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Rauchverbot

04.01.2018

Zehn Jahre Rauchverbot: Wie Wirte und Gäste heute damit umgehen

Aschenbecher sind überflüssig geworden in bayerischen Kneipen. Dafür werden sie jetzt vor der Tür umso häufiger benötigt.
Bild: Peter Steffen, dpa (Symbolbild)

Raucher gegen Nichtraucher, Wirte gegen Mediziner – das Gesetz spaltete 2008 den Freistaat. Was von den Emotionen geblieben ist und welche Ausnahmen sich viele heute wünschen.

Der Wind weht ungemütlich durch die Kaufbeurer Altstadtgassen. Das Thermometer zeigt an diesem Abend Temperaturen knapp unter Null an. Wenig attraktives Wetter also für Nachtschwärmer, erst recht, wenn diese Raucher sind. Schließlich müssen sie jedes Mal, wenn sie zur Zigarette greifen wollen, raus aus der Wärme ihres Lieblingslokals.

Seit zehn Jahren ist das so. Seit das Rauchverbot in bayerischen Gaststätten, eines der schärfsten Deutschlands, in Kraft getreten ist. Glas abstellen, Jacke an, Tür auf, Tür zu, Glimmstengel an, ausdrücken – und wieder zurück ins Lokal. Eine Routine, an die sich Martina, 31, und ihre Freundin Sina, 30, gewöhnt haben. Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei und es zieht die beiden Raucherinnen hinaus, um ein wenig um die Häuser zu ziehen. Wie erleben sie solche Abende, gerade dann, wenn es so ungemütlich ist? Und wie gehen Wirte heute mit dem Rauchverbot um?

In Sinas Brust schlagen bei diesem Thema zwei Herzen. Zum einen freut sie sich als rauchender Gast nicht wirklich, bei dem Wetter in die Kälte raus zu müssen. „Aber ich arbeite seit über zehn Jahren selbst in der Gastronomie“, sagt die Frau, die gleichzeitig Sozialpädagogik in München studiert. „Früher war es schon unangenehm, wenn man nach der Arbeit heimkam und alles nach Qualm stank.“ Das sei heute besser.

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Die Allgäuerin findet das bayerische Rauchverbot trotzdem zu undifferenziert: „Ich bin der Meinung, man sollte es aufsplitten.“ In Speiselokalen müsse natürlich ein Rauchverbot herrschen. „Aber nicht in Bars, Bierzelten oder Diskotheken.“ Da könne man mit dem Thema doch lockerer umgehen.

Stimmt, sagt ihre Freundin Martina. Auch sie steht gerade auf eine Zigarette vor der „Lahrbar“. Das Lokal ist beliebt, vor allem freitag- und samstagabends versammeln sich vor der Tür immer wieder Rauchergruppen. Die Lahrbar gilt vielen sozusagen als Startlokal, um dann weiterzuziehen in die Clubs, in denen man tanzen kann. Martina gewinnt dem Rauchverbot auch einen vom Gesetzgeber natürlich nicht beabsichtigten sozialen Nebeneffekt ab: „Man trifft sich halt draußen bei einer Zigarette. Da kann man ungezwungen neue Leute kennenlernen. Hat etwas für sich.“

Raucher und alles in allem für das Rauchverbot: (von links) Martina aus Kaufbeuren, Roland aus der Nähe von Landsberg und Sina aus Kaufbeuren.
Bild: Markus Bär

Rauchverbot in Bayern: Als die Emotionen hochkochten

Wie entspannt dies doch klingt, im Vergleich zu der so aufgeheizten Stimmung vor zehn Jahren. Da jubilierten Nichtraucher und Mediziner, protestierten Raucher, liefen Wirte Sturm, als der Landtag den Beschluss fasste und dieser kurze Zeit später umgesetzt wurde. „Es war das emotionalste Thema, das ich in der Verbandsgeschichte erlebt habe“, erinnert sich Frank-Ulrich John, einer der Geschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga Bayern).

