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Interview

21.07.2019

Zugausfälle in der Region: So sollen die Probleme gelöst werden

Unter der Marke „Bahnland Bayern“ wirbt die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) für den Schienenverkehr im Freistaat. Doch seit Wochen macht der Mangel an Lokführern Bahnbetreibern Probleme.
Bild: Ralf Lienert

Plus Warum die Geschäftsführerin der Aufsichtsbehörde für den Regionalverkehr zwar über härtere Strafen für Zugausfälle nachdenkt – sie aber für ein "Dilemma" hält.

Schwaben, Oberbayern, Oberpfalz – überall fallen in diesen Tagen Züge aus. Was ist los im Bahnland Bayern, wie die Bayerischen Eisenbahngesellschaft, deren Geschäftsführerin Sie sind, den Freistaat ja gerne nennt?

Bärbel Fuchs: Wir bekommen in Bayern gerade das zu spüren, was andere Regionen in Deutschland schon früher gespürt haben: Es mangelt an Fachkräften, in unserem Fall speziell an Lokführern. Und das führt über kurz oder lang zwangsläufig zu den aktuell auftretenden Schwierigkeiten im Schienenverkehr. Bisher ist es den Eisenbahnverkehrsunternehmen im Freistaat noch ganz gut gelungen, die Engpässe zu überbrücken, aber jetzt ist offensichtlich eine Grenze erreicht.

Sie sagen es ja selbst: Ganz überraschend kam der Lokführermangel nicht. Haben die betroffenen Bahnbetreiber am Personal gespart? Gerade die privaten Unternehmen...

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Fuchs: Nein, das glaube ich nicht, zumal auch die DB Regio als staatliches Unternehmen ja schon betroffen war, beispielsweise die Südostbayernbahn. Die Anbieter planen mit ausreichenden Personalstärken – wenn aber zur Urlaubszeit im Sommer außerplanmäßige Ausfälle durch Krankheiten oder Schwangerschaften hinzukommen, so wie jetzt zum Beispiel bei der Bayerischen Regiobahn, dann ist das auf Dauer schwer zu kompensieren.

Das klingt sehr verständnisvoll für die Chefin einer Aufsichtsbehörde, die dafür sorgen sollte, dass der Zugverkehr rollt. Machen Sie den betroffenen Betreibern denn gar keinen Vorwurf?

Fuchs: Der Lokführermangel ist ein bundesweites Phänomen und lässt sich daher nicht nur auf einzelne Unternehmen reduzieren. Nichtsdestotrotz ahnden wir natürlich Vorfälle wie ausgefallene Züge oder abgespeckte Fahrpläne und fordern Ersatzverkehre durch andere Bahnunternehmen oder Busse und eine rechtzeitige Kundeninformation.

Der Landtag hat vergangene Woche beschlossen, dass die Staatsregierung – und damit die BEG – bei Zugausfällen noch härter durchgreifen soll. Sind Sie zu milde?

Fuchs: Bereits heute erhält ein Eisenbahnunternehmen kein Geld von uns, wenn seine Züge ausfallen. Da bei dem Unternehmen dennoch Kosten anfallen, ist für die Unternehmen ein wirtschaftlicher Anreiz gegeben, Züge zu fahren. Dennoch diskutieren wir bei der BEG, durch welche weiteren Vertragsstrafen wir die Unternehmen bewegen können, mehr in ein verlässliches Zugfahren zu investieren anstatt auf Schienenersatzverkehr mit Bus zu setzen. Ehrlich gesagt befinden wir uns da aber in einem Dilemma.

Das wäre?

Fuchs: Auf der einen Seite zwingen wir die Eisenbahngesellschaften dazu, ihre Züge um jeden Preis fahren zu lassen, auch wenn es personell eng ist. Auf der anderen Seite führt das aber dazu, dass die personellen Engpässe immer kritischer werden. Möglicherweise müssen auch wir da künftig etwas umdenken und den Unternehmen lieber manchmal zugestehen, dass sie in Notfällen ein paar Tage länger Busse einsetzen können, wenn sie dafür zuverlässige Fahrzeiten garantieren können.

