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Bavaria One

07.09.2020

Zwei Start-ups aus Bayern arbeiten am Raumfahrt-Plan des Freistaats mit

Eine Spectrum-Trägerrakete von dem Unternehmen Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München: Nächstes Jahr soll sie das erste Mal starten.
Bild: Isar Aerospace (Grafik)

Plus Die Regierung will aus Bayern ein europäisches Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik machen. Welches Potenzial das Projekt hat, zeigen zwei Start-ups aus der Region.

Und dann hängt da oben unterm Hallendach auch noch eine Piratenflagge. Totenschädel mit rotem Kopftuch, gekreuzte Knochen, so was. Davor reihen sich zwar zwei Dutzend anderer Fahnen von Ländern, die es tatsächlich gibt, aber der Freibeuter-Fetzen, der bleibt im Gedächtnis hängen.

Vielleicht war es deshalb doch keine gute Idee, die ganze Sache hier nicht – wie mal angedacht – „Space Pirates“, sondern „Isar Aerospace“ zu nennen. Andererseits muss man sagen, dass das gerade auch ziemlich egal ist.

Denn die einprägsamen Schlagzeilen für das Münchner Startup sind längst da. Was unten in der Halle, unterm bunten Fahnenmeer, passiert, soll dem Freistaat, Deutschland, Europa, Schub geben. Nicht gleich in die weiten des Alls, aber doch von „Ottobrunn in den Orbit“, wie es der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gleich mehrfach sagen wird. An diesem Montag beginnt Isar Aerospace seine Raketenproduktion in einem Gewerbegebiet von Ottobrunn. Es soll der Beginn von etwas Großem sein.

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Isar-Aerospace-Gründer Metzler will "den Zugang zum Weltall kommerzialisieren"

27 Meter hoch sind die Dinger, zwei Meter im Durchschnitt, passen auf einen Laster. Schon 2021 soll die erste „Spectrum“ starten. Was man nicht gleich glauben mag. Denn der Weg zur Halle ist, vorsichtig gesagt, nicht gerade himmelfahrend.

Auf der Anfahrt stehen links und rechts Lastwagen dicht an dicht. „Kronofrio Logistics“, „gümus group international transport“. Irgendwann sieht man dann auf dem übernächsten Frachter immerhin ein buntes Logo mit „fruit wars“, dazu ein Laserschwert. Weit kann es nicht mehr sein.

Noch eine Kurve, und dann folgt, zunächst, noch eine Enttäuschung. Denn die Raketenfabrik ist nicht gerade ein abgespactes Hightech-Gebäude, sondern eine ehemalige Halle von irgendwas. Sehr solide, aber eben nicht raketenmäßig.

Dass hier allerdings sehr viel Zukunft sein könnte, erschließt sich ziemlich bald. Wenn man den Geschäftsführer und Gründer von Isar Aerospace, Daniel Metzler, sprechen hört. Der 28-jährige Raumfahrtingenieur hat wenig von einem knorrigen Weltall-Kapitän. Hemd über der Hose, graue Sneakers, verbindliche Ansprache. Er wirkt wie ein junger Mann mit viel Verantwortung, der sehr genau weiß, wohin er will. Er und seine Mitgründer Josef Fleischmann und Markus Brandl. Vor drei Jahren hatten sie kein Geld, „aber eine große Idee“. Und sie hatten Professoren an der TU München, die sie „stets für ambitioniert, aber nie für größenwahnsinnig“ hielten. Es geht ihnen darum, „den Zugang zum Weltall zu kommerzialisieren“.

Microlauncher made in Ottobrunn

Was das heißen soll? Isar Aerospace entwickelt derzeit sogenannte Trägerraketen, um kleine und mittlere Satelliten in den Weltraum zu transportieren. Diese sind in der ersten Generation für eine Last von 1200 Kilogramm ausgelegt und können Satelliten auf eine Höhe von 400 bis 1200 Kilometer bringen. Es geht um sogenannte „Microlauncher“. Das Gegenteil von Science Fiction, vielmehr ein wachsender, hart umkämpfter Markt. Für Leute mit Freibeuter-Ambitionen.

Isar Aerospace will sich in einem der „vielversprechendsten Sektoren der Raumfahrtindustrie“ bewegen. Dieser wachse bis 2040 voraussichtlich auf eine Billion Euro pro Jahr. Und der Markt für Raketenstarts soll bis 2027 auf über 30 Milliarden Euro steigen, heißt es weiter. Fast zehn Milliarden Euro davon entfielen auf den Einsatz kleiner und mittlerer Satelliten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie bestätigt unserer Redaktion auf Anfrage: „Dank Miniaturisierung werden Satelliten immer kleiner. Dies verändert den Bedarf an Trägerraketen. Zukünftige Systeme werden kleiner und flexibler sein. Die Marktchancen von Microlaunchern sind deshalb generell sehr gut.“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in der Produktion des bayerischen Start-ups Isar Aerospace.
Bild: Isar Aerospace, dpa

