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Besondere Weihnachten

23.12.2020

Zeitzeugen erinnern sich an Weihnachten 1945 - und sprechen über 2020

Eine Puppe als Weihnachtsgeschenk – das war nach dem Krieg etwas ganz Besonderes. Diese Aufnahme zeigt Waisenkinder 1945 in Berlin.
Bild: Keystone/Getty Images

Plus Vor 75 Jahren lag das Land in Trümmern. Zu essen gab es wenig. Heute gibt es wegen Corona Ausgangssperren. Was Zeitzeugen zu den beiden Festen sagen.

Es ist wohl unstrittig, dass das Weihnachtsfest 2020 für viele zu den seltsamsten gehört, die sie je erlebt haben. Die Maßnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus in den Griff zu kriegen, sind streng. Das große christliche Fest, für viele ist es heutzutage freilich in erster Linie das wichtigste Familienfest des Jahres, findet nur unter erheblichen Einschränkungen statt. Durch die abendliche Ausgangssperre ab 21 Uhr liegt nachts eine eigentümliche Atmosphäre über dem Land.

Eigentümlich und besonders war sicher auch das erste Weihnachtsfest nach Kriegsende, das sich 2020 zum 75. Mal jährt. Und glücklicherweise gibt es immer noch Zeitzeugen, die das Fest damals erlebt haben – und es heute erleben.

Wir haben mit vier Menschen aus der Region gesprochen, die sich zurückerinnern. Und ihre Erinnerungen mit den Ereignissen von heute ins Verhältnis setzen. Ihre Bewertungen fallen dabei ganz unterschiedlich aus.

Hanni Nägele im Seniuorenzentrum Durach - 90 Jahre alt - sie erzählt von Weihnachten 1945.
Bild: Ralf Lienert

Beginnen wir mit Johanna Nägele aus Kempten. Sie kann sich noch gut an das Weihnachtsfest 1945 erinnern. „Es war irgendwie ein schöneres Weihnachten als das, was jetzt kommt“, sagt die 90-Jährige. „Wir hatten zwar fast nichts zu essen, aber wir wurden nicht durch so eine Krankheit mit dem Tod bedroht.“ Es habe großen Zusammenhalt gegeben. „Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen, die Bauern verschenkten an Weihnachten Kartoffeln, die Bäcker Teile ihrer Backware.“

Die Weihnachts-Schokolade wird zwei Jahre lang nicht gegessen

Sie hat – damals unüblich – sogar etwas geschenkt bekommen: einen Regenschirm, den sich die 15-Jährige mit ihrer Schwester teilen durfte. „Wir sind dann in die Christmette in die Kirche nach Kottern gegangen und waren enttäuscht, dass es weder geschneit noch geregnet hat.“

Zudem hätten beide je eine Tafel Schokolade bekommen. „Die haben wir aber nicht gegessen, sondern für unseren Onkel aufgehoben, der damals in Gefangenschaft war.“ Dieser Onkel kam erst zwei Jahre später. „Solange haben wir die Tafeln aufgehoben.

Als er kam, hat er sich riesig gefreut. Ich glaube aber nicht, dass die Schokolade noch gut war“, erinnert sie sich schmunzelnd. Für das jetzige Weihnachten hat sie keine Wünsche – außer, dass das Virus endlich verschwinden möge und das alle ihre Lieben gesund bleiben mögen.

„Bettelarm“ war 1945 auch Hildegard Doser, die 1929 in Augsburg zur Welt kam. „Aber das hat uns nicht gestört, es waren ja alle arm. Darum haben wir 1945 natürlich trotzdem Weihnachten gefeiert.“ Sie weiß gar nicht mehr, ob sie damals etwas geschenkt bekommen habe. Aber man sei froh gewesen, dass der Krieg endlich vorbei war. Schließlich ist die Fuggerstadt mehrere Male heftig bombardiert worden. „Die Angst davor war vorüber.“ Darum findet sie heute im Rückblick das Weihnachten vor 75 Jahren schöner.

2020: "Die paar Jahre, die ich noch habe, möchte ich gut verbringen."

