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Wiesenweihe
27.08.2018

Bayerns seltenster Greifvogel fliegt wieder

Die Wiesenweihe ist Bayerns seltenster Greifvogel.
Foto: Thomas Grüner

Das Artenhilfsprogramm für die Wiesenweihe ist dank eines Hobby-Ornithologen erfolgreich. Warum Konrad Bauer im Ries sogar eine Drohne einsetzt.

Wenn Konrad Bauer die Heckklappe seines SUV öffnet, kommt Hightech zum Vorschein: Ein Bildschirm für eine Wärmebildkamera, einer für Realbilder und einer für den Computer. Darunter ist der Oktokopter verstaut. Der 56-Jährige holt die Drohne heraus und startet sie von einem Feldweg im Nördlinger Ries. Er dirigiert sie über ein Getreidefeld zum Nest der Wiesenweihe. Bauer will wissen, ob die Jungen wohlbehalten im Nest sind. Die Mutter kreist derweil in der Nähe auf Futtersuche.

In der 21. Saison kümmert sich Bauer, von Beruf Kraftfahrer einer Brauerei, nun um die Wiesenweihen im Ries. Jede freie Minute ist er draußen unterwegs. Mit beachtlichem Erfolg. Als er nach einem gesundheitlichen Tiefschlag mit seinem Hobby anfing, war der Bestand auf dem Nullpunkt. Vergangenes Jahr wurden 30 Brutpaare dokumentiert (im Vergleich: in Bayern gab es insgesamt maximal 223). In diesem Jahr brüteten wegen der Trockenheit und des damit verbundenen Futtermangels lediglich 19 oder 20 Paare. Es waren aber weit mehr Vögel da.

Menschliche Duftmarken können Füchse anlocken

Bevor Bauer die von ihm selbst konstruierte Drohne hatte, musste er zur Kontrolle zum Nest laufen, was große Gefahren für die Vögel birgt. Denn der Mensch hinterlässt mit seiner Fußspur Duftmarken, die Fuchs und Marder anlocken können. Ein zunehmendes Problem sind auch hier die sich dramatisch vermehrenden Wildschweine.

Mit den Jahren hat Bauer „seine Wiesenweihe“ immer genauer studiert. „Nur wenn man sie kennt, kann man sie lesen.“ So hat er sein modernes Artenschutz-Konzept perfektioniert. Mit seinem Kopter ist er in Bayern ein Vorreiter im Vogelschutz, sagt Margarete Siering von der Naturschutzabteilung der Regierung von Schwaben. Die Behörde unterstützt das ehrenamtliche und zeitaufwendige Engagement Bauers finanziell mit einem Artenhilfsprogramm. Seit vorigem Jahr ist auch die Biologin Claudia Pürckhauer mit von der Partie.

Das Ries ist prädestiniert für die Wiesenweihe, die seltenste Greifvogelart Bayerns: Sie braucht eine flache und möglichst offene Landschaft. Und es muss trocken und warm sein – ähnlich einer Steppe. Es gibt in Bayern nur zwei weitere geeigneten Gebiete: Das sind Main-Franken und der Gäuboden bei Straubing in Niederbayern.

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Konrad Bauer setzt eine Drohne ein, um in die Nester der Wiesenweihe zu blicken.
Foto: Margarete Siering

Wenn die Wiesenweihen im Frühjahr von Afrika (südlich der Sahara) im Ries eintreffen, ist Bauer täglich in Aktion. Die Männchen zeigen ihre faszinierenden Balzflüge, auch „Sky-Dancing“ genannt. Sie steigen bis zu zwei Kilometer gen Himmel, lassen sich dann fallen. Ziel des Spektakels: Sie wollen Weibchen anlocken. Dort, wo sich die Wiesenweihen zu Boden stürzen, ist später oft eine Brut zu finden. Doch nun muss „er“ mit Brautgeschenken um „sie“ werben, sagt Bauer. Das Weibchen wartet auf einem Maulwurfhügel oder einem Stein, bis er mit einer Maus kommt. Später beginnen die beiden mit der „Rohbau-Besichtigung“. Wo es der Dame gefällt, beginnt sie mit der Nestausstattung.

Vogelfreund nimmt Wiesenweihen-Urlaub

Im Mai nimmt der Hobby-Ornithologe zwei Wochen Wiesenweihen-Urlaub. Mit seinem Oktokopter schaut er, wo die Nester sind und was sich dort tut. Dann geht er zu den Landwirten, denen die Felder gehören. Anfangs wurde Bauer skeptisch beäugt. Das ist längst Vergangenheit. Die Landwirte sind stolz, wenn sie den Vogel auf ihren Flächen haben und tun alles, um die Brut zu schützen. Wenn Bauer ein Nest identifiziert hat, bespricht er sich mit den Landwirten. Zum Schutz der Brut wird eine Fläche von 50 auf 50 Meter mit Fahnen ausgesteckt und aus der Bewirtschaftung genommen. Dabei helfen ihm die GPS-Koordinaten seiner Drohne. Der Landwirt bekommt eine finanzielle Entschädigung für seinen Ertragsverlust aus Naturschutzmitteln.

Bauer hat in der kritischen Phase der Jungenaufzucht inzwischen zusätzliche Schutzmaßnahmen ergriffen: Er stellte je nach Fall Elektrozäune auf. Ein Stromschlag hält Füchse und Marder davon ab, die Jungen zu erbeuten. Vor oder nach der Arbeit kontrolliert Bauer die Zäune, nachts mit der Smartphone-Lampe.

Im Ries gibt es ein gutes Miteinander von Öko- und Biogasbetrieben. Die einen legen Kleefelder an, die anderen nehmen das Mähgut ab. Zudem wurden auf Bauers Initiative Grünstreifen angelegt. So hat die Wiesenweihe Flächen, wo sie in Nestnähe Mäuse jagen kann. Für Bauer sind Biogasanlagen kein Widerspruch beim Wiesenweihen-Schutz. Der Mix macht es, sagt er. Und das Vertrauensverhältnis, das über die Jahre gewachsen ist. Am Wochenende kommen schon mal Familien und schauen nach „ihrem Vogel“, der inzwischen ein Kultvogel im Ries ist, sagt Siering.

21 Jahre Wiesenweihen-Schutz sind eine lange Zeit, sagt Bauer. Ihm wird es dennoch nicht langweilig. Es ist sein Hobby. Das sieht man auch an seinem Autokennzeichen: WW 100 – Wiesenweihe, 100 Junge im Jahr. Das ist sein Ziel.

Nach den Erfahrungen mit dem erfolgreichen „Artenhilfsprogramm Wiesenweihe“ ist für die Ornithologen Siering und Anton Burnhauser, langjähriger Mitarbeiter der Regierung von Schwaben, klar: „Wir brauchen solche regional-spezifische Artenhilfsprogramme auch für andere hoch gefährdete Arten wie den Kiebitz und andere Wiesenbrüter. Nur dann ist auch hier ein Erfolg in Sicht.“

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