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Eigenbedarfskündigung: Vier gekündigte Mieter über ihre Erfahrungen

Eigenbedarfskündigung

„Als die Wohnung dann abgesoffen ist, hatten wir richtige Schadenfreude“

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    Laut einer aktuellen Statistik des Deutschen Mieterbundes ist die Nachfrage nach Beratungen nach Eigenbedarfskündigungen in den vergangenen Jahren um 30 bis 50 Prozent gestiegen. 
    Laut einer aktuellen Statistik des Deutschen Mieterbundes ist die Nachfrage nach Beratungen nach Eigenbedarfskündigungen in den vergangenen Jahren um 30 bis 50 Prozent gestiegen.  Foto: Christin Klose/Stephan Jansen (dpa/AZ-Montage)

    Neuer Job, Nachwuchs, Trennung oder der langersehnte Traum vom eigenen Garten: Gründe, warum man sich für einen Umzug entscheidet, gibt es viele. Was aber, wenn plötzlich ein Schreiben mit dem Wort „Eigenbedarfskündigung“ in den Briefkasten flattert und einem die Entscheidung ungewollt abnimmt? Vielleicht sogar noch jahrelange Rechtsstreits folgen? Vier Menschen berichten, in welchen Lebensphasen sie und ihre Angehörigen Eigenbedarfskündigungen trafen und was sie nach sich zogen.

    Paul S.s Elternhaus (Name geändert) im Münchner Umland wurde nach 30 Jahren gekündigt und abgerissen

    In der Familie hatten wir schon immer die Befürchtung, dass unser Haus eines Tages gekündigt werden könnte. Wir hatten eine große, alte Villa von 1912, vier Stockwerke, mit einem 3600 Quadratmeter großen Garten, eine halbe Stunde vom Stachus weg in einem Münchner Vorort im Südosten. Und das für wenig Geld. Dann, wenn man nicht mehr dran denkt, passiert es natürlich – nach 30 Jahren kam 2014 die Kündigung. Ich wohnte damals noch mit meinen Eltern dort. Am Tag der Kündigung konnte ich mich nur schwer beruhigen. Ich bin schwimmen gegangen, zum ersten Mal nach vielleicht zehn Jahren. Das Wasser überall am Körper und die Schwerelosigkeit haben geholfen, die Reizüberflutung an diesem Tag zu dämpfen.

    Die Vermieterin sagte uns, sie benötige Geld, um eine Immobilie in der Nähe ihres Sohnes im Ausland zu kaufen. Wir fragten, ob sie das Haus nicht mit uns drin verkaufen könne. Sie entgegnete: Dann gibt es nicht so viel Geld, deswegen müssen Sie raus. Wir beschlossen, uns zu wehren.

    Ich habe mir schon als Jugendlicher geschworen: Hier gehst du nie freiwillig raus. Hier müssen sie dich heraustragen. 

    Paul S. 

    Vom Anwalt der Gegenseite hieß es auf einmal: Wir machen das auf Eigenbedarf. Die Familie des Sohnes möchte einziehen. Uns war klar, dass es erfunden war. Dann kam die Klageschrift. Die Verhandlung war eine Farce. Es war niemals die Absicht der Vermieter, dort einzuziehen, und trotzdem kamen sie damit durch. Ich musste raus, zog um, meine Eltern waren in der Zwischenzeit verstorben – und unser ehemaliges Haus stand vier Jahre lang leer. Dann wurde es sogar abgerissen, obwohl der Denkmalschutz im Spiel war. Die Vermieter haben bis heute keinen Gebrauch vom Grundstück gemacht. Ich versuchte nach meinem Auszug wegen vorgeschobenen Eigenbedarfs zu klagen. Doch die Klagefrist lief ab. Es ging mir nicht gut, ich wurde aus dem Haus meiner Kindheit geworfen. Das musste ich zunächst verarbeiten.

    Heike P.s Sohn (Name geändert) wurde die erste Wohnung im Landkreis Günzburg nach nicht mal einem Jahr gekündigt

    Mein Sohn war 26 und lebte erst seit einem Dreivierteljahr in seiner ersten eigenen Wohnung, als ihm wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde. Wir hatten damals mit unseren Jungs vereinbart, dass sie mit 25 Jahren ausziehen dürfen. Und bei ihm, der Nummer zwei von vier, kam die Corona-Pandemie dazwischen, was die Wohnungssuche schwieriger machte. Es war toll, als er endlich eine eigene Bleibe gefunden hatte. Als plötzlich die Kündigung kam, sind wir aus allen Wolken gefallen. Wer rechnet denn damit? Ihn hat es unheimlich gewurmt. 

