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Augsburger AfD-Landtagsabgeordneter Andreas Jurca wegen Körperverletzung von Frauen verurteilt

Augsburg

Die Skandal-Akte Andreas Jurca – Recherchen enthüllen: Augsburger AfD-Politiker schlug zwei Frauen

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    Der Augsburger AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Jurca steht immer wieder im Fokus von Kontroversen. 2023 war er in eine Schlägerei involviert, seit 2025 wird gegen ihn wegen Betrugsverdacht ermittelt.
    Der Augsburger AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Jurca steht immer wieder im Fokus von Kontroversen. 2023 war er in eine Schlägerei involviert, seit 2025 wird gegen ihn wegen Betrugsverdacht ermittelt. Foto: Klaus Rainer Krieger (Archivbild), privat, Annette Zoepf (Archivbild)

    Die rechte Faust geballt, gestikuliert Andreas Jurca herum. „I don’t want peace“, sagt er in dem Video-Podcast und lacht. „I want war. Always.“ Nicht Frieden wolle er, sondern Krieg, andauernd. Es ist eine Anspielung auf einen kursierenden Internet-Clip – aber auch ein Selbstbild, das Jurcas politische Biografie prägt. Kein aktiver schwäbischer Politiker reiht Kontroversen aneinander, wie der Augsburger AfD-Landtagsabgeordnete. Er verdreht die Wahrheit, ist im Dauer-Streit mit der Justiz, sieht sich mit einem Strafverfahren wegen Betrugsverdachts konfrontiert, diskreditierte ein Vergewaltigungsopfer. Recherchen unserer Redaktion lassen nun weitere Zweifel an Jurcas Verhältnis zur Wahrheit aufkommen. Und sie zeigen auch: 2018 wurde der AfD-Politiker wegen einer Gewalttat an zwei Frauen verurteilt.

    Jurca, 38 Jahre alt, macht nur selten mit politischen Positionen von sich reden. Doch innerhalb der bayerischen AfD hat er über die vergangenen Jahre hinweg massiv an Einfluss gewonnen. Neben seinem Landtagsmandat hat er innerhalb der Parteistruktur Funktionen auf allen relevanten Ebenen inne – in der Augsburger AfD, aber auch im schwäbischen Bezirks- und bayerischen Landesvorstand. Mitglied ist er schon seit 2014, er kennt die Partei und ihre internen Mechanismen also gut wie nur wenige. Und dieses Wissen nutzt er. Selbst seine Gegner unterstellen ihm Qualitäten als Strippenzieher, der weiß, wie man an Mehrheiten kommt. Bei Bedarf skrupellos.

    Andreas Jurca war 2023 in Augsburg in eine Prügelei verwickelt

    Augsburg, am 12. August 2023, etwa 5 Uhr morgens. Nach einem Grillfest mit anderen AfDlern ist Jurca an jenem frühen Samstagmorgen auf dem Heimweg, als er und ein Begleiter in eine Schlägerei geraten. Jurca, damals als AfD-Kandidat für die Landtagswahl im Oktober 2023 nominiert, schildert die Ereignisse kurz darauf so: Ohne vorherige Provokation sei er aus einer Gruppe heraus angesprochen und gefragt worden, ob er der Mann auf den Wahlplakaten sei. Er habe bejaht. Als ihm dann ein Mann die rechte Hand gereicht habe, habe ihn von der Seite unvermittelt ein Schlag im Gesicht getroffen. Er habe das Bewusstsein verloren, meine aber, auch die Äußerung „Scheiß Nazi“ gehört zu haben. Er gehe deshalb von einem politischen Hintergrund aus.

    Doch daran bestehen erhebliche Zweifel. Nach Bekanntwerden des Vorfalls nahm die Polizei Ermittlungen auf, die umfangreicher ausfielen als bislang bekannt. Nach Informationen unserer Redaktion befragten die Ermittler nicht nur Jurca, seinen Begleiter und weitere Akteure aus dem AfD-Umfeld, sondern werteten auch zahlreiche Chats aus. Zudem stießen sie offenbar auch auf ein Video aus der Tatnacht. Die Aufnahmen sollen ein Gespräch zwischen Jurca und seinem Begleiter dokumentieren – unmittelbar nach der körperlichen Auseinandersetzung. Dabei soll der Begleiter zu Jurca sagen, dieser habe „Stress angefangen“ und ihn anschließend allein gelassen. Dies würde einem möglichen politischen Hintergrund widersprechen. 

    AfD-Politiker wurde 2018 wegen Körperverletzung verurteilt

    Auch in AfD-internen Chats schlug der Vorfall nach Bekanntwerden Wellen. Unter anderem soll dort schnell die Forderung nach einem „medialen Ausschlachten“ aufgekommen sein. Und so kam es dann auch: Jurca ging eigeninitiativ an die Öffentlichkeit, mit zugeschwollenen Augen, Schrammen und blauen Flecken am ganzen Körper und der Botschaft, der Angriff sei politisch motiviert gewesen. Die Bilder verfehlten ihre Wirkung nicht, Jurca erfuhr viel Solidarität und wurde in den Landtag gewählt.

