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23.05.2018

Willkommen an Gleis 11

Von Bayern aus ging es für die Gastarbeiter in die ganze Republik, etwa ins VW-Werk nach Wolfsburg.
Bild: dpa

Für Millionen Gastarbeiter, die im Zeitalter des Wirtschaftswunders nach Deutschland kamen, war der Münchner Hauptbahnhof die erste Station. Sie alle prägten das Land

70 Stunden sind die Züge von Istanbul nach München unterwegs. 70 lange Stunden, in denen die Menschen in ein neues Leben fahren. Sie erwarten das Paradies – landen aber erst einmal in einem dunklen Bunker. Direkt unter Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs. Der Ort ist Drehscheibe. Verteilstation. Zwischenstopp. Für die vielen Gastarbeiter, die damals mit dem Zug in Bayern ankommen – aus Istanbul, aber auch aus Rom, Zagreb, Belgrad oder Brindisi. Dringend gebraucht im deutschen Wirtschaftswunderland.

Die Gastarbeiter-Geschichte beginnt im Jahr 1955, als Deutschland das erste Anwerbeabkommen mit Italien schließt. Es folgen Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Und die meisten Menschen kommen irgendwann am Münchner Hauptbahnhof an.

Von Bayern aus geht es weiter, oft nach Nordrhein-Westfalen, ins Land von Kohle und Stahl, oder nach Niedersachsen in die Autoindustrie. Käfer bauen. „Die meisten kamen aber nicht, um zu bleiben. Die Menschen wollten in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen“, sagt Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte in München. Mit diesem Geld unterstützen sie die Daheimgebliebenen, bevor sie selbst zurückfahren. Andere sparen das Geld, um sich später in der Heimat etwas aufzubauen.

Einige aber bleiben. Sie heiraten, gründen eine Familie, eröffnen eigene Geschäfte – oft in der Gastronomie. Italienische Restaurants werden zum Massenphänomen. Und Pizza und Pasta erobern die Speisekarten und die Herzen der Deutschen. Heute kann man sich ein Leben ohne den gemütlichen „Italiener um die Ecke“ kaum mehr vorstellen.

Bis 1973 kommen etwa 14 Millionen Ausländer in die Bundesrepublik. Etwa elf Millionen kehren in ihre Heimat zurück. Weil viel mehr Leute bleiben als ursprünglich gedacht, versucht man später, die Gastarbeiter mit finanziellen Anreizen dazu zu bewegen, Deutschland wieder den Rücken zu kehren. „Aber es sind nicht so viele gegangen wie von der Politik erhofft“, sagt Schlemmer.

Und so leben heute die Kinder und Enkel jener Menschen hier, die vor Jahrzehnten hier ankamen. In Bayern. Am Münchner Hauptbahnhof. An Gleis 11.

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