Was unternehmen Sie als BEG sonst noch? Schließlich werden am Ende des Tages auch Sie für Probleme verantwortlich gemacht.

Fuchs: Für uns gibt es verschiedene Stellschrauben. Ein Beispiel: Gerade im vergangenen Jahr haben sich viele Eisenbahnunternehmen gegenseitig einen enormen Wettstreit um Lokführer geliefert, der aus unserer Sicht nicht zielführend war. Daraufhin haben wir alle Betreiber an einen Tisch geholt und deutlich gemacht, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. Seither hat sich die Lage etwas entspannt.

Neue Lokführer kamen dadurch aber auch nicht dazu...

Fuchs: Das stimmt, deswegen überlegen wir auch, ob wir in Zukunft bei Streckenausschreibungen auch darauf Wert legen, dass die Eisenbahnunternehmen selbst Nachwuchs ausbilden. Da ist in den vergangenen Jahren möglicherweise zu wenig getan worden. Konkret werden wir in den kommenden Wettbewerbsverfahren bereits höhere Personalquoten vorschreiben und beispielsweise Bereitschaftslokführer fordern. Dies wirkt den heute auftretenden Engpässen entgegen.

Was läuft bei der Ausbildung bisher schief?

Fuchs: Die meisten Eisenbahnunternehmen setzen aktuell auf ältere Quereinsteiger, die innerhalb weniger Monate ausgebildet werden. Wir müssen aber auch wieder mehr an die jungen Leute ran, sie für die Eisenbahn begeistern, die Freude am Beruf des Lokführers wecken und so auch loyale Mitarbeiter gewinnen. Gleichzeitig müssen wir auf die Politik einwirken, die Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel beschließen und beispielsweise Zuwanderern die Integration in den Arbeitsmarkt erleichtern muss.

Jetzt haben wir lange über die Eisenbahnunternehmen und deren Probleme gesprochen. Dabei ist der eigentlich Leidtragende doch der Fahrgast, der sich auf die Bahn nicht mehr verlassen kann.

Fuchs: Das ist richtig – und genau daran müssen wir arbeiten. Wir dürfen uns nicht hinter Problemen verstecken, die wir akut nicht lösen können – und den Fahrgast mit seinen Problemen alleine lassen. Deshalb müssen wir vor allem auch an der Kommunikation arbeiten. Es darf nicht sein, dass ein Kunde verlassen am Bahngleis steht, nur weil es ein Betreiber nicht geschafft hat, ihn zu informieren, dass der Zug nicht fährt.

Zur Person: Bärbel Fuchs ist Geschäftsführerin der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Regionalverkehr organisiert.

Lesen Sie zum Thema auch: Zugausfälle bei der Regiobahn: Auch Ersatz-Busse sorgen für Frust

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Die Diskussion ist geschlossen.

22.07.2019

Neben den strukturellen - politisch über Jahre gewollten - Problemen ist das aktuelle Desaster die Folge des marktliberalen Privatisierungswahns.
Die Monstranz "der Markt wird es richten" zerlegt sich selbst; die Pendler und weitere haben den Schaden und die Verantwortlichen verstecken sich hinter ihren Phrasen.

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22.07.2019

"Der Lokführermangel ist ein bundesweites Phänomen" und "was andere Regionen in Deutschland schon früher gespürt haben"!
Und warum lernt man nicht daraus?!? Auch andere Betriebe müssen sich auf solche Situationen einstellen und Vorsorge treffen. Immer wieder dasselbe: Überfüllte Züge, Mangel an Zuggarnituren, Personalmangel, unzureichende Sicherheitsanlagen am Bahnkörper (z.B. Aichach), usw. und das schon seit Jahren! Entweder hat man schon vor etlichen Jahren versäumt, Fachkräfte auszubilden und einzustellen und dann auch richtig zu bezahlen. Diese Sparpolitik und Vergabe an den günstigsten Anbieter ist Nonsens, wenn dieser die erforderlichen Leistungen nicht erbringen kann.

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