    Dem Vernehmen nach hatten die Ermittler der Polizei massive Zweifel an Jurcas Darstellung. Letztlich konnte aber keines der im Raum stehenden Szenarien belegt werden; die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

    In einem anderen, öffentlich bislang unbekannten Fall, in dessen Mittelpunkt ebenfalls Jurca steht, ist die Frage nach der Täterschaft eindeutig geklärt. Er wirft ein neues Licht auf das Frauenbild des Politikers. Es geht um ein Delikt im Jahr 2018. Jurca war damals Referent des Augsburger Ex-AfD-Landtagsabgeordneten Markus Bayerbach, mit dem er sich später heftig zerstritt. Nach gesicherten Informationen unserer Redaktion wurde Jurca in jenem Jahr 2018 wegen Körperverletzung verurteilt. In einer Disco hatte er zwei Frauen mit flacher Hand ins Gesicht geschlagen.

    Zwei Frauen in Augsburg geschlagen? AfD-Mann Jurca bestreitet Verurteilung

    Jurca erhielt dafür einen Strafbefehl, also eine Strafe, die ein Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft ohne Verhandlung verhängen kann. Letztlich legte das Gericht die Strafe auf 60 Tagessätze zu je 15 Euro fest, also insgesamt 900 Euro. Jurca zahlte diese Strafe, das Urteil wurde so Anfang 2019 rechtskräftig. Als vorbestraft gilt er damit aber nicht.

    Ungeachtet der Faktenlage bestreitet Jurca auf Anfrage unserer Redaktion, verurteilt worden zu sein. Er habe sich „nie etwas zuschulden kommen lassen“ und sei nie straffällig geworden. Die Vorwürfe seien „absoluter Quatsch“. Dass sie jetzt aufkämen, sei der Versuch, ihn zu diffamieren. Er habe ein sauberes Führungszeugnis. Wobei dort Geldstrafen bis zu 90 Tagessätzen in der Regel nicht hinterlegt sind.

    Das Frauenbild, das Jurca nach außen trägt, erregte zuletzt auch bundesweit Aufsehen. Anfang April hatten Recherchen unserer Redaktion aufgedeckt, dass der Abgeordnete seit Jahren einen Mitarbeiter beschäftigt, der wegen zweifacher Vergewaltigung vorbestraft ist. Der Mann hatte seine frühere Partnerin laut Urteil unter anderem einmal missbraucht, als sie geschlafen hatte. Involviert ist dieser Mann auch in die AfD-Nachwuchsarbeit. Jurca – der Sexualdelikte und Übergriffe auf Frauen oft und gerne zum Thema macht, wenn es um Geflüchtete als mögliche Täter geht – hatte den Mann im Wissen um dessen Vorgeschichte eingestellt.

    Mitarbeiter des Landtagsabgeordneten wurde wegen Vergewaltigung verurteilt

    Nach Bekanntwerden des Beschäftigungsverhältnisses holte Jurca zum Gegenschlag aus. Er verbreitete einen Video-Podcast: jene Aufzeichnung, in der er sich auch über seine vorgebliche Konfliktlust mokierte. Angelegt war das Video wie ein Talkshowformat. Ein Gesprächspartner: der Mitarbeiter, der wegen Vergewaltigung verurteilt worden war.

    In dem Video sprachen die beiden AfD-Männer nicht nur ausgiebig über die persönliche und familiäre Vorgeschichte des Opfers. Sie versuchten auch, die Frau als unglaubwürdig darzustellen. Zwar hatte der Mitarbeiter in einem Prozess 2023 ein Geständnis abgelegt. Dies sei aber, so die Schilderung im Podcast, nur passiert, weil er aus der Untersuchungshaft habe herauskommen wollen, da sein Vater zu jener Zeit todkrank gewesen sei.

    Kurz darauf erreichte der Fall auch den Landtag. Die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel konfrontierte Jurca direkt: Ob denn eine Vergewaltigung für ihn eine Beziehungstat sei – oder nicht doch eine Straftat? Jurca wurde dann ziemlich laut, polterte von einem „Riesen-Justizirrtum“. Jeder würde in der damaligen Situation seines Mitarbeiters einen „Deal“ eingehen, behauptete Jurca. Gerade, weil es sich bei einer Vergewaltigung um so eine schreckliche Tat handele, müsse man „ganz genau die Vorwürfe betrachten“.

    Chats werfen neues Licht auf den Vergewaltigungsvorwurf

    Wenn man aber genau dies tut – den Fall ganz genau betrachtet –, ergibt sich ein anderes Bild als jenes, das der AfD-Abgeordnete zeichnet. Auf bloßen Behauptungen des Opfers basierten Anklage und Urteil damals nämlich nicht. Die Ermittler hatten nach Informationen unserer Redaktion auch Chat-Nachrichten gesichert, die der Mann dem Opfer direkt nach der Tat geschrieben hatte. Er schrieb der Frau unter anderem, er habe danach „gemerkt, dass du noch geschlafen hast und ich miese Scheiße gebaut hab“. Er bitte um Entschuldigung. Seine Lust sei „übergreiflich“ geworden; er habe „keine Kontrolle“ über sich gehabt. Er wolle über seine Fehler nachdenken.

