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Antisemitismus

20.10.2019

Zwei Juden aus der Region erzählen: Wir leben auf gepackten Koffern

Rabbi Shneur Trebnik am Eingang der Ulmer Synagoge. Kann die schwere Milchglastür ein Massaker verhindern?
Bild: Alexander Kaya

Plus Nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle haben viele Juden Angst. Nur wenige trauen sich, öffentlich zu sprechen. Doch zwei Männer reden hier ganz offen.

Klingeln ist nicht nötig. Klopfen an die schwere Milchglastür auch nicht. Der Sicherheitsmann hat den Besucher auf der Überwachungskamera schon gesehen und kommt von selbst nach draußen. „Ausweis, bitte!“ Erst dann bohrt sich sein Schlüssel ins Schloss, dreht sich zweimal, klick, klick, die Tür öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine Schleuse. Dort guckt ein zweiter Wachmann etwas mürrisch. Der Rucksack soll hierbleiben, in der Ecke steht ein Regal dafür. Danach wieder: Schlüssel, Schloss, klick, klick, drin.

Diese quaderförmige Festung mit ihren strikten Sicherheitsmaßnahmen ist kein Oberlandesgericht, kein Flughafen, auch keine Botschaft. Sondern ein jüdisches Gotteshaus in Ulm, nicht lange nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle. In der Stadt in Sachsen-Anhalt hatte der 27-jährige Stephan B. am 9. Oktober – am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag – mit einer Schrotflinte aus dem 3D-Drucker versucht, die gesicherte Holztür der Synagoge im Paulusviertel aufzuschießen. Er scheiterte, erschoss eine Frau und einen Mann. In der Synagoge waren etwa 50 Menschen.

Für Juden in Deutschland gibt es seitdem ein vor und ein nach „Halle“. „Es herrscht Angst, natürlich. Halle hat Ängste ausgelöst: Angst vor Drohungen. Angst, sich zu äußern“, sagt Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums in Augsburg. Sie erzählt von den 23 eingeritzten Hakenkreuzen in Museum und Synagoge, die allein zwischen Juli und September entdeckt wurden. „Sind wir noch sicher?“, habe sie ein paar Tage vor Halle der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde gefragt. „Ich weiß es nicht“, habe sie ihm geantwortet.

Barbara Staudinger war zu Gast in unserem Podcast. Hier können Sie das Gespräch anhören:

„Sind wir noch sicher?“, fragte der Präsident der jüdischen Gemeinde in Augsburg

Sind wir sicher? Es ist die Frage, die Jüdinnen und Juden jetzt intensiv beschäftigt. Und diese: Ist es an der Zeit, die Koffer zu packen? Einer Umfrage aus dem Jahr 2018 zufolge ziehen 41 Prozent der in zwölf EU-Staaten befragten 16- bis 34-jährigen Juden eine Auswanderung in Erwägung.

Wenige von ihnen sprechen darüber öffentlich. Einer ist, nach einer Bedenkzeit, der Augsburger Werbeagentur-Chef Daniel Melcer. Angst habe bei vielen jüdischen Bürgern eine traurige Tradition und stecke tief in ihrer Psyche, meint er. „Deswegen ist es auch in diesen Tagen immer ein Abwägen zwischen Stimme erheben oder durch Stille unauffällig bleiben.“ Melcer hat sich entschieden. Er spricht mit fester Stimme.

Polizei sichert den Eingang der Ulmer Synagoge ab.
Bild: Alexander Kaya

Wie der Ulmer Rabbi Shneur Trebnik, 43, Vater von acht Kindern, Bart, Kippa, darüber Hut. Er empfängt im hell beleuchteten Foyer der Synagoge mit ihren markanten Davidstern-Fenstern. Vor dem Gebäude wacht eine Polizeistreife. Stellt man sich den Beamten als Reporter vor, fragt einer von ihnen misstrauisch: „Wie heißt denn der Rabbi?“ Die Überwachung sei nach Halle verstärkt worden, sagt er noch. Die Scheinwerfer des Polizeiautos strahlen direkt auf den Eingang der Synagoge, als wolle man damit demonstrieren: „Seht her! Wir passen auf euch auf!“

Drinnen toben Kinder um Rabbi Shneur Trebnik herum. Er wurde im Jahr 2000 aus Israel geholt, um hier eine jüdische Gemeinde aufzubauen. Nach dem Ende der Sowjetunion Anfang der 90er waren wieder vermehrt Juden in Deutschland, auch in Ulm, sesshaft geworden. Inzwischen zählt seine Gemeinde 500 Mitglieder. An den Wänden hängen Bilder von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck und Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei der Eröffnung der Synagoge 2012. Bilder aus einer anderen Zeit. Vor Halle.