    Die Tochter der Vermieter sollte dort einziehen. Was will man dagegen machen? Jeder kann behaupten, wir brauchen jetzt die Wohnung oder das Haus selbst. Mein Sohn ist bei seiner Freundin untergekommen, im Haus der Schwiegerleute. Die nagelneuen Möbel sind in der Garage und im Schuppen gelandet. Das war ärgerlich. Als wir später mitbekommen haben, dass die Wohnung beim Hochwasser abgesoffen ist, hatten wir richtige Schadenfreude. Im Endeffekt ist das Ganze aber gut ausgegangen. Mein Sohn und seine Freundin haben nun eine eigene Wohnung gekauft. 

    Sarah A. (Name geändert) wurde von ihrer Vermieterin schikaniert – die Nachmieter machten dasselbe durch

    Als unser zweites Kind auf dem Weg war, zogen wir im Sommer 2012 in eine größere Wohnung nach Klosterlechfeld. Mit der Vermieterin war zunächst alles super. Bald haben sich aber die ersten Probleme in der Wohnung herausgestellt. Kaputte Steckdosen, plötzlich ein riesengroßer Wasserfleck an der Schlafzimmerdecke, der nicht richtig beseitigt wurde. Nach einem Wasserrohrbruch im Keller haben wir der Vermieterin gesagt: Es muss etwas passieren. Als ich gerade unterwegs war, um mein Kind für den Kindergarten anzumelden und zurück nach Hause kam, drückte mir der Postbote ein Einschreiben mit der Kündigung wegen Eigenbedarfs in die Hand. 

    Es folgten einige Spielchen der Vermieterin, alle nicht rechtens, wie uns auch ein Anwalt bestätigte. Wir konnten irgendwann nicht mehr. Ein paar Monate später haben wir im Nachbarort eine neue Wohnung gefunden und sind umgezogen. Von unserer Kaution haben wir keinen Cent mehr gesehen. 

    Mein zweiter Sohn war ein Extremfrühchen. Ich hatte damals noch ganz andere Sorgen. 

    Sarah A.

    Nachdem wir umgezogen waren, stellten wir fest, dass in unserer alten Wohnung andere Leute wohnen. Auch sie wurden mittlerweile wegen Eigenbedarfs gekündigt. Sie hatten wohl das Gleiche erlebt, denn sie glaubten, dass sie die Eigenbedarfskündigung bekommen haben, weil sie Mängel an der Wohnung angesprochen hatten. Mein Mann und ich wollten zu dem Zeitpunkt aber einfach nur noch mit der Sache abschließen. Wir sagten uns: Irgendwann wird die Vermieterin ihre Quittung vom Karma bekommen.

    Armin Diedrichs‘ Eltern zogen in Nördlingen wegen vorgetäuschten Eigenbedarfs vor Gericht

    Meine Eltern haben damals in Nördlingen gewohnt, ich hatte als junger Berufstätiger in München noch ein Zimmer bei ihnen. Der Vermieter wohnte im Haus nebenan. Weil er Geld benötigte, verkaufte er eines Tages unser Haus. Die Käufer waren ein junges Pärchen. Das erste Mal, dass wir von ihnen hörten, war wegen einer Mieterhöhung. Meine Mutter widersprach – einige Wochen später kam eine Kündigung wegen Eigenbedarfs. Sie behaupteten, die Frau sei schwanger und sie wollte sich außerdem im Erdgeschoss des Hauses, wo ein leer stehendes Ladenlokal war, eine Goldschmiedewerkstatt einrichten. Meine Eltern waren nicht auf Knatsch aus, sie suchten sich eine andere Wohnung, was damals in Nördlingen noch relativ einfach war. 

    Meine Mama behielt die Angelegenheit im Auge. Eines Tages fiel ihr auf, dass an unserem vorangegangenen Haus Namen standen, die sie nicht kannte. Daraufhin machte sie sich rechtskundig und schließlich legten meine Eltern dort Klage ein wegen vorgetäuschten Eigenbedarfs.  

    Die Gegenseite nahm sich einen Anwalt – lustigerweise ein ehemaliger Mitschüler von mir. Als es zum Gerichtstermin kam, äußerte die Gegenpartei, dass erstens die Frau eine Fehlgeburt gehabt hätte, und zweitens, sie und ihr Mann sich getrennt hätten. Der Eigenbedarf sei im Nachhinein weggefallen. Nur hatte meine Mama ermittelt, dass die beiden nach wie vor zusammen wohnten und in einem Dorf bei Nördlingen dabei waren, sich ein Haus zu bauen. Nach einer Verfahrenspause bot die Gegenseite einen Vergleich an, den meine Eltern annahmen – damit war es getan. Der Anwalt, mein ehemaliger Schulkollege, wechselte zeitlebens aber noch die Straßenseite, wenn er meiner Mutter begegnete.  

    Uns interessieren beide Seiten: Sind Sie Vermieter und haben schon einmal Eigenbedarf angemeldet? Erzählen Sie uns von den Umständen und Beweggründen: victoria.schmitz@augsburger-allgemeine.de.

    Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Archiv, wir wollen Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 4. Februar veröffentlicht. 

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