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Bayern

28.07.2019

Wieso Heimkinder nur ein Viertel ihres Gehalts behalten dürfen

Justin Trost ist 17 Jahre alt und macht eine Ausbildung in einem Autohaus. Dass ihm von seinem Lohn nur wenig bleibt, findet er ungerecht.
Bild: Marcus Merk

Wer im Heim lebt und eine Ausbildung macht, muss den Großteil seines Einkommens an den Staat abgeben. Was ein junger Mann darüber denkt, der damit leben muss.

Für einen Euro und zwanzig Cent bekommt man eine Tafel Schokolade. Man kann dafür in München eine knappe halbe Stunde parken. Oder sich eine Kugel Eis kaufen. Kurzum: Allzu große Sprünge sind nicht drin. Nun gibt es aber Menschen, die pro Stunde genau das verdienen. 1,20 Euro. Oder sogar noch weniger – manche bekommen gerade mal einen Euro. Es sind Menschen, die es in ihrem Leben eigentlich schon schwer genug haben.

Justin Trost steht neben einem weißen Smart. Eben hat er den Generator ausgebaut. In etwa einer Stunde soll der Wagen fertig sein. Justin ist 17 Jahre alt und macht im Autohaus Stadtbergen in der Nähe von Augsburg eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Und er muss – so unglaublich das auch klingt – einen gewaltigen Brocken seines Lohns abgeben: Am Ende bleiben ihm nur rund 200 Euro übrig. Umgerechnet ist das ein Stundenlohn von etwa 1,20 Euro. „Das ist einfach ungerecht“, sagt der junge Mann.

Der Grund, warum Justin den Großteil seines Lohns nicht behalten darf, ist der: Wer in Deutschland bei Pflegeeltern oder – wie Justin – in einem Heim lebt, muss von seinem verdienten Geld 75 Prozent ans Jugendamt zahlen. In manchen Fällen können die Ämter davon abweichen und weniger verlangen. So wie bei Justin, dem 65 Prozent abgezogen werden. Wenn man ihn auf die Regelung anspricht, schüttelt er ernüchtert den Kopf. „Was können wir denn dafür, dass wir im Heim leben? Wir haben uns das ja nicht ausgesucht.“ Eigentlich, findet er, müssten die Eltern für die Heimkosten aufkommen. Nicht die Kinder.

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100.000 Jugendliche leben in Deutschland in Heimen

Der Auszubildende, der seit vier Jahren in einem Heim in der Nähe von Augsburg lebt, ist längst nicht der Einzige, der sich über die Regelung ärgert. Schon seit längerem wird in Berlin darüber debattiert, den Prozentsatz zu senken. Eine Verminderung des Umfangs der sogenannten „Kostenheranziehung“ auf 50 Prozent war bereits Gegenstand eines Gesetzentwurfes. Der Bundestag hatte das Gesetz Ende Juni auch beschlossen – im Bundesrat ist der Änderungsversuch dann allerdings einfach liegen geblieben.

Ein großer Aufreger war das bislang nicht. Denn in der Öffentlichkeit hat das Thema bisher keinen allzu breiten Raum eingenommen – obwohl die Zahl der Betroffenen hoch ist. Denn in Deutschland wohnen rund 100.000 Kinder und Jugendliche in Heimen. Hinzu kommen noch etwa knapp 90.000, die in Pflegefamilien leben.

Einer, der sich um solche Jugendlichen kümmert, ist Norbert Haban. Er leitet das Josefsheim in Reitenbuch im Landkreis Augsburg und findet: „Die jungen Menschen leisten etwas in ihrer Ausbildung. Und dafür müssen sie auch genug Geld bekommen.“ Die derzeitige Regelung sei für die Motivation, arbeiten zu gehen, nicht gerade förderlich. Außerdem hätten viele Jugendlichen Probleme, etwas zur Seite zu legen, um nach ihrer Zeit im Heim ein selbstständiges Leben beginnen zu können.