Medizinisch betrachtet hatten die Anhänger des Rauchverbots ja immer die besseren Argumente. Untersuchungen zeigen, dass gerade unter Angestellten in der Gastronomie Herz-Kreislauf- und Asthma-Erkrankungen nach einem Rauchverbot zurückgehen. „Es liegt nahe, dass die in zahlreichen internationalen Studien beobachteten Effekte auch in Bayern eintreten“, sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). „Rauchen bleibt das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko. Zwischen 20 und 40 Prozent aller Krebsarten werden durch Rauchen verursacht.“

Nicht nur, aber wohl auch wegen solcher staatlicher Eingriffe sinkt die Zahl der Raucher seit längerem. Nach einer Umfrage des Statistischen Bundesamtes hat sich 2013 der Anteil der Nichtraucher im Vergleich zur Erhebung 2009 um vier Prozentpunkte erhöht. Demnach sind 75 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren Nichtraucher. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg ist der Raucheranteil unter Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren von 28 Prozent im Jahr 2001 auf zehn Prozent 2014 gesunken. Dazu hätten „verschiedene Tabakkontrollmaßnahmen“ beigetragen.

Roland Fichtner, der aus der Nähe von Landsberg kommt, bezeichnet sich als Gelegenheits- und Genussraucher. Kann man eine Zigarette bei diesem Wetter draußen genießen? „Das macht mir nichts“, sagt er vor der Kaufbeurer Lahrbar. „Mir ist es lieber, dass nicht alles nach Rauch stinkt, wenn man heimkommt.“ Das Rauchverbot findet er gut, schon allein aus gesundheitlichen Gründen. Im Laufe der Jahre hätten sich ja alle Raucher an die Regelungen gewöhnt. „Das sieht man an vielen meiner Kollegen“, sagt der 51-Jährige, der bei der Firma Grob in Mindelheim arbeitet. „Früher war es doch selbstverständlich, dass man auch in den eigenen vier Wänden raucht. Das macht doch heute kaum noch jemand.“

Als die Zeit der vielen Ausnahmen begann

Wie Sina und Martina findet er allerdings, dass es in Gaststätten Ausnahmen geben sollte. „Ich meine, dass man das Rauchen in ganz kleinen Kneipen erlauben sollte.“ In solchen Kneipen, in die die Gäste gezielt auf ein Bierchen und eine Zigarette gehen, so wie das früher üblich war. Ausnahmen – das war das große Thema in den Jahren, nachdem das Gesetz in Kraft getreten war. Zunächst nutzten Wirte eine Lücke: Sie gründeten Vereine und erklärten den Kneipenbesuch zur geschlossenen Veranstaltung eines Raucherclubs. Einige zogen vor Gericht und pochten auf ihre Gewerbefreiheit. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Gesetz zwar für verfassungskonform. Doch die fürs Rauchverbot verantwortliche CSU bekam eine saftige Rechnung: Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 2008 fuhr sie Verluste ein.

Die Landtags-CSU beschloss daraufhin eine Lockerung des Rauchverbots und nahm Bier- und Festzelte für ein Jahr aus. Offizieller Grund: Sicherheitsprobleme beim Oktoberfest. Dort drohten Chaos und Tumulte an den Zelteingängen, wenn Raucher herausdrängten und Gäste hinein, hieß es.

Doch die Ausnahmeregelung beruhigte die Volksseele nicht. Bei der Landtagswahl – während der Wiesn – verlor die CSU die absolute Mehrheit. Der neue Ministerpräsident Horst Seehofer kündigte eine weitere Lockerung des Rauchverbots an. Kneipen durften nun, wie ursprünglich diskutiert, in abgetrennten Nebenräumen rauchen lassen, in reinen Schankkneipen mit geringer Größe wurde auch wieder gequalmt.

Nun starteten die Nichtraucher durch. Der damalige ÖDP-Politiker Sebastian Frankenberger initiierte ein Volksbegehren. Am 4. Juli 2010 entschieden sich die Bayern für ein striktes Rauchverbot ohne Ausnahmen. „Dieses Gesetz hat bundesweit Maßstäbe gesetzt“, lobt CSU-Ministerin Huml heute. Wirte nahmen Frankenberger das Ergebnis allerdings persönlich übel. Bis heute bekomme er Morddrohungen, sagte er kürzlich in einem Interview.

