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Deutscher Alpenverein

27.01.2019

Wie weit darf der Massentourismus in der Region noch gehen?

Einst Bergvagabunden, nun Bergtouristen: Auf den Gipfel zieht es sie damals wie heute, wie diese Fotomontage zeigt.
Bild: Archiv des DAV, München

Plus Der Deutsche Alpenverein warnt vor Auswüchsen in den Bergen – und profitiert selbst vom Boom. Ein Konflikt, der dringend besprochen werden muss.

Das Treffen mit Roland Stierle darf natürlich nicht irgendwo in der Redaktion stattfinden. Und oben auf einer der 323 Hütten des Deutschen Alpenvereins? Die meisten sind um diese Jahreszeit geschlossen. Also verabreden wir uns zu einer Wanderung durch die schneebedeckten Oberallgäuer Voralpen. Es geht in Richtung Reutter Wanne bei Wertach. An einem jener traumhaften Wintertage mit Sonne und pulvrigem Schnee.

Reichen drei, vier Stunden, um über den Alpen-Tourismus zu reden, um auch nur die wichtigsten Stationen der 150-jährigen Geschichte des DAV anzusprechen? Stierle, mehr als 20 Jahre Vorsitzender der Sektion Stuttgart mit inzwischen über 20000 Mitgliedern und jetzt als Vizepräsident vor allem für den Bereich Hütten und Wege zuständig, vergleicht den Bergsteigerverband mit einer großen Familie. Da gebe es natürlich unterschiedliche Meinungen und Strömungen, sagt der 65-jährige Familienvater, aber eben auch einen großen Zusammenhalt. Man verstehe sich als „pluraler Verein mit hohem Demokratieverständnis“.

Was nötig sein wird in einer Interessengemeinschaft mit inzwischen fast 1,3 Millionen Mitgliedern. Die seit Jahren boomt wie überhaupt der ganze Alpen-Tourismus. Wo Diskussionen geführt werden müssen, wie weit dieser Boom noch gehen darf, wie Massentourismus und Naturschutz zusammenpassen, wo man sich wie positionieren soll.

Und dies vor dem Hintergrund der „Overtourism“-Debatte, wie es neudeutsch heißt. Also der Frage, ob den Alpen angesichts ständig neuer Rekordzahlen der Übertourismus droht. Denn der Boom wird ja weitergehen. Professor Alfred Bauer, Tourismus-Forscher an der Hochschule Kempten, hat das erst kürzlich wieder deutlich gemacht. So warnte er vor einer kritischen Entwicklung an einzelnen „Hotspots“ wie Neuschwanstein oder dem südlichen Oberallgäu, „das an manchen Tagen regelrecht im Verkehr erstickt“.

Das mit dem Pluralismus und Demokratieverständnis war mitnichten schon immer so ausgeprägt beim DAV. Gegründet wird der Verein am 9. Mai 1869 im Münchener Gasthaus zur „Blauen Traube“. Dort versammeln sich 36 Männer, die mit der Ausrichtung des sieben Jahre zuvor gegründeten österreichischen Alpenvereins unzufrieden sind. „Der Deutsche Alpenverein sollte für alle da sein, die die Berge lieben“, erzählt Stierle.

Damals freilich klingt das noch etwas pathetischer: Es gehe darum, „alle Verehrer der erhabenen Bergwelt zu vereinen“. Der königlich bayerische Regierungsbeamte Gustav Bezold wird an jenem Abend zum Gründungspräsidenten gewählt. Die Berge sollen also für alle Menschen da sein und zugänglich gemacht werden, setzen sich die 22 Gründungssektionen des Vereins zum Ziel. Eine dieser Sektionen ist Memmingen.

Es folgen die Jahre der Hüttenbauten, die Berge werden durch Wege und Steige erschlossen. Mit dem Waltenberger Haus in den Oberstdorfer Bergen entsteht beispielsweise im Allgäu die erste Schutzhütte. Deutscher und österreichischer Alpenverein schließen sich schließlich zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuÖAV) zusammen.

