corona-Impfungen kommen ans Licht. Nach einem Landrat und dem Augsburger Bischof wurden nun dubiose Anmeldungen in AWO-Heimen bekannt.

„Medizinisches Katastrophen-Hilfswerk“ – MHW – prangt auf dem weißen Kleinbus mit den auffälligen blauen, gelben und leuchtend roten Querstreifen, der vor dem Seniorenheim parkt. Es ist ein grauer Samstagvormittag im Februar, der Sahara-Wüstensand weit oben in der Atmosphäre gibt dem Himmel einen seltsam gelblichen Farbstich. Im Seniorenzentrum St. Anna und Wolfhard in Augsburg-Lechhausen, das bis in die 80er Jahre als Krankenhaus für Infektionskranke und Beatmungspatienten diente, hat sich nicht nur das mobile Impfteam mit zahlreichen Dosen des Biontech-Impfstoffs „Comirnaty“ angekündigt. Es gibt – zufällig oder nicht – auch hohen Besuch im Heim.

Der Augsburger Bischof Bertram Meier erhielt bereits eine Corona-Impfung. Die Umstände sind umstritten.
Foto: Ulrich Wagner (Archivbild)

Nicht jeder erkennt den Mann in dem dunklen Anzug mit dem weißen Stehkragen sofort. Manch einer schaut erstaunt zweimal hin, als der Mann mit „Herr Bischof“ begrüßt wird. Auch der Generalvikar wird von Vertretern der Caritas begrüßt. Der Bischof, so berichten es später Augenzeugen, reiht sich vor der Caféteria in die Warteschlange der „Impflinge“ ein, wie die zu impfenden Menschen im Behörden- und Mediziner-Deutsch tatsächlich genannt werden. Später wird es heißen, der Augsburger Bischof Bertram Meier und sein Generalvikar Harald Heinrich seien an diesem Samstag geimpft worden, weil es kurzfristig überzähligen Impfstoff gebeben habe.

Corona-Impfungen: Immer mehr fragwürdige Fälle werden bekannt

In ganz Deutschland häufen sich die Meldungen über fragwürdige, frühe Corona-Impfungen. Seitdem klar ist, dass der straffe Zeitplan nicht eingehalten werden kann, weil der Impfstoff noch knapp ist, kommen immer mehr Fälle ans Licht, in denen hunderte Polizisten, Führungskräfte aus Behörden oder Kommunalpolitiker aus nicht nachvollziehbaren Gründen schon ihre Impfungen erhalten haben.

 

Erst diese Woche haben auch der Landrat des Kreises Donau-Ries, Stefan Rößle (CSU), und der Donauwörther Oberbürgermeister Jürgen Sorré (parteilos) eingeräumt, dass sie bereits Anfang des Jahres eine Corona-Impfung bekommen haben. Im Nachhinein sehen die Politiker dies selbst kritisch. Es sind keine Einzelfälle. Daten, die unserer Redaktion vorliegen, deuten sogar eher auf einen systematischen Missbrauch von Impfmitteln hin, vor allem dann, wenn mobile Impfteams in Seniorenheimen vor Ort impfen, statt in den staatlichen Impfzentren.

Der Donau-Rieser Landrat Stefan Rößle hat sich bereits gegen das Coronavirus impfen lassen - dafür gab es viel Kritik.
Foto: Anton Färber (Archivbild)

Keine zwei Kilometer Luftlinie von dem Augsburger Caritas-Heim entfernt parkt am gleichen Samstagvormittag zur gleichen Zeit auch ein MHW-Kleinbus im Hinterhof eines Augsburger Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Auch hier ist ein mobiles Team des Augsburger Impfzentrums seit dem Morgen zugange, um Personal und Heimbewohner zu impfen. In der Warteschlange befinden sich auch gut ein Dutzend Polizeibeamte in Uniform, die am Vormittag mit FFP2-Masken den Eingang des sechsstöckigen „AWO Seniorenzentrums“ im Laufschritt stürmen, als ob sie zu einem Tatort eilten.