Vor Corona hat sie keine Angst. „Ich glaube, dass alles wieder gut wird. Ich bin eh nicht so der ängstliche Typ.“ Eher ist Hildegard Doser sauer auf Corona. Denn die Seniorin, die rund 40 Jahre als Verkäuferin in der Herrenartikelabteilung im Textilhaus Rübsamen gearbeitet hat, hatte eine große Leidenschaft. Sie verbrachte 60 Jahre lang jede freie Minute im Augsburger Theater – als Garderobenfrau, Platzanweiserin, als Frau für alle Fälle.

Ihr Lieblingsstück war übrigens die „Rocky Horror Picture Show“. Doch Corona machte ihr dieses Jahr einen Strich durch die Rechnung, das Theater sperrte seine Pforten zu – und Hildegard Doser musste ihren Job quittieren. Wie lange Corona noch alles beeinträchtigt, weiß sie natürlich nicht. Auch nicht, wie lange das Theater noch geschlossen sein wird. Sie weiß nur eines: „Die paar Jahre, die ich noch habe, möchte ich gut verbringen – das lasse ich mir nicht vermiesen.“

Eugen Thomma aus Oberstdorf weiß noch, dass er das Weihnachtsfest 1945 auf einem Bauernhof bei Kempten verbracht hat, wo er sich als Jugendlicher verdingte. „Die Stimmung war gedrückt damals, weil zwei Söhne von dem Hof im Krieg vermisst waren“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Wie sich später herausstellte, war wenige Wochen vorher auch der Vater von Eugen Thomma gestorben. Da war der Krieg schon vorüber.

Er wurde als Kriegsgefangener der Franzosen beim Minensuchen eingesetzt – und dabei tödlich verletzt. „Wenn ich dann heute höre, dass Leute wegen Corona auf die Straße gehen, dann finde ich das unfassbar und rücksichtslos“, sagt Eugen Thomma. „Die Leute wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht.“ Die Einschränkungen durch das Virus seien nichts im Vergleich zu dem, was die Menschen vor 75 Jahren mitmachen mussten.

Heimfahrt auf dem Puffer zwischen zwei Waggons

Das Weihnachten ein Jahr darauf ist ihm auch noch in guter Erinnerung. Die ist es wert, kurz erzählt zu werden. Da war Eugen Thomma bei einem Großbauern in der Nähe von Eichstätt beschäftigt. Und er weiß noch, wie er in einem unbeheizten Güterwaggon von Eichstätt über München nach Buchloe fuhr.

Dort musste er umsteigen. „Und dann saß ich von Buchloe bis Immenstadt – mit Kartoffelsäcken unter dem Hintern – auf den Puffern zwischen den Waggons.“ Weil kein Platz in den Waggons vorhanden war. „Schon in Kempten habe ich meinen Po nicht mehr gespürt.“ Dies alles zeige aber doch, in welchem Verhältnis man die Corona-Maßnahmen heute zu sehen habe, sagt er.

 

Ähnlich sieht das Liselotte Strobel. Sie wohnte Weihnachten 1945 als 13-Jährige in Kaufbeuren, wo sie in die Volksschule ging. Sie kann sich noch an den großen Hunger erinnern, der damals herrschte. „Wir hatten zwei Ziegen, die wir vor den Amerikanern in der Waschküche versteckt hatten. Wir hatten Befürchtungen, dass man sie uns wegnimmt.“

Vor den US-Kräften habe sie zunächst Angst gehabt. „Man wusste ja nicht, wie die sind.“ Später fand sie heraus, dass die amerikanischen Soldaten in Kaufbeuren aber sehr freundlich gewesen seien – und Kaugummi und Süßigkeiten verteilten. „Alles in allem haben wir es heute aber viel leichter, uns geht es doch gut“, sagt die 88-Jährige, die heute in Westendorf in der Nähe von Kaufbeuren wohnt.

Herbe Kritik hatte sich Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, vor einiger Zeit für seinen folgenden Satz eingefangen: „Es wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben.“ Nun, so mancher, der Zeitzeugen von 1945 zuhört, wird der Kritik an diesem Satz folgen können.

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