Dann kam eine Kindergärtnerin und brach in die Männerdomäne ein

Noch ist dieser ein reiner Männerhaufen. Das ändert sich 1893. Mit Käthe Levi, einer feschen Kindergärtnerin aus München, wird die erste Frau aufgenommen. Ihrem Argument haben die Herren der Schöpfung nicht mehr viel entgegenzusetzen: „Ja sagn’S amal, hat denn unser Herrgott d’Berg bloß für d’Mannsbuilder g’schaffen?“

Die dunklen Kapitel in der Geschichte des Alpenvereins beginnen schon um die Jahrhundertwende. Antisemitische Tendenzen greifen früh um sich. 1899 beispielsweise wird die Sektion Mark Brandenburg ausschließlich für „christlich getaufte, deutsche Staatsbürger“ gegründet. Die meisten der damals 110 örtlichen Sektionen führen schon 1921 einen „Arierparagrafen“ ein, der jüdische Bergsteiger ausschließt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird der DAV in den „Reichsbund für Leibesübungen“ eingegliedert. Erst nach Kriegsende erlauben die Alliierten Anfang der 1950er Jahre eine Neugründung des Vereins. Seitdem wächst und wächst er.

Auf nun, im Jubiläumsjahr 2019, beeindruckende knapp 1,3 Millionen Mitglieder in 356 Sektionen zwischen Kiel und Oberstdorf. Der Frauenanteil nimmt ständig zu und liegt aktuell bei knapp 43 Prozent. Es klingt unglaublich: In Zeiten, in denen immer mehr Vereinen die Menschen davonlaufen, hat der Alpenverein ein jährliches Mitgliederplus von vier Prozent und mehr. Allein im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung sind etwa 140000 Menschen Mitglied in 38 Sektionen.

Schluss mit der Einsamkeit von früher. Heute erobern die Massen die Bergwelt. Auch das ist natürlich eine Fotomontage.
Bild: Archiv des DAV, München

Worauf gründet der Boom, wo der DAV in früheren Jahren doch mit einem so angestaubten Image zu kämpfen hatte? Der pensionierte Ingenieur Roland Stierle nennt, gemütlich durchs Oberallgäu wandernd, den allgemeinen Trend zu Natursportarten als einen Grund. Jeder Hüttenwirt kann das bestätigen. Immer mehr junge Leute sind in den Bergen unterwegs. Sie klettern, wandern oder fahren Mountainbike. Und dann gibt es den Kletterboom, der seit Jahren anhält. Fast überall dort, wo eine Kletterhalle entsteht, gehen die Mitgliederzahlen ordentlich nach oben.

Immer tiefer wird der Schnee auf den schmalen Waldwegen Richtung Reutter Wanne. Seit einiger Zeit, sagt Stierle, habe er Probleme mit den Knien. Jetzt wieder. Er, der in den 1970er und 80er Jahren die wildesten Touren in den Alpen geklettert ist. Walter Pauses Kultbuch „Im extremen Fels“ mit den damals schwersten Touren im Alpenraum sei für die damals jungen Wilden so etwas wie die Bibel gewesen, erzählt er. Entsprechend beeindruckend ist Stierles alpines Tourenbuch.

Der Boom zeigt sich auch in den vielen Kletterhallen

Wenn jetzt mal hier und da was zwickt, geht Stierle heute halt auch mal in die Kletterhalle, beispielsweise mit seinem fünfjährigen Enkel. „Da habe ich absolut kein Problem mit“, sagt er. Stierle findet es gut, dass der Alpenverein Kletterhallen fördere und damit einen Ganzjahressport für alle Generationen ermögliche. So hat die Sektion Kempten, mit über 19000 Mitgliedern die größte in Schwaben, 2017 ein neues Alpinzentrum mit riesiger Kletter- und Boulderhalle in Betrieb genommen. Mit Massentourismus in den Bergen hat das nicht unbedingt was zu tun; viele Hallen entstehen ja auch in flachen Gegenden.

