Man könnte meinen, die drei Jungs aus der Klasse 6b eines Münchner Gymnasiums wären enttäuscht über ihr Los, müssen sie sich von allen Tieren hier im Zoo doch ausgerechnet mit den - auf den ersten Blick - etwas schnöden Hühnern beschäftigen. Aber sie beugen sich ebenso begeistert über das Gehege mit den Appenzeller Spitzhauben wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler Eisbären und Mähnenrobben freudig beobachten. Einer der Jungen deutet auf die Köpfe der flauschigen braunen Küken. „Die Spitzfedern am Kopf sind das Besondere an dieser Art“, erklärt er.
Seine Klasse verbringt den Tag in der Tierparkschule Hellabrunn in München. Deren Konzept ist europaweit einzigartig: Lehrkräfte regulärer Schulen können dort mit ihren Klassen Module buchen oder ganze Projekttage verbringen - auf Basis des bayerischen Lehrplans. Der genaue Inhalt der Module entsteht in Kooperation der regulären Lehrkräfte mit den beiden ausgebildeten Lehrerinnen der Tierparkschule. Alle Unterrichtsangebote orientieren sich am Schwerpunkt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Dass Schülerinnen und Schüler lernen, , ist ein fächerübergreifendes Ziel in Bayern.
Schule soll nicht nur im Klassenzimmer stattfinden
Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler), die sich an diesem Tag von Schulleiterin Sandra Buchberger die Tierparkschule zeigen lässt, nennt BNE ein „zentrales Anliegen“ ihrer Arbeit. „Ich will, dass die Kinder auch aus ihren Klassenzimmern rauskommen, dass sie erfahren, was die Situation des Eisbären in der Arktis mit ihrem eigenen Leben in der Münchner Innenstadt zu tun hat.“ Immer wieder fragt die Ministerin die Kinder: „Was macht der Besuch hier mit euch?“ Eine Realschülerin, die im Zoo-Klassenzimmer gerade eine Präsentation über Reptilien abgeschlossen hat, sagt: „Ich habe gelernt, dass wir nachhaltiger leben müssen.“ Eine Mitschülerin wird konkreter: „Dass wir zum Beispiel mehr recycelte Sachen kaufen sollten.“ Dass sie während ihres Projekts eine Schlange angefasst haben, macht die Mädchen immer noch ganz hibbelig.
Zwei Schülerinnen haben Flyer gestaltet, um anderen ihre Erkenntnisse nahezubringen. Dass das dringend nötig ist, zeigt etwa eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2021, wonach die Artenkenntnis bayerischer Sechstklässler innerhalb einer Dekade deutlich zurückgegangen ist. Im Schnitt erkannten die Kinder nur 14 von 25 heimischen Arten, am schlechtesten Vögel.
Die Warteliste für die Tierparkschule ist lang
Lehrerin Christina Neuenhagen, die zwei Tage pro Woche fest an der Tierparkschule unterrichtet, sagt: „Was die Kinder hier lernen, ist fächerübergreifend.“ Biologie, natürlich, aber auch Deutsch, indem sie das Gelernte dokumentieren. Ebenso Mathe: Die Kinder, die drüben bei den Pinguinen sind, rechnen beispielsweise aus, wie groß ein artgerechtes Gehege für die Tiere sein muss.
Wie Schulleiterin Sandra Buchberger berichtet, ist die Warteliste für solche Module oder Projekttage lang, die Anfragen kommen bis aus Österreich. „Erst heute musste ich wieder 15 Klassen absagen“, berichtet sie. Insgesamt lernen jährlich etwa 7000 Schülerinnen und Schüler aus 250 Klassen zeitweise in der Tierparkschule, die getragen wird vom städtischen Referat für Bildung und Sport. Buchberger und ihre Mitarbeiterin sind ausgebildete Lehrerinnen, auch ein eigenes Schulhaus gibt es in keinem anderen bayerischen Tiergarten. Die Zoos in Nürnberg und Augsburg bieten aber ebenfalls Führungen und Lerneinheiten mit Unterrichtsbezug an. Denn, das sagte einmal der weltberühmte Zoologe Konrad Lorenz: „Nur was man kennt, kann man auch schützen.“
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