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Corona-Krise

06.04.2020

Wie lange halten Bayerns Wirtshäuser durch?

Das waren noch Zeiten, als man im Biergarten des Klostergasthofs Andechs ein schönes, kühles Bier genießen konnte.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Plus Wirte sehen ihre Existenz bedroht. Warum sich ein Betreiber sicher ist, dass manche Gaststätte noch in 15 Jahren unter der Corona-Krise leiden wird.

Was wäre Bayern ohne seine Wirts- und Gasthäuser? Sie sind die Orte der Stammtische, des gemütlichen Beisammenseins, Kartelns und zünftigen Anstoßens. Einige Gaststätten gibt es seit Jahrhunderten oder sie werden seit Generationen von einer Familie geführt. Gerade diese Traditionsbetriebe prägen Bayern und sind Teil der bayerischen Identität geworden. Sie trotzten Kriegen und dem Wirtshaussterben der vergangenen Jahre. Aber schaffen sie es auch, die derzeitige Corona-Krise zu überstehen? Oder geht nun ein Teil des bayerischen Kulturguts verloren?

Corona bedeutet für Bayerns Wirte eine "wirtschaftliche Katastrophe"

Seit über zwei Wochen gelten wegen Corona in Bayern Ausgangsbeschränkungen. Das öffentliche Leben: reduziert auf ein Minimum. Fast alle Geschäfte mussten schließen, auch Gaststätten. Und dieser Ausnahmezustand hält noch mindestens bis zum Ende der Osterferien an. Die Folge: massive Umsatzausfälle für die Wirte. "Die Schließung ist absolut notwendig, anders ließen sich die Empfehlungen zu Kontaktverboten gar nicht umsetzen. Wirtschaftlich ist es aber eher eine Katastrophe", sagt Otmar Mutzenbach. Er ist seit 2008 Geschäftsführer des Schneider Bräuhaus in München, das auf eine fast 150-jährige Geschichte zurückblickt.

Wie lange halten Bayerns Wirtshäuser durch?

"Existenzbedrohend" nennt auch Manfred Heissig die Lage. Er und Ralf Sanktjohanser sind seit Januar vergangenen Jahres die Pächter des im 15. Jahrhundert erstmals erwähnten Klostergasthofs Andechs. Heissig: "Wir haben erst im April 2019 eröffnet und zuvor großflächig renoviert." Auch dieses Jahr fielen nochmals einmonatige Renovierungsarbeiten an. "Diese Umsatzausfälle und Investitionen stehen bei uns noch auf der Minusseite." Für den Ratskeller Augsburg sieht es etwas besser aus, wie Oliver Ganteför – seit 2006 Geschäftsführer – erklärt. Sie hätten Rücklagen gebildet. Aber eigentlich seien diese für weitere Investitionen geplant gewesen.

Gastwirt sicher: Wer keine Rücklagen hat, wird es nicht schaffen

Auch das Schneider Bräuhaus hat ein Polster angelegt. Aber: Nur drei oder vier Monate könnten sie eine Schließung finanziell noch verkraften, sagt Geschäftsführer Mutzenbach. "Dann sollte zumindest in nennenswerten Teilbereichen wieder Leben ins Haus kommen." Für andere Kollegen sieht Mutzenbach aber schwarz. Viele hätten keine Reserven angelegt. Er ist sich sicher, dass es einige deshalb bis zum Jahresende nicht schaffen werden.

Einen Liefer- oder Take-away-Service – was den Gaststätten erlaubt wäre – bieten alle drei Gastronomen nicht an. Ein Grund: Das Verhältnis zwischen potenziellen Kunden zur Betriebsgröße lasse kein sich wirtschaftlich rentierendes Konzept zu, erklärt Mutzenbach. Der Klostergasthof Andechs geht mit einem Solidaritätsgutschein einen anderen Weg. Damit zumindest etwas Geld in die Kasse kommt, sagt Pächter Heissig. Wer derzeit für mindestens 25 Euro einen Gutschein kauft, bekommt beim Einlösen – wenn der Gasthof wieder öffnet – einen Begrüßungsdrink und zehn Prozent Nachlass auf den Gutscheinwert.

Fernsehkoch Tim Mälzer: "In drei Monaten bankrott"

Aber reichen finanzielle Rücklagen und Gutscheine aus, um das Überleben der Gaststätten über die Corona-Krise hinaus langfristig zu sichern? Fernsehkoch Tim Mälzer, der mehrere Restaurants betreibt, erklärte Ende März im ZDF, ohne schnelle Finanzhilfen in drei Monaten bankrott zu sein. Denn laufende Kosten wie Mieten müssten trotz fehlender Einnahmen weiter gezahlt werden. Von dem vom Bund auf den Weg gebrachten Kreditprogramm hält Mälzer jedoch nicht viel, da das Geld irgendwann zurückgezahlt werden müsse und die Insolvenz daher nur verzögere.

Viele Münchner Gastronomen sehen das ähnlich. Sie haben sich daher nach Hamburger Vorbild zur Initiative "Save our local Gastro" zusammengeschlossen – auf Deutsch: "Rette unsere lokale Gastronomie". In einem offenen Brief forderten sie unter anderem von Bayerns Ministerpräsident und Münchens Oberbürgermeister eine "sofortige und hundertprozentige Kostenübernahme aller Bruttogehälter". Ferner eine "Fortzahlung aller ausgefallenen Arbeitsstunden für Minijobber und studentische Aushilfen", "Steuernachlässe anstelle von Stundungen" sowie erleichterte Kreditbedingungen. Der Grund: "Alle bisher getätigten Beschlüsse, wie beispielsweise die Bereitstellung von Überbrückungskrediten, sorgen für einen Aufschub der Probleme – nicht für Lösungen!" Und: "Wir kommen aktuell nicht an die Soforthilfen, das bedeutet: Die meisten von uns sind womöglich bis zum Ende des Monats weg vom Fenster!"

Wie wird sich Corona in Zukunft noch auf die Gastronomie auswirken?

Das Schneider Bräuhaus in München ist zwar nicht Teil der Initiative, dennoch stimmt Geschäftsführer Otmar Mutzenbacher den Forderungen zu: "Wer keine Rücklagen bilden kann, kann auch nicht heute gestundete Zahlungen in zwei, drei oder vier Monaten zurückzahlen, ohne sich mit neuen Stundungen belasten zu müssen." Gerade die geforderten Steuersenkungen (sieben statt bisher 19 Prozent Mehrwertsteuer) findet auch Manfred Heissig vom Klostergasthof Andechs sinnvoll, um im Nachgang wieder konsolidierungsfähig zu werden. Steuersenkungen statt -stundungen befürwortet auch Oliver Ganteför vom Ratskeller Augsburg. Denn: "Die Umsätze, die wir als Gastronomen jetzt nicht machen, holen wir später im Jahr nicht nach, sondern diese Umsätze sind einfach nicht da."

Die Zukunft ihrer Betriebe bleibt ungewiss. Hohe Kredite und Stundungen könnten sie noch bis zu 15 Jahre begleiten, so Heissig. "Zukünftig werden sicherlich auch wir kleinere Brötchen backen und unser Betriebskonzept anpassen müssen", ist sich Mutzenbach sicher. Denn welche temporären Einschränkungen noch auf die Betriebe zukommen könnten, sagt Ganteför, wisse momentan niemand.

Über alle Entwicklungen in Bezug auf das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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