Dass sich der DAV verändert und neue Sportarten in sein Programm aufnimmt, findet der Vizepräsident ganz normal. Auch die Hütten würden ja nicht mehr so gebaut wie vor 150 Jahren. Und überhaupt: Alles ändere sich eben mit der Zeit.

Und doch gibt es im Verein unterschiedliche Strömungen – früher genauso wie heute. Und je größer er wird, desto vielfältiger sind die Interessen. So monieren Kritiker, dass der DAV immer mehr eine Art „Alpen-ADAC“ sei, also ein großer Service-Dienstleister für Bergsportler. Da gebe es alles von der Versicherung bis zum Ausrüstungsverleih. Die Bergkameradschaft früherer Jahre, so die Meinung, sei da auf der Strecke geblieben.

Auch die Frage, wie umweltfreundlich der Bergsport sein sollte, beschäftigt die Gremien immer wieder – auf allen Ebenen. „Bergsport und Naturschutz ist für uns kein Widerspruch“, beteuert etwa der Kemptener Alpenvereins-Chef Harald Platz. Das sieht Roland Stierle ganz ähnlich. Auch Spitzensport und Breitensport bringe man ja unter einen Hut.

Als anerkannter Naturschutzverband wird der DAV bei der Planung von Großprojekten im Alpenraum als Träger öffentlicher Belange angehört. Es gebe Prinzipien, denen sich der Verband verpflichtet fühle, erläutert Stierle beim Abstieg durch den Tiefschnee. Oberste Priorität habe nun mal der Erhalt und Schutz der Bergwelt. „Deswegen gibt es mit den Politikern im Oberallgäu auch Schwierigkeiten“, erzählt er.

Auseinandersetzungen mit dem Landratsamt in Sonthofen gab es in den vergangenen Jahren beispielsweise, als im Hintersteiner Tal südlich von Bad Hindelang ein Wasserkraftwerk gebaut werden sollte. Wie die Umweltverbände lehnte auch der Alpenverein die Pläne strikt ab. Zu groß schienen den Verantwortlichen die Eingriffe in die alpine Wildbachlandschaft.

Nicht auf allen Hütten muss man duschen können, findet Roland Stierle, Vizepräsident des Deutschen Alpenvereins. Das muss er erst mal erklären.
Bild: Michael Munkler

Komfort auf den Hütten? Ist nicht immer gut

Zunehmend kritisch sieht der Verein auch Neubauten von Skiliften und Bergbahnen. Und wie sieht es mit dem Komfort auf den Hütten aus? Nicht überall müsse man sich duschen können, findet Stierle. Das meinen übrigens auch die Verantwortlichen der Kemptener Sektion. Und so wird es auf der Kemptener Hütte in den Oberstdorfer Bergen für die Gäste bald keine Duschen mehr geben. „Wenn wir immer mehr Komfort schaffen, dann kommen immer noch mehr Leute“, befürchtet Stierle.

Der Rückweg führt ein Stück über die viel befahrene Straße zwischen Wertach und Oberjoch. Ein Auto nach dem anderen rauscht vorbei. Roland Stierle kommt aufs Thema Autoverkehr zu sprechen. Weil Bergsteiger eine intakte Natur lieben, wollten sie sie auch erhalten, sagt er. Dazu gehöre, den Individualverkehr einzuschränken. So ruft der Alpenverein dazu auf, Fahrgemeinschaften zu bilden oder mit der Bahn zu fahren. Der Klimaschutz sei ein Thema, das den Verein längst erreicht hat, sagt Stierle.

Es sei doch im ureigensten Interesse der Bergsteiger: Mit jedem zehntel Grad Temperaturanstieg geht der Permafrost, der die Berge sozusagen zusammenhält, weiter zurück. Hochtouren werden gefährlicher, der Steinschlag nimmt zu. Gleichzeitig schwinden die Gletscher – immer stärker, immer schneller. „Die Klimaveränderung wird uns mit unseren Wegen und Hütten vor ganz neue Herausforderungen stellen“, glaubt Stierle.

Bevor er zu pessimistisch wird, schiebt er noch schnell hinterher: „Wir machen nicht alles perfekt, aber bestmöglich.“

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