Die Davidstern-Fassade ist charakteristisch für die Ulmer Synagoge.
Bild: Alexander Kaya

Shneur Trebnik kennt viele Geschichten über antisemitische Vorfälle

Trebnik sagt: „Manche Mitglieder sind besorgt. Sie kommen ins Überlegen: Wir haben einen sicheren Ort gesucht. Gibt es einen sicheren Ort? Und wenn ja, wo?“

Die Ulmer Innenstadt gilt nicht als unsicher. An einem Bartresen, unweit des Münsters, quatschen an jenem Abend junge Leute über Reisen durch Norwegen. In einem Fachwerk-Gasthaus schwärmt ein untersetzter Anzugträger, per Du mit Kellnerin Manu, von selbst gemachtem Quittengelee. Doch auch in dieser Stadt gärt der Antisemitismus. Zwei Tage nach Halle ging Rabbi Trebnik mit seinem achtjährigen Sohn über eine Fußgängerampel. Zwei Männer kamen ihnen entgegen. Auf seiner Höhe fluchten sie hörbar, aber unverständlich. Dann spuckten sie auf den Boden. Eine ältere Frau, die die Szene beobachtete, äußerte sofort ihr Bedauern. So erzählt es Trebnik. Er kennt viele solcher Geschichten.

Spätsommer 2017: In zwei Nächten beschädigte ein Mann die Steinfassade der Synagoge. Erst mit einem Poller, später mit seinen Füßen. Anfang 2018: Die Mitschülerin eines Gemeindemitglieds wurde auf deren Glauben aufmerksam. Seitdem ist „Jude“ ein Schimpfwort in der Klasse der Mädchen. März 2018: Trebnik schlenderte mittags durch die Altstadt. Ein Mann kläffte ihn an: „Wieso läuft ein Rabbiner auf deutschen Straßen herum?“

Wenn Shneur Trebnik etwas Gewichtiges sagt, springt seine Stimme in eine höhere Tonlage. Wie jetzt. „Der Antisemitismus ist deutlicher und mehr geworden. Ich halte meine Augen auf und spitze die Ohren mehr als früher.“ Und: „Ich fühle mich hier zu Hause. Aber es ist nicht meine Heimat.“

Am 12. Oktober hat Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag veröffentlicht, der von Jüdinnen und Juden sehr aufmerksam gelesen wurde. Brenner, Sohn zweier Holocaust-Überlebender, schrieb: „Die sprichwörtlichen Koffer, schon lange ausgepackt und ausgeleert, stehen bei vielen Juden in Deutschland noch auf dem Dachboden. Wir sollten sie herunterholen. Es ist an der Zeit zu überlegen, was wir einpacken. Noch können wir sie stehen lassen, aber sie sollten bereit sein, denn der Tag, an dem wir sie brauchen, mag nicht mehr weit sein.“

Daniel Melcer: Mit „Nie wieder“-Rufen können Juden nicht geschützt werden 

Auch Daniel Melcer kennt diese Zeilen. Von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Augsburg, mit denen er bislang gesprochen habe, packe keiner seine Koffer. Es folgt ein Aber, das er mit dem Satz einleitet: „Wir leben in einer globalen Welt. Zwei meiner vier Geschwister und deren Familien leben in Tel Aviv. Eine Entscheidung gegen Deutschland.“

Melcer wägt seine Worte genau. Er weiß, wie Worte wirken. Seine Agentur hat sich auf kommunale Unternehmen und „Politische Kommunikation“ spezialisiert, organisierte Wahlkämpfe. „Meine Entscheidung ist es, hier zu leben, hier zu arbeiten.“

Als Augsburger Jude führe er ein normales Leben, erzählt Melcer. Er wolle nicht glauben, dass „unsere Gesellschaft und unsere Politik zu schwach sind, um den bedenklichen Entwicklungen im Antisemitismus entgegenzuwirken. Wenn ich anfange, daran zu zweifeln, trennen sich eben unsere Wege. Wir werden das dann beide überleben. Ich vielleicht sogar buchstäblich.“

Melcer wurde 1969 in Augsburg geboren und ist wie der Historiker Brenner Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Sein Vater Hermann war sechs Jahre im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er „Möbel Melcer“ mit 52 Filialen in Deutschland auf. Das Unternehmen gab es bis Mitte der 80er Jahre.