Für Partys und Pizza bleibt Justin kaum Geld

Auch Justin würde gerne Geld sparen. Um sich, wenn er nächstes Jahr 18 wird, ein Auto leisten zu können. Aber allein den Führerschein zu bezahlen, sei nicht einfach. Dafür muss er pro Monat etwa 100 Euro einplanen. Dann bleibt nicht mehr viel übrig, von dem er dann seine Handy-Rechnung bezahlt und das, was man als Jugendlicher eben gerne macht: Mit Freunden ins Kino, auf Partys oder in die Pizzeria gehen. „Ich hoffe, dass die Regelung komplett wegfällt. Aber ich könnte auch damit leben, wenn mir 20 Prozent abgezogen würden“, sagt der 17-Jährige.

Den Landesheimrat Bayern, der sich für die Interessen junger Menschen aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe einsetzt, beschäftigt das Thema seit vielen Jahren. Auf der Internetseite des Gremiums ist eine eindeutige Forderung zu lesen: Die Kostenheranziehung solle den Anteil von 50 Prozent des Einkommens keinesfalls überschreiten. Die bisherige Regelung habe zur Folge, dass sich Menschen aus der Heimerziehung benachteiligt, ausgegrenzt und ungerecht behandelt fühlten.

Kritik: Die Jugendlichen werden benachteiligt

Auch Kerstin Celina, sozialpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, plädiert für eine Verringerung auf 50 Prozent. Die aktuelle Regelung würde die betroffenen Jugendlichen benachteiligen. „Das gerade den jungen Menschen zuzumuten, die oft sowieso sehr schlechte Startchancen haben und auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden oft zusätzlich massive persönliche und familiäre Probleme bewältigen müssen, ist einfach falsch.“ Ähnlich äußert sich Andreas Schalk, Mitglied im Arbeitskreis Arbeit und Soziales, Jugend und Familie der CSU-Fraktion im Landtag: „Wenn man den Jugendlichen 75 Prozent des Einkommens wieder als Kostenbeitrag abnimmt, ist das kontraproduktiv. Deshalb unterstützen wir die Bestrebungen in Berlin, die bestehenden Regeln zu verändern, damit den jungen Menschen mehr vom eigenverdienten Geld bleibt.“

Das wünscht sich auch Justin. Für ihn wird eine etwaige Änderung der Regelung aber wohl zu spät kommen. Der junge Mann beendet seine Lehre im Autohaus Anfang 2021. Und dann? Vielleicht eine eigene Wohnung, sagt Justin und blickt auf den weißen Smart, an dem er an diesem Vormittag herumgeschraubt hat. Für einen Stundenlohn von einem Euro und zwanzig Cent.

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16:24 Uhr

Da werden die Heimkinder zum zeiten mal bestraft ,zum ersten mal das sie in keiner Familie aufwachsen könen,und zum zweitenmal wird ihr Lohn gekürzt wegen der Heimkosten. Die meisten Kinder die in einer Familie aufwachsen und dann eine Lehre machen,müssen von ihrem Lehrlingslohn da Heim nichts abgeben. Viele Kinder bekommen sogar von ihren Eltern den Führerschein bezahlt und zum Teil die Kosten für ein neues Auto. Der Staat sollte sich schämen den Heimkinder den Lehrlingslohn zu kürzen. Ich habe meine Lehre in einem Lehrlingsheim gemacht ,das der Katholischen Jugendfürsorge gehörte,ich bekam fast keinen Lehrlingslohn. Das der Staat für die Heimkosten auf kommen muss ist nicht die Schuld der Heimkinder,sondern der Eltern die von ihren Kindern nicht wissen wollten, Ich hoffe der Staat tut einmal was für die Heimkinder, und lässt den Lehrlingslohn den Heimkinder. Heimkinder noch zu bestrafen weil sie keine Eltern haben ,grenzt an Menschenverletzung

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