Das Impfsystem hat einen Schwachpunkt - und der wird ausgenutzt

Die Polizisten profitieren vom sogenannten „Hop-On“-System in Bayern: Bleiben Impfdosen übrig und können nicht schnell vor der Verfallsfrist an andere Menschen der obersten Prioritätenstufe verimpft werden oder sind schon als Spritzen aufgezogen, dann werden über die Leitstellen Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter oder Helfer des Technischen Hilfswerks kurzfristig zur Corona-Schutzimpfung eingeladen. Hauptsache keine der so knappen Impfdosen verfällt ungenutzt. Und wer eine erste Covid-19-Impfung ergattern konnte, hat in der Praxis das Recht auf eine Zweitdosis, die dann für ihn reserviert wird.

Was die Polizisten nicht wissen: Auf der offiziellen Impfliste stehen an diesem Samstag zwei Männer aus einem entfernten Landkreis. Schwere Vorerkrankungen sieht man ihnen nicht an, als die beiden am Vormittag in das Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt spazieren. Sie sehen ziemlich fit aus. Mit Mitte fünfzig und Ende dreißig gehören sie nicht zur altersbedingten Risikogruppe. Warum sollen die beiden eine Impfung erhalten, und das auch noch ein ganzes Stück weit weg von ihrem Wohnort, in einem Augsburger AWO-Seniorenheim? Die Antwort ist ebenso einfach wie verstörend: Weil der ältere der beiden offensichtlich der Lebenspartner der Heimleiterin ist.

 

Und das ist kein Einzelfall bei der AWO. Am Tag zuvor wurde in einem weiteren Altersheim der Arbeiterwohlfahrt am Augsburger Stadtrand die Ehepartnerin des Heimleiters geimpft. Die Frau erhielt bereits ihre zweite Impfdosis, wie aus Daten hervorgeht, die unserer Redaktion vorliegen. Sie ist den Recherchen zufolge nicht in der Altenpflege tätig und gehört auch nicht zu einer priorisierten Impfgruppe.

Ging bei Impfungen der AWO Schwaben etwas nicht mit rechten Dingen zu?

Die AWO Schwaben ist ein großer Player in der Wohlfahrtspflege. Der Bezirksverband hat rund 10.000 Mitglieder. Die AWO betreibt in ihrem Bezirk nach eigenen Angaben 24 Seniorenheime, 37 Kindergärten und -horte, zwei Fachkliniken für Suchtkranke, ein Behindertenzentrum, betreute Wohneinrichtungen für psychisch Kranke sowie zahlreiche weitere ambulante und teilstationäre Dienste und Beratungsstellen. Rund 3000 Menschen arbeiten für die AWO in Schwaben. Der Verband ist traditionell SPD-nah und sieht sich als sozialpolitischer Interessenwahrer. Doch wenn es um die Wahrung eigener gesundheitlicher Interessen geht, scheinen es einige dort nicht so genau zu nehmen.

Das AWO-Heim in Friedberg.
Foto: Stöbich (Archivbild)

Nach unseren Recherchen hat sich auch der Geschäftsführer der schwäbischen AWO zusammen mit einer Referatsleiterin und einer weiteren Mitarbeiterin im Januar im AWO-Seniorenheim in Friedberg gegen Corona impfen lassen, obwohl Verwaltungsmitarbeiter eigentlich noch nicht an der Reihe gewesen wären. Zunächst soll ja das medizinische Personal immunisiert werden, das direkten Kontakt zu Patienten hat oder regelmäßig Seniorenheime betritt. In einem Schreiben vom vergangenen Jahr definierte das bayerische Sozialministerium das Wort „regelmäßig“ mit mindestens zwei Besuchen in der Woche je einzelner Senioreneinrichtung. In einem Schreiben vom Januar wurde diese Einschränkung allerdings nicht mehr klar erwähnt.