In Kaufbeuren stellt sich der Betreiber der Lahrbar, Stephan Lahr, selbst immer wieder vor die Tür zu seinen Gästen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Der 45-Jährige ist seit 1997 in der Gastronomie tätig, zunächst als Angestellter, seit vielen Jahren als Selbstständiger. Er hat früher das „Aha“ in Marktoberdorf betrieben, das vor allem von jungen Leuten frequentiert wurde. „Damals hat mir das Rauchverbot, als es eingeführt wurde, null geschadet“, sagt er. Vorher waren am Wochenende durch sein Lokal „an die hundert Schachteln durchgegangen. Es war alles zugenebelt, man hat nicht von einem Ende der Kneipe zum anderen gesehen.“

Als dann das Verbot kam, seien die Gäste ohne großes Murren vor die Tür gegangen. „Junge Leute stellen sich schnell um. Ein 50-Jähriger hingegen, der auf ein Bier und eine Zigarette ausgehen will, bleibt weg, weil er nicht mehr das haben kann, was er will. Doch solche Gäste hatte ich ja kaum“, sagt Lahr. In seiner Kaufbeurer Bar sieht er durch das Rauchverbot keine Umsatzprobleme. „Die Kultur hat sich einfach verändert. Immer weniger rauchen. Bald wird auch das Trinken out sein“, glaubt er. Das allerdings wäre eine Entwicklung, die für ihn als Barinhaber schwerwiegender wäre.

An diesem Abend wird Lahr beim Bedienen vom 20-jährigen Enis unterstützt. Auch er geht immer wieder vor die Tür, um zu rauchen. Als Service-Kraft ist er aber ein Fan des Rauchverbots. „Das ist einfach gesünder, wenn man nicht den ganzen Abend im Qualm herumläuft.“ Auch wenn er weiß, dass es bei manchen Kneipen Probleme mit Nachbarn gibt, wenn die Gäste draußen stehen und sich laut unterhalten.

Als viele Kneipen schließen mussten

Bei weitem nicht alle Wirte haben das Rauchverbot vor zehn Jahren so locker genommen. Manch kleine Kneipe, die nur Schankbetrieb hatte, erzählt Geschäftsführer John, musste dichtmachen. Nach Angaben des Verbandes ist die Zahl der Kneipen zwischen 2008 und 2014 deutschlandweit um mehr als 7000 auf rund 32.000 gesunken. Das Rauchverbot, das es heute ja mehr oder weniger strikt in allen Bundesländern gibt, sei dafür nur ein Grund von vielen, sagte Dehoga-Sprecher Christopher Lück vor einiger Zeit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Romana Hinterberger, die seit wenigen Monaten das Lokal „Zum Wolpertinger“ in Friesenried bei Kaufbeuren betreibt, hat vor zehn Jahren noch eine klassische Münchner Kneipe auf der Schwanthalerhöhe betrieben – mit viel Bierausschank und Nikotinkonsum. „Ich wusste, bei einer solchen Gaststätte wird das Rauchverbot Folgen haben“, erzählt sie. Vier Wochen vor der Einführung gab sie das Lokal auf. „Es haben danach mehrere Leute versucht, die Kneipe weiter zu betreiben. Alle sind gescheitert“, sagt sie. Für Speiselokale sei das Rauchverbot das Richtige, aber nicht für getränkelastige Gaststätten. Da müssten andere Regelungen gefunden werden.

Die spanische beispielsweise sei ein gutes Vorbild: „Bis 90 Quadratmeter Fläche ist jedem Wirt dort selbst überlassen, ob er das Rauchen gestattet. Ab 90 Quadratmeter muss dann ein Nichtraucherbereich da sein.“ Bei uns hätten sich die Menschen ja ohnehin an das Rauchverbot gewöhnt. „Einer sitzt immer mit einer nicht angezündeten Zigarre beim Kartenspiel. Daneben steht dann ein leerer Aschenbecher“, sagt Romana Hinterberger schmunzelnd.

Auch ein Weg, mit dem Rauchverbot umzugehen. (mit dpa)

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