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Ehemaliger Krebspatient aus dem Allgäu radelt über 8000 Kilometer nach Indien

Allgäu

8000 Kilometer Hoffnung: Krebs-Überlebender will nach Indien radeln

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    John Müller erkrankte mit 22 Jahren an Krebs. Heute radelt er nach Indien, um Patienten Hoffnung zu vermitteln.
    John Müller erkrankte mit 22 Jahren an Krebs. Heute radelt er nach Indien, um Patienten Hoffnung zu vermitteln. Foto: John Müller

    John Müller weiß selbst, dass es verrückt klingt. Mehr als 8000 Kilometer liegen vor ihm, von Berlin bis zum Taj Mahal in Indien. Eine Reise dorthin ist per se nichts Ungewöhnliches, doch die Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen? Das ist dann doch etwas Besonderes. Was das Ganze noch etwas absurder wirken lässt: Vor dem Start seiner Tour ist der gebürtige Kemptener noch nie mehr als 80 Kilometer am Stück geradelt.

    Doch darum geht es Müller nicht. Die Reise soll kein sportlicher Rekord werden, sondern Hoffnung vermitteln. Dass er überhaupt einmal wieder auf dem Fahrrad sitzen würde, wäre vor zwei Jahren noch unvorstellbar gewesen. Damals kämpfte der Allgäuer gegen ein Ewing-Sarkom, einen seltenen und aggressiven Knochentumor. Während der Behandlung schwor er sich: „Wenn ich überlebe, möchte ich meine Spuren auf der Welt zurücklassen.“

    Der Berg Chimborazo forderte John Müller in Ecuador heraus

    Aufgeben passt nicht zu Müller, das zeigte sich schon in seiner Jugend. 2017 bewältigt der heute 26-jährige den Jakobsweg und lernte dort zum ersten Mal so richtig, was Durchhaltevermögen bedeutet. Statt spiritueller Erleuchtung erwarteten ihn Blasen. Sein Motto damals: „Ibuprofen und du kannst wieder gehen.“

    Nach dem Abitur zog es ihn hinaus in die Welt. In Ecuador erklomm er den 6263 Meter hohen Chimborazo, später verschlug es ihn nach Mexiko. Dort durchstreifte er das Land gemeinsam mit seiner Gitarre als Straßenmusiker. 2022 reiste er zum Wandern nach Schweden, was zunächst sein letztes Abenteuer sein sollte.

    Müller sucht wegen starker Schmerzen ein Krankenhaus auf

    Eines Nachts verspürte er plötzlich stechende Schmerzen in der Seite. Er dachte erst an eine Zerrung oder Überlastung vom Wandern. Doch der Schmerz wurde stärker, schließlich ging er in ein Krankenhaus. Dort wurde er „lediglich mit Schmerzmitteln vollgepumpt“, eine Diagnose erhielt er nicht.

    Müllers Zustand besserte sich nicht. Er brach seine Reise ab und kehrte nach Deutschland zurück. Zu diesem Zeitpunkt lebte er in Stuttgart und ließ sich dort im Klinikum untersuchen. Schon bald nahm ihn die Krebsstation zur weiteren Abklärung auf. Er kam mit einem Prostatakrebspatienten ins Gespräch, der ihn auf das Schlimmste vorbereiten wollte.

    Die Diagnose steht fest: Ewing-Sarkom

    „Es sind nur ein paar Tests, ich bin gleich wieder weg“, winkte Müller damals ab, ohne zu ahnen, wie sehr er sich täuschte. Nach zwei Wochen stand die Diagnose fest: Ewing-Sarkom. Ein bösartiger Knochentumor, der in seinem Fall die Rippe befallen hatte. Müller spricht heute vom „Sechser im Lotto im negativen Sinne“. Bei jungen Männern werden in Deutschland jährlich nur etwa 25 Ewing-Sarkome festgestellt, sagt der Kemptener.