Kirchenmänner lassen sich impfen und berufen sich darauf, dass sie regelmäßig seelsorgerisch in den Heimen tätig seien. Kommunalpolitiker lassen sich frühzeitig impfen, weil angeblich gerade Impfdosen übrig waren. Diese Fälle bewegen sich zumindest in moralischen Grauzonen. Doch der Fall bei der AWO in Augsburg hat noch einmal eine ganz andere Qualität und deutet auf systematische Manipulationen der Impfreihenfolge hin.

Der Kfz-Meister wurde für die Covid-Impfung einfach zum Pflegepersonal erklärt

Für die Datenbank des Bayerischen Impfzentrums wurde der in dem Augsburger Heim zweimal geimpfte selbstständige Kfz-Meister kurzerhand zum Pflegepersonal erklärt. Zugleich müssen die „Impflinge“ auch selbst schriftliche Bögen ausfüllen und unterschreiben. „Ich arbeite in einer Pflege- oder medizinischen Einrichtung“, heißt es dort.

Schwabens AWO-Chef Dieter Egger begründet die fragwürdigen Impfungen zum einen mit übrigem Impfstoff und sagt, die „Impfverantwortlichen“ hätten in einigen Fällen „intensiv um Impfwillige“ gebeten. Falls Externe geimpft worden seien, dann nur mit Billigung der Impfverantwortlichen.

Das klingt so, als ob man bei der AWO keine andere Wahl gehabt habe, als spontan Menschen impfen zu lassen, die mit den Heimen beruflich gar nichts zu tun haben. Die Stadt Augsburg wehrt sich gegen diese Darstellung. An jenem Tag Mitte Januar etwa, als der Kfz-Meister seine erste Impfdosis bekam, sei nur die von der AWO festgelegte Liste an Impflingen abgearbeitet worden. Übrige Impfdosen seien an Polizisten verabreicht worden. Der Augsburger Gesundheitsreferent Reiner Erben (Grüne) stellt dazu klar: „Alle von den AWO-Leitungen gemeldeten Personen wurden als Personal beziehungsweise systemrelevant gegenüber dem Impfzentrum gemeldet.“ Dies sei auch so dokumentiert.

 

Der städtische Impfkoordinator Frank Plamboeck erklärt auf Anfrage, wie die Impfungen in den Alten- und Pflegeeinrichtungen ablaufen: „Ein Vorausteam fährt in die Einrichtung und klärt mit der Heimleitung ab, wer wo geimpft werden soll.“ Das könnten neben den Bewohnern auch Mitarbeiter der Einrichtung sein. Dabei werde auch die genaue Menge des Impfstoffs festgelegt. „Wenn 96 Leute geimpft werden sollen, nimmt das mobile Team genau Wirkstoffampullen für 96 Personen mit“, so der Koordinator.

Am Impftag würden die von der Heimleitung gemeldeten Personen durchgeimpft. Ob wirklich nur berechtigte Personen darunter sind, könne das Team nicht überprüfen. Hier sei man auf die Angaben der Heimleitung angewiesen. „Wenn Impfstoff übrig bleibt, weil sich beispielsweise Heimbewohner kurzfristig doch nicht impfen lassen wollen, geht der wieder mit ins Zentrum und wird dort verimpft“, sagt Plamboeck. Spontane „Hop-On-Listen“ der Heime gebe es nicht. Und: Vorm 20. Januar durften angebrochene Ampullen nicht transportiert werden – in diesem Fall habe man beispielsweise der Polizei Bescheid gegeben, die einzelne Beamte zum Impfen schicken konnte.

Manche drängeln sich beim Impfen dreist vor, andere warten sehnlichst auf einen Termin

Während manche sich beim Impfen dreist vordrängeln, warten andere verzweifelt auf einen Impftermin. Monika Freiberger aus Augsburg hat sich am Samstag um ihren schwerst pflegebedürftigen Ehemann Robert gekümmert, als die Impfungen in den Heimen liefen. Sie pflegt ihren dementen Mann seit acht Jahren zu Hause. Der 83-Jährige hat den höchsten Pflegegrad 5. „Ich bekomme einfach keinen Impftermin, Fälle wie mein Mann fallen durch das Raster“, beklagt Freiberger. Einige gesunde, fitte Bekannte über 80 seien bereits geimpft.

