Der Hass sitzt tief in ihm. „Ich will sie hinter Gittern sehen“, sagt Toti über die ehemalige Vizechefin der JVA Gablingen, Susanne B. Der 43-Jährige ist offenbar einer der 102 Gefangenen, die in dem Skandalgefängnis bei Augsburg Opfer eines Systems von Machtmissbrauch und Schikane geworden sein sollen. Auch Toti musste in einer der berüchtigten Kellerzellen, den besonders gesicherten Hafträumen (bgH), ausharren. Seine Schilderungen klingen nach Folter. Der ehemalige Häftling erwartet sich von einem Prozess gegen die beiden Ex-Chefinnen des Gefängnisses viel. Eine Frage wurmt ihn jedoch.
Toti hatte nicht damit gerechnet, dass im Skandal um die JVA Gablingen jemals Verantwortliche vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. „In der Justiz hackt doch eine Krähe der anderen kein Auge aus“, sagt er. Die Nachricht, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft gegen die ehemalige Leiterin Zoraida Maldonado de Landauer, ihre Stellvertreterin Susanne B. und einen Beamten Anklage unter anderem wegen Körperverletzung im Amt erhoben hat, überraschte ihn. „Eine innerliche Genugtuung spüre ich trotzdem nicht. Vielleicht bei einem Urteil.“ Es ist davon auszugehen, dass die Anklage am Landgericht zugelassen wird. Bei der Verhandlung kann Toti, sofern er nicht als Zeuge geladen wird, allerdings nicht dabei sein. Dabei würde er gerne eine drängende Frage loswerden. Sie richtet sich an Susanne B.
Ex-Insasse erzählt von Schlägen in der JVA Gablingen: Fleischige Frauenhand
Doch Toti darf vorerst nicht mehr nach Deutschland einreisen. Vor über einem Jahr wurde er, der im Augsburger Stadtteil Hochzoll groß geworden war und als Migrantenkind auf die schiefe Bahn geriet, in sein Geburtsland Kosovo abgeschoben. Toti hatte wegen Einbruchsdiebstahls mehrere Jahre Freiheitsstrafe verbüßt. Dann saß er ein zweites Mal hinter Gittern, weil er nach seiner ersten Abschiebung bei der illegalen Einreise nach Deutschland erwischt worden war. Er habe sein Kind sehen wollen, sagt er dazu. Beide Male traf er auf Susanne B. Erst in der JVA Kaisheim, dann in der JVA Gablingen. „Ich würde sie gerne fragen, warum sie mir das angetan hat. Warum sie mich vernichten wollte“, sagt der 43-Jährige jetzt. Seine Vorwürfe wiegen schwer.
In einem früheren Interview mit unserer Redaktion hatte er geschildert, dass Susanne B. schon in ihrer Zeit in der JVA Kaisheim die Bedingungen für die Insassen erschwert habe. Heute noch trägt er der 37-Jährigen nach, dass sie seine Ausbildung zum Metallbauer hinter Gittern durchkreuzt habe. So zumindest erzählt es Toti, der seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht nennen möchte. Er wolle sein Kind, das in Augsburg lebt, schützen, sagt er. Für dieses Gespräch hat er erneut eine eidesstattliche Erklärung, in der er in Kenntnis der möglichen Strafbarkeit bei falschen Angaben die Wahrheit versichert, unterzeichnet. Hundertprozentig nachprüfbar sind seine Aussagen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Susanne B. habe ihm in Gablingen mit der Sicherungsgruppe das Leben zur Hölle gemacht.
Toti erzählt, wie ihm trotz seiner Rückenschmerzen, die ihn nach einem Bandscheibenvorfall quälten, ein Arzt verweigert wurde. Wie ein Streit um seinen an das Justizministerium geschriebenen Brief, in dem er sich über einen JVA-Mitarbeiter beschwerte, eskalierte und Bedienstete ihn zusammenschlugen. Auch Susanne B. soll zugelangt haben. Diese „fleischige Frauenhand“ mit dem Ring vergesse er nicht. Zwei Mal habe man ihn ungerechtfertigt in eine der berüchtigten Kellerzellen gesteckt, erzählt er. Nicht nur für seine Psyche, sondern auch für seinen Bandscheibenvorfall sei das unerträglich gewesen.
Ehemaliger Gefangener über Skandalgefängnis: „Zeit im bgH war Gift für meinen Körper“
Es gab nichts in der Zelle. Nur ihn, völlig nackt, den harten Boden, der blaue Flecken an seinem Körper hinterließ, und ein Loch, in das er seine Notdurft verrichten musste. Als seine Rückenschmerzen noch schlimmer wurden, formte er sich aus den wenigen Brotscheiben Kügelchen und legte sie sich unter seine Hüften. „Die Zeit im bgH war Gift für meinen Körper“, sagt er. Unter den Folgen leide er heute noch. Er könne keine hundert Meter weit gehen, habe starke Schmerzen, bräuchte eigentlich eine Operation. „Die kann ich mir aber nicht leisten.“ Sollte im Prozess gegen die drei Hauptbeschuldigten ein Urteil fallen, will Toti auf Schmerzensgeld klagen. „Das habe ich mit meiner Anwältin schon so besprochen.“ Der 43-Jährige erwartet sich noch mehr von einem Verfahren.
„Ich will Gerechtigkeit für mich persönlich, aber auch für alle anderen, die das durchleben mussten. Ja, wir haben Straftaten begangen, aber trotzdem sind wir Menschen.“ Hinter Gittern aber erhalte man keine Unterstützung. „Resozialisierung, wie es die Justiz gerne darstellt, gibt es nicht. Wenn du keine Familie hast, bist du, wenn du rauskommst, verloren.“ Er selbst lebt jetzt bei Verwandten im Kosovo. Toti macht nicht nur die einstige Gefängnisleitung für die Missstände verantwortlich, sondern auch das Justizministerium. Es habe auf seine Weise zu dem Skandal beigetragen.
„.Allein ich habe im Gefängnis zig Beschwerden ans Ministerium geschrieben, aber es kam kein einziger Brief mit einer Antwort zurück.“ Er räumt ein: „Ich weiß natürlich nicht, ob meine Schreiben jemals rausgegangen sind. Ein Beamter verriet mir mal, dass Briefe von mir abgefangen wurden.“ Toti hat viel zu erzählen. Auch vom Selbstmord eines Freundes in der JVA Kaisheim, den man seiner Meinung nach hätte verhindern können. „Mein Freund war depressiv. Aber er bekam keine ärztliche Unterstützung.“ Er habe einen Bediensteten um einen Psychologen für seinen Freund gebeten. „Ich befürchtete, dass er sich was antut. Es hieß, das sei nicht mein Problem.“ Noch am selben Abend sei sein Freund tot in der Zelle aufgefunden worden. „Er hatte sich die Kehle durchgeschnitten.“ Totis Hass ist groß, nach wie vor.
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