Es wird künftig noch viel mehr Satelliten geben, die am Himmel um die Erde kreisen. Sie werden gebraucht für vernetzte Autos, das autonome Fahren, für weltweites Highspeed-Internet, für neue Möglichkeiten der Datenverschlüsselung, Industrie 4.0, für die Landwirtschaft der Zukunft, das sogenannte Smart Farming, für die Vorhersage von Waldbränden etwa oder die Überwachung von Schienennetzen und des Luftverkehrs. Der Möglichkeiten sind viele. Allerdings braucht es jemanden, der all diese dafür notwendigen Satelliten in die Umlaufbahn feuert. Hier sehen Metzler und Co ihre Chance. Ihr sehr langfristiges Produktionsziel: 20 Raketen pro Jahr.

15 Millionen Euro: Isar Aerospace konnte schon Geld sammeln

Josef Fleischmann, Mitgründer und COO von Isar Aerospace, erklärt das so: „Bisher waren Raketenstarts in Europa einfach nicht wirtschaftlich. Indem wir ein einfaches Design mit innovativen Materialien und einem effizienten Antrieb kombinieren, reduzieren wir die Kosten pro Kilogramm erheblich, die wir für unsere Kunden in den Erdorbit transportieren.“ Dieser Durchbruch mache den Einsatz von Satelliten zum ersten Mal für kommerzielle sowie für nicht-kommerzielle Kunden durch viele technologische Anwendungsmöglichkeiten interessant. Und vor allem: wirtschaftlich rentabel.

Es gibt jedenfalls genügend, die an das inzwischen 100-köpfige, international besetzte Unternehmen glauben und bereit sind, für diesen Glauben auch zu zahlen. Dazu gehört zum Beispiel Bulent Altan. Der Chef des Gilchinger Raumfahrt-Unternehmens Mynaric und ehemalige Vizepräsident des US-Weltraum-Unternehmens von Elon Musk hat auch investiert. 15 Millionen Euro hat Isar Aerospace in einer ersten Finanzierungsrunde eingesammelt. Eine zweite soll laut Metzler bis Ende des Jahres folgen.

Ob Ministerpräsident Söder wohl privat bei Isar Aerospace investieren würde? Die Frage stellt sich nicht. Was ist Commander M. verlacht worden, als er vor der letzten Landtagswahl das inzwischen in der mit zwei Milliarden Euro ausgestatteten bayerischen Hightech-Agenda aufgegangene Projekt „Bavaria One“ vorstellte. Dazu gehört, dass die Staatsregierung innerhalb von zehn Jahren 700 Millionen Euro in den Raumfahrtstandort Bayern zu investieren gedenkt. Zudem will man in Bayern mit der neuen Fakultät an der Technischen Universität München das europäische Zentrum für Luft- und Raumfahrt werden.

Zu der Agenda gehört noch einiges mehr. Natürlich denkt man an „Söderchens Mondfahrt“, als in der Halle das Animationsvideo vom Start einer „Spectrum“-Rakete gestreamt wird. Obwohl die unbemannt ist, könnte er doch gut darauf eine Runde drehen. Die Landtagsopposition, der Söder seinen Freischuss ins All verdankt, kann ihm vieles vorwerfen. Dass er keine klare Vorstellungen von Industrieförderung hat, allerdings nicht.

Konkurrenz aus Schwaben: Rocket Factory Augsburg arbeitet auch an Trägerraketen

Söder weiß und sagt, dass es auch in Bayern noch viele irdische Probleme, etwa mit Funkmasten, gibt. Aber er sieht, dass ein globales Rennen um den Weltraum begonnen hat, in dem Bayern eine führende Rolle einnehmen könnte. Allerdings gelte dabei: „Mitreden kann nur, wer eigene Kompetenz hat.“

Die nicht nur in Ottobrunn aufgebaut wird. Direkte Konkurrenz bekommt Isar Aerospace nämlich aus Schwaben. Dort arbeitet das Start-up Rocket Factory Augsburg (RFA) mit Sitz im dortigen Technologiezentrum ebenfalls an solchen Trägerraketen. 70 Mitarbeiter aus 20 Ländern tüfteln an einem neuen System, das Satelliten ins All schießen soll. Vorstand Stefan Brieschenk erklärt, warum diese Technologie von Nutzen sein wird: „Mit diesen Mega-Konstellationen, die aus ganz vielen kleinen Satelliten bestehen, ist man in der Lage, jeden Quadratmeter auf der Erde wissenschaftlich auszuwerten.“

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Bild: Robert Simmon/NASA

Die Erfolgsaussichten der RFA schätzt Brieschenk als gut ein. „Der Markt für diese Satellitensysteme und damit auch für die Raketen, die diese Satelliten ins All schießen werden, ist ein gigantischer Milliardenmarkt.“ Deutschland habe die letzten zwei großen Trends verschlafen: das Chip-Zeitalter und das Internet-Zeitalter mit Google und Amazon. Das habe man alles den Amerikanern überlassen. „Der nächste Trend wird die kommerzielle Eroberung des Weltraums sein“, ist Brieschenk überzeugt, warnt aber gleichzeitig: „Die Amerikaner sind da wieder extrem auf dem Vormarsch.“ Man dürfe ihnen aber geopolitisch und wirtschaftlich nicht wieder alles überlassen.

Das Start-up, ist auch er überzeugt, habe das Wissen, die kostengünstigsten und hochwertigsten Raketen in Europa zu bauen. Die Mitarbeiter könnten dabei auf einen riesigen Erfahrungsschatz der beiden Investoren – der Augsburger MT Aerospace und der Bremer OHB-Gruppe – zurückgreifen.

Die RFA gibt es seit zwei Jahren. „Wir waren anfangs auch öfters an der TU München, um dort dieses Projekt vorzustellen und um Studenten zu zeigen, an welcher Art von Rakete wir arbeiten. Aus diesem Projekt hat sich die Isar Aerospace heraus gegründet. Wir sind Konkurrenten, aber ich finde, Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Triebwerk aus Augsburg: "Ein absolutes Wunder modernster Technik"

Aus Brieschenks Sicht sei die RFA personell besser aufgestellt, weil man mehr Erfahrung mitbringe, wie er sagt. Viele Mitarbeiter der RFA hätten schon einmal an einer Rakete mitentwickelt. Nur die Zeit werde zeigen, wie sehr dieses Argument Gewicht habe.

„Auch wir planen, an die Öffentlichkeit zu gehen“, erklärt er weiter, „aber momentan setzen wir noch nicht auf eine große Inszenierung. Das wäre Quatsch. Denn wir wollen erst mal jeden Euro und jede Minute in unsere Triebwerkstests investieren – diese werden zeigen, was wir können.“

Technisch sei man schon so weit, dass man in den nächsten Monaten einen Prototypen des neuartigen Raketenmotors testen werde. Dieses Triebwerk sei mit 200 Kilogramm Gesamtgewicht, einer Gesamtleistung von 500.000 PS, zehn Tonnen Schub und einem bis dato in Europa noch nicht gezeigten Wirkungsgrad ein „absolutes Wunder modernster Technik“, behauptet Brieschenk. Tatsächlich wundere er sich täglich, dass es die Physik erlaube, eine solche Art Maschine überhaupt zu bauen. 2021 beziehungsweise 2022 will die RFA ihren Erstflug machen. Dafür brauche man aber noch zwei Dinge, sagt Brieschenk.

Auch die Rocket Factory Augsburg (RAF) arbeitet an einem eigenen Trägerraketen-Konzept. Ihr Prototyp soll schon in den nächsten Monaten getestet werden.
Bild: Rocket Factory Augsburg

Erstens: Die Finanzierung des Projekts müsse noch komplett gesichert werden. Man sei immer noch auf der Suche nach Unterstützung. „Zweitens: Wir brauchen auch den Rückhalt der Politik. Wir brauchen ein Weltraumgesetz und einen europäischen oder sogar einen deutschen Startplatz.“

50-seitiges Konzept für eine mobile Startplattform in der Nordsee

Der ist gerade mehr denn je im Gespräch. Der BDI hat ihn erneut gefordert, wie Hauptgeschäftsführer Joachim Lang unserer Redaktion erklärt: „Ein deutscher Startplatz für kleine Trägerraketen ist technisch machbar, strategisch und wirtschaftlich sinnvoll.“ Der BDI habe der Bundesregierung daher ein 50-seitiges Konzept für eine mobile Startplattform in der Nordsee in Form eines privatwirtschaftlichen Betreibermodells mit staatlicher Unterstützung vorgelegt. Das Konzept könnte innerhalb von zwei Jahren realisiert werden. Das Bundeswirtschaftsministerium will dieses Papier nun „genau prüfen“, heißt es auf Anfrage.

Isar Aerospace wäre eine wohlwollende Prüfung sicherlich recht. Deren Raketen sollen in Europa in die Luft gehen. Wo, ist allerdings noch unklar. Kunden gebe es schon, sagt Metzler. Hinter ihm, in der noch ziemlich leeren Halle, steht ein großer Treibstofftank, Motorenteile, 3-D-Drucker, der ganze Zukunfts-Schnickschnack, den es noch brauchen wird, um die erste noch nicht existente Rakete an den Start zu bringen.

Das Rennen läuft. Das bescheidene Ziel: Elon Musk schlagen. Metzler scheint klar zum Gefecht. Er sagt: „Wir werden definitiv gewinnen.“ Die Flagge ist schon gehisst.

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