Eines der Prestigeprojekte europäischer Rüstungszusammenarbeit ist gescheitert. Aus politischer Sicht ist das ein Debakel. Doch bei Arbeitnehmervertretern als auch in der Industrie herrscht seltsamerweise Erleichterung, dass sich Kanzler Friedrich Merz (CDU) als auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron darauf geeinigt haben, den Bau eines gemeinsamen Kampfjets nicht weiterzuverfolgen. „Ich danke Friedrich Merz für diese nicht leichte, aber notwendige Entscheidung im Interesse des Luftfahrtstandorts Deutschland und der Beschäftigten“, sagt Jürgen Kerner, zweiter Vorsitzender der IG Metall, unserer Redaktion. Bei Beschäftigten wie auch der Industrie gilt im Fall FCAS nämlich das Sprichwort: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Am Ende, so die Hoffnung, könnte die deutsche Luftfahrtindustrie sogar vom FCAS-Aus profitieren.
Der Entscheidung ging eine jahrelange Hängepartie voraus. Zwischen den Unternehmen Dassault auf französischer Seite und Airbus auf deutscher Seite gab es zunehmend unterschiedliche Vorstellungen über die Aufteilung des Projekts. Berichten zufolge hatte Dassault-Chef Éric Trappier einen Anteil von bis zu 80 Prozent gefordert. Airbus, das den Eurofighter produziert, konnte und wollte dies nicht hinnehmen. „Seit Monaten war absehbar, dass sich die beiden starken und selbstbewussten Unternehmen Dassault Aviation und Airbus Defence & Space nicht auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe verständigen können“, beschreibt IG-Metall-Vize Kerner den Konflikt. Aber wie geht es nun weiter?
Jürgen Kerner, IG Metall: „Weiterentwicklung des Eurofighters“
Im Gespräch sind Lösungen, einen neuen Jet im Verbund mit Italien, Großbritannien und Japan zu bauen, die mit dem Global Combat Air Programme ein Projekt gestartet haben. Alternativ wäre eine Kooperation mit Schweden denkbar, wo Saab bisher den Jet „Gripen“ baut. Die IG Metall schlägt einen dritten Weg vor: quasi einen Eurofighters 2.0: „Nun ist Airbus Defence & Space gefordert, als Systemführer die Weiterentwicklung des Eurofighters voranzutreiben“, fordert Kerner. „Die Luftwaffe benötigt zeitnah einen Nachfolger für die Tornado-Flotte mit modernster Technologie“, sagt er unserer Redaktion. „Die Beschäftigten der militärischen Luftfahrt stehen bereit, diese Weiterentwicklung erfolgreich umzusetzen.“
Die Beschäftigten bei Airbus Defence & Space drängen auf eine Lösung, bei der die Bundesregierung die Federführung übernimmt. „Wir sollten zeitnah mit einer nationalen Entwicklung für die Bedürfnisse unserer deutschen Luftwaffe starten“, sagt Airbus Defence & Space-Gesamtbetriebsratschef Thomas Pretzl. „Die deutsche Industrie kann das“, versichert er. „Wenn sich später weitere Staaten beteiligen möchten, sollte das möglich sein.“
„Manching wäre der Kern der neuen Kampfflugzeugentwicklung“
Bei Airbus Defence & Space sind in Manching bei Ingolstadt rund 6000 Beschäftigte unter anderem in der Endmontage des Eurofighters tätig. Käme es zu einem Jet unter deutscher Federführung, könnte der Standort profitieren: „Manching ist das militärische Luftfahrtzentrum Deutschlands, damit wären wir der Kern der neuen Kampfflugzeugentwicklung“, sagt Pretzl. „Das würde zu einem Beschäftigungsaufwuchs und zur Fortführung unserer Hochtechnologie führen“, wirbt er. „Gemeinsam mit unseren deutschen Zulieferern würden wir zum Wirtschaftswachstum in Deutschland beitragen.“