Bei den verantwortlichen Stellen werde sie aber abgewimmelt mit dem Hinweis, sie habe ihren Mann ja bereits zur Impfung registriert und sie solle Kontakte vermeiden. Aber wie? Zusätzlich zur häuslichen Pflege durch sie selbst übernehmen zwei Sozialstationen morgens und abends die Pflege mit insgesamt zehn Pflegekräften und mehr pro Woche. Diese Kräfte haben täglich mit vielen Patienten aus unterschiedlichstem Umfeld Kontakt. Dazu kämen weitere Kontakte durch Tagespflege sowie Ergo- und Physiotherapie. Die meisten Kontakte seien sehr körpernah, das Tragen einer FFP2-Maske bei der Körperpflege sei meist nicht möglich, berichtet Freiberger. „Wäre mein Mann in einem Heim, wäre er längst geimpft“, meint die Augsburgerin. Das sei ein Fehler im System.

 

Das derzeitige Impfsystem hat offensichtlich einen entscheidenden Schwachpunkt: Jeder, der eine Liste mit Impflingen einreicht, kann theoretisch diese Chance nutzen, um Verwandten oder Freunden einen Gefallen zu tun. Diese Einfallstür für Missbrauch und Manipulation ist so groß wie ein Scheunentor. Und wer kann im Moment sagen, wie viel so ein Gefallen schon in wenigen Wochen oder Monaten wert sein kann? Der Deutsche Ethikrat hat zwar erst vergangene Woche Privilegien für Geimpfte aus ethischen Gesichtspunkten abgelehnt. Aber bleibt es dabei? Können nicht in absehbarer Zeit schon Geimpfte ein „normaleres“ Leben führen, Konzerte besuchen, Urlaubsreisen antreten? Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fälle in den Seniorenheimen in einem sehr fahlen Licht.

Und der Augsburger Bischof? In einer Pressemitteilung meldet er sich am frühen Mittwochnachmittag selbst zu Wort: verwundert, mit Bedauern, kämpferisch – und mit einer Entschuldigung. Seine zentralen Sätze lauten: „Die kranken und alten Menschen in den Heimen brauchen Zuwendung und menschliche Nähe. Wer besucht sie denn noch? Sie brauchen aber auch die größtmögliche Sicherheit, dass ihnen niemand die Viren ins Zimmer bringt. Dass meine Impfung in der Öffentlichkeit für Missverständnisse gesorgt hat, tut mir leid.“

Kein bayerischer Diözesanbischof hat sich bislang impfen lassen - bis auf den Augsburger

Im Laufe des Nachmittags treffen nach und nach auch die Antworten auf Anfragen unserer Redaktion in den anderen 26 Bistümern der katholischen Kirche in Deutschland ein. Das Bild, das entsteht, wird immer klarer. Es ist, als ob man einem Polaroid-Foto bei der Entwicklung zusieht.

22 (Erz-)Bistümer haben zu diesem Zeitpunkt geschrieben – und in keinem wurde demnach bislang ein amtierender Bischof, Weihbischof oder Generalvikar schon geimpft. Darunter alle (Erz-)Bischöfe Bayerns – mit Ausnahme eben des Augsburgers – sowie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing aus Limburg. Zur Begründung geben die meisten Pressestellen, und das fast gleichlautend, an: Ihre Bistumsspitze lasse sich impfen, wenn sie an der Reihe sei. Aus dem Erzbistum Bamberg heißt es: Selbst der 90-jährige Alt-Erzbischof Karl Braun warte noch auf einen Impftermin. Braun, der in Kempten geboren wurde, ist Impfbotschafter der Stadt Bamberg und Ehrendomherr der Kathedrale in Augsburg.

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