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Bayern

03.12.2019

Zehn Mal weniger Schmetterlinge als vor 40 Jahren

In Bayern gibt es immer weniger Schmetterlinge. Auch andere Insektenarten haben es schwer.
Bild: Felix Kästle, dpa

Plus Vor einem Jahr wurde das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ zugelassen. Wie dramatisch das Insektensterben in Bayern ist und welches Gift im Honig steckt.

Der vergangene Winter war besonders. Nicht nur deshalb, weil er besonders warm und nass war, sondern auch, weil so viel über Insekten gesprochen wurde wie das üblicherweise nur an einem heißen Sommertag der Fall ist, wenn es überall summt und brummt und sich die Wespen über den Kirschkuchen am Kaffeetisch hermachen. Im November 2018 wurde das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ vom bayerischen Innenministerium zugelassen. Und das sollte, wie wir ein Jahr später wissen, Geschichte schreiben: Es wurde das erfolgreichste bayerische Volksbegehren aller Zeiten.

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Seit jenem Winter also wird so viel über das Thema Artensterben gesprochen wie wohl nie zuvor. Einer, der sich intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt hat, ist Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung in München. An diesem Donnerstag wird er bei einem internationalen Fachsymposium in München, bei dem Experten aus ganz Europa über das Artensterben diskutieren, einen Vortrag halten. Er weiß, wie die Situation im Freistaat aussieht: gar nicht gut.

Segerer ist Schmetterlingsforscher. Und die Tiere, sagt er, seien Bioindikatoren für die gesamte Insektenwelt. Gewissermaßen eine Art Fieberthermometer für den Zustand der Natur. Und dieses Thermometer zeigt besorgniserregende Werte an: „Wir haben drei bis zehnmal weniger Schmetterlinge als vor 40 Jahren.“ Das heißt: Wo man früher zehn Zitronenfalter gesehen hat, da sieht man heute nur noch einen.

Das Artensterben in Bayern beschleunigt sich

Von 3300 bayerischen Schmetterlingsarten sind elf Prozent ausgestorben oder verschollen. Hinzu kommt: Das Sterben beschleunigt sich. „In den letzten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts sind mehr Schmetterlinge in Bayern verschwunden als in den 200 Jahren zuvor“, sagt Segerer. Und zu den elf Prozent, die weg sind, kommen 30 Prozent dazu, die mit dramatischen Rückgängen zu kämpfen haben. Diese Zahlen, sagt Segerer, seien bei anderen bayerischen Insektenarten ähnlich.

Eine Wollbiene liegt während der Kundgebung vom Volksbegehren "Rettet die Bienen" neben einem Prospekt des Volksbegehrens auf einem Tisch.
Bild: Lino Mirgeler, dpa

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele: eine intensivere Landnutzung, Flächenfraß, Überdüngung und Pestizideinsatz. Es existierten in Bayern zwar noch artenreiche Lebensräume – „wenn man sich die aber auf einer Karte anschaut, braucht man eine Lupe“, sagt Segerer. Es handle sich um einzelne grüne Inseln, die durch Beton- und Agrarwüsten von einander getrennt seien. „Das Problem dabei ist, dass es keinen Austausch mehr gibt, die genetische Vielfalt geht verloren.“ Die Insekten seien dadurch weniger widerstandsfähig.

Auch der Autoverkehr, Windräder oder die Lichtverschmutzung spielten eine Rolle. Dabei würden aber nur einzelne Tiere getötet, normalerweise könne das die Natur verkraften – nicht aber, wenn sie schon geschwächt ist. „Man muss die vielen Faktoren unterschiedlich gewichten. Ein Windrad ist für die Insekten nicht so schlimm wie die Überdüngung oder der Pestizideinsatz.“ Was also tun? Segerer hat da eine klare Meinung: „Wir brauchen eine Agrarwende.“

Hunderttausende Insektenarten sind vom Aussterben bedroht

Auch Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Artenschwund. Was in Bayern geschieht, geschehe auf der ganzen Erde, sagt er. Bis zu einer Million Arten sind weltweit in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wenn nicht gegengesteuert wird – mehr als jemals zuvor. „Quer durch unsere Ökosysteme werden die Arten weniger“, sagt Settele. In Industriestaaten genauso wie in Dritte-Welt-Ländern. Und längst sind nicht nur Insekten bedroht. Noch schlimmer stehe es um Amphibien und Reptilien, weil deren Lebensräume immer mehr schrumpfen und Krankheiten und der Klimawandel hinzukommen, erklärt der Experte.

Diesen Sinkflug gibt es Settele zufolge schon lange – er wurde aber nicht wahrgenommen, man habe das Problem verschlafen. Nun habe sich zwar die Wahrnehmung geändert – bis aber etwas geschieht, könne es dauern. „Und dann könnte es zu spät sein“, befürchtet Settele. Dass es überhaupt ein Umdenken gab, liege vor allem an der Krefelder Studie. Die 2017 publizierte Untersuchung zeigt: In Teilen Deutschlands – vor allem im Nordwesten – sind etwa 75 Prozent der Insekten-Biomasse verschwunden. Auch ein Blick auf die Rote Liste macht deutlich, wie dramatisch die Situation ist: 42 Prozent der fast 8000 bewerteten Insektenarten in Deutschland sind bestandsgefährdet.

Pestizide sind ein großes Problem für Insekten

Dass es immer weniger Arten gibt, hänge von vielen – oft winzigen – Faktoren ab. Etwa: Vom Kuhfladen. Settele erklärt das so: Früher wurden Kühe öfter draußen auf der Weide gehalten, heute stehen sie meist in Ställen. Das hat zur Folge, dass es in der Landschaft weniger Kuhfladen gibt – die dienten aber den Insekten, die den Kot zersetzt haben, als Lebensraum.

Auch Settele sagt, dass die intensivere Landnutzung und der Einsatz von Pestiziden die Hauptprobleme seien. Die Gifte finden sich übrigens auch in unseren Lebensmitteln. Wissenschaftler haben bei der Untersuchung von Honig aus der ganzen Welt festgestellt: 75 Prozent der Proben enthielten Neonicotinoide. Die Mittel scheinen für den Menschen nicht akut gefährlich zu sein – für die meisten Insekten allerdings schon.

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