In der Ulmer Synagoge gibt es eine Sitzecke, neben die jemand einen Rollkoffer gestellt hat. Juden feiern gerade Sukkot, das Laubhüttenfest, das sich dem Jom Kippur anschließt. Es endet am Dienstag. Sukkot ist ein Dankfest für das Einbringen der Ernte und erinnert zugleich an die Wanderung der Israeliten durch die Wüste nach ihrem Auszug aus Ägypten. Während jener Zeit lebten sie in Hütten.

„Leider sind wir Juden es gewohnt, auf gepackten Koffern zu leben“, sagt Rabbi Trebnik. Noch sei kein Gemeindemitglied wegen der Entwicklungen in Deutschland ausgereist. Er sagt: „Ich bin hier, so lange die Leute hier sind.“ Sein Aber: „Momentan halte ich alles für realistisch.“ Er klingt wie Melcer.

Ulmer Rabbiner: „Momentan halte ich alles für realistisch“

Das Schlimmste für Trebnik ist, wenn Juden ihren Glauben und ihre Identität verheimlichen. Wenn sie ihre Kippa nicht mehr öffentlich tragen. Wenn sie nicht mehr zum Abendgebet kommen. Wie am Tag des Terrors. Bis in den frühen Nachmittag hinein hatte er mit hundert Gläubigen den Gottesdienst gefeiert. Er ging nach Hause, ein wenig ausruhen, das Handy schon den ganzen Tag ausgeschaltet, schließlich war Jom Kippur. Als er gegen 17 Uhr wieder an der Synagoge ankam, erwartete ihn die Polizei und berichtete von dem, was in Halle passiert war.

In der Augsburger Synagoge hatten sich am 9. Oktober rund 200 Mitglieder versammelt. Der Eingang zu dem Gebäudekomplex ist ein Gittertor. Ein Rechtsextremist wie Stephan B. hätte einfach hindurchschießen können. Es gebe keinen eigenen bewaffneten Sicherheitsdienst, die Polizei sei nicht dauerhaft präsent, erklärte der Präsident der jüdischen Gemeinde in Augsburg am Tag danach.

Nur ein Gittertor trennt Straße und Synagoge in Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Was also muss getan werden, um die Sicherheit der Synagoge zu verbessern? „Es ist traurig, dass Sie mich das fragen müssen“, antwortet Daniel Melcer. „Wenn wir ehrlich sind, gibt es dafür keine ausreichenden Konzepte.“ Polizeiautos vor Synagogen? „Eine eher symbolische Geste.“ In jeder jüdischen Gemeinde müsse ein Krisenmanagement existent sein, die Polizei müsse innerhalb kürzester Zeit reagieren können, die Justiz müsse härter durchgreifen. Mit Lichterketten oder „Nie wieder“-Rufen könnten die Juden in Deutschland nicht geschützt werden. „Die Linken hassen uns, weil sie denken, Israel verteidigt sich unverhältnismäßig gegen die Palästinenser. Die Rechten hassen uns aus Tradition. Die Mitte hasst uns, weil sie den Holocaust geerbt hat. Unter Muslimen haben wir auch nicht viele Freunde“, sagt Melcer. Es gelte zu handeln, nicht, sich in einem Meer der Diskussionen zu verlieren.

Kann die Tür zur Synagoge ein Massaker verhindern?

An die Rollläden eines Büros, in dem Rabbi Shneur Trebnik nun nach einer Führung durch die Ulmer Synagoge angekommen ist, prasseln die Regentropfen. „In dem Moment, in dem sich Menschen bereits für antisemitische Gedanken schämen, werden Juden sich als ganz normale Bürger fühlen“, sagt er mit etwas höherer Stimme zum Abschied.

Es ist spät geworden. Die Milchglastür fällt ins Schloss. Die Scheinwerfer des Polizeiautos sind nach wie vor direkt auf den Eingang der Synagoge gerichtet. Der Besucher verlässt sie mit Fragen: Hätte ihre Milchglastür, hätte das Gittertor der Augsburger Synagoge ein Massaker verhindert – wie, auf wundersame Weise, die Holztür der Synagoge in Halle? Dort soll die zerschossene Tür als Mahnmal erhalten werden.

Lesen Sie dazu auch: Mehrheit der Deutschen sieht wachsenden Antisemitismus

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