    Glück hatte er bei der Wahl des Krankenhauses: Im Stuttgarter Klinikum ist das Südwestdeutsche Sarkomzentrum angesiedelt. Studien weisen darauf hin, dass zwischen ersten Symptomen und einer Diagnose bei seltenen Tumoren wie dem Ewing-Sarkom zwei bis sechs Monate vergehen können. Müller ist sich ziemlich sicher: „Hätte es bei mir so lange gedauert, hätte ich nicht überlebt.“

    Während seiner Zeit im Krankenhaus versuchte John Müller immer weiter zu lächeln – und dadurch seine Hoffnung zu bewahren.
    Während seiner Zeit im Krankenhaus versuchte John Müller immer weiter zu lächeln – und dadurch seine Hoffnung zu bewahren. Foto: John Müller

    Chemotherapie plagt jungen Kemptener

    Sofort startete seine Chemotherapie. Die aggressiven Medikamente wurden direkt über seine Venen verabreicht. Diese färbten sich daraufhin schwarz. Müller verlor außerdem seine Haare, sein Gesicht schwoll an, die Beine lagerten Wasser ein. „Du willst dich selbst nicht im Spiegel sehen“, fasst er diese Zeit zusammen.

    Doch trotz allem zwang er sich, seinen Optimismus zu wahren und jeden Tag zu lächeln: „Dann lächeln die anderen auch zurück. Das hat mir damals Energie gegeben.“ Seine Hoffnung verlor Müller während der gesamten Behandlung nicht. Und nach zehn Monaten und 14 Chemotherapie-Zyklen besiegte er den Krebs schließlich.

    8000 Kilometer mit dem Fahrrad nach Indien

    Danach hielt ihn nichts mehr zurück. Er wollte leben und etwas von seiner zweiten Chance weitergeben. Mit seiner Tour nach Indien will er zeigen, dass eine Krebs-Diagnose nicht automatisch das Ende bedeutet. „Man sollte niemals die Hoffnung aufgeben“, betont er. Unterwegs sucht Müller bewusst den persönlichen Kontakt. Immer wieder übernachtet er bei Krebserkrankten, mit denen er bereits vor der Reise im Austausch stand. Er will zuhören, sich in ihre Situation hineinversetzen und „einfach für sie da sein“. Ohne große Worte, ohne Ratschläge.

    Der Startschuss für seine Tour fiel in Berlin und ganz bewusst auf den 8. Mai. Genau zwei Jahre zuvor schnitten Ärzte einen Großteil des Ewing-Sarkoms aus Müllers Rippen. Fünf Tage später meldet sich Müller per Sprachnachricht. Rund 500 Kilometer hat er da auf dem Weg Richtung Nürnberg bereits hinter sich gelassen. Die Knie sind geschwollen, die Waden schmerzen, dazu kommt Schneeregen. Trotzdem klingt er zufrieden. Sein Ziel, täglich etwa 100 Kilometer zu fahren, habe er bislang erreicht.

    Sicherheitslage verhindert Reise durch den Iran

    Dennoch steht er erst am Anfang seiner Reise. Zunächst soll es bis nach Aserbaidschan gehen, von dort will er mit der Fähre das Kaspische Meer überqueren. Eigentlich hatte er ursprünglich den Iran auf seiner Route eingeplant, doch wegen der aktuellen Sicherheitslage sei das nicht möglich. „Ich möchte nicht vermitteln, dass man sich in waghalsige Angelegenheiten stürzen sollte“, sagt Müller.

    In Asien werde die Reise ohnehin unberechenbar. Weitere Grenzen, unter anderem in Richtung Afghanistan und Pakistan, könnten zu den größten Herausforderungen werden. „Aber auf diese Ungewissheit freue ich mich. Das macht ein Abenteuer doch aus“, gibt sich Müller euphorisch. Insgeheim hofft er, dass ihm seine gute Absicht Türen öffnet.

    Und falls es an einer Grenze nicht weitergeht, will er eine andere Möglichkeit finden, nach Indien zu kommen. Denn ganz uneigennützig ist die Reise auch nicht. Schon während seiner Zeit in Ecuador fasste Müller den Entschluss, einmal den Taj Mahal zu sehen.

    „Riding for the one‘s who can´t“

    „Wir fahren für die, die gerade nicht fahren können“: Unter diesem Motto sammelt John Müller Spenden für krebskranke Patientinnen und Patienten in ganz Deutschland. Der Spendenaufruf ist auf seiner Website zu finden.

    In Deutschland hat es John Müller bislang mit widrigen Bedingungen zu tun. Auf dem Weg zwischen Hof und Nürnberg hatte der 26-Jährige mit Schneeregen zu kämpfen.
    In Deutschland hat es John Müller bislang mit widrigen Bedingungen zu tun. Auf dem Weg zwischen Hof und Nürnberg hatte der 26-Jährige mit Schneeregen zu kämpfen. Foto: John Müller
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