    Es sind schon Menschen verurteilt worden, bei denen die Beweislage erheblich unklarer war. Das Vergewaltigungsopfer hat wegen der Aussagen im Video-Podcast zuletzt Anzeige wegen Verleumdung gegen Jurca und seinen Mitarbeiter erstattet. Anwältin Isabel Kratzer-Ceylan, die das Opfer vertritt, sprach nach Veröffentlichung des Videos von einer „widerlichen Täter-Opfer-Umkehr“.

    Und dies ist nur der aktuellste Fall in der Akte Jurca.

    Ein bitterkalter Morgen Anfang November 2025. In Berlin, München und Augsburg schwärmen Polizeibeamte aus, durchsuchen Privatwohnungen und AfD-Büros, nehmen elektronische Geräte und Kartons voller Akten mit. Anlass der großangelegten Aktion sind Vorwürfe, die sich nicht nur, aber auch gegen Jurca und den AfD-Bundestagsabgeordneten Raimond Scheirich richten. Die beiden Volksvertreter aus Augsburg stehen im Mittelpunkt von Ermittlungen wegen Untreue- und Betrugsverdachts.

    Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue- und Betrugsverdacht

    Ihren Ursprung hatten die Vorwürfe in den eigenen Reihen. Im Kern ging es um Vorgänge in den Jahren 2022 und 2023. Jurca war damals Chef der AfD-Fraktion im Augsburger Stadtrat, Scheirich sein Stellvertreter. Ein Parteikollege warf insbesondere Jurca vor, Fraktionsgelder zweckentfremdet zu haben, unter anderem für einen Ausflug nach Garmisch-Partenkirchen inklusive Spielbankbesuch, aber auch für fragwürdige Schulungen. Jurca bestritt die Vorwürfe. Er witterte eine „Verleumdungskampagne“ und strengte ein Ausschlussverfahren gegen seinen Parteikollegen an. Die Ermittlungen dauern bis heute an.

    Derzeit richtet sich Jurcas Energie vor allem gegen eine Behörde, die zu einer Art Lieblingsfeindin für ihn geworden ist: die Staatsanwaltschaft Augsburg. Auf sie gehen mehrere Razzien in Jurcas Umfeld zurück. Der AfD-Politiker sieht sich schikaniert, er beklagt einen vermeintlichen Feldzug der Anklagebehörde. Und er schlägt auf seine Art zurück. Mithilfe von parlamentarischen Anfragen überzieht er die Staatsanwaltschaft mit teils sehr detaillierten Fragen, auf die die Behörde immer wieder antworten muss. Den Vorwurf, er missbrauche sein parlamentarisches Fragerecht aus persönlichen Motiven, um die Staatsanwaltschaft zu nerven, weist er zurück.

    Und politisch? Steht er im Wesentlichen für das, womit er in und mit der AfD gerade am meisten zu gewinnen glaubt. In einer Partei, die der Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch einstuft, ist das vor allem: Asyl und Migration. Auch in diesen Themen bringt er immer wieder Aussagen in den Umlauf, deren Inhalt mindestens irreführend oder unbelegt ist. In einem Video zur Kommunalwahl Anfang März, bei der er in Augsburg als OB-Kandidat antrat, sagte er etwa, es gebe „immer mehr Berichte über Messerstechereien und Vergewaltigungen in unserer Stadt. Und immer mehr Flüchtlingsunterkünfte in deinem Wohngebiet, während viele Bürger kaum noch wissen, wo sie selbst bleiben sollen“.

    Als OB-Kandidat verbreitete er irreführende Behauptungen zu Asylunterkünften

    Allein: Weder gab es damals gehäuft Berichte über Vergewaltigungen in Augsburg, noch nahm die Zahl der Flüchtlingsunterkünfte zu. Richtig war das Gegenteil. Weil weniger Geflüchtete ankommen, schließt die Stadt Unterkünfte. Wer Jurca im Wahlkampf auf diese faktisch falschen Behauptungen ansprach, bekam als Antwort: „Wortklauberei“. Er spiele eher auf ein „Gefühl“ an und habe vielleicht „ein bisschen ungeschickt formuliert“, ein Wahlkampfvideo sei aber „keine wissenschaftliche Arbeit“.

    Geschadet hat Jurca, der als Vierjähriger aus Rumänien nach Deutschland kam, sein Verhältnis zur Wahrheit innerparteilich bislang nicht. Wie etabliert er in der bayerischen AfD ist, zeigt auch folgender Umstand: Als unsere Redaktion Anfang April schriftlich fragte, wie die Landtagsfraktion und der Landesvorsitzende zu der Beschäftigung eines Vergewaltigers stehe, antwortete nicht etwa Katrin Ebner-Steiner, die Fraktionsvorsitzende, oder der Landeschef Stephan Protschka, sondern zuallererst: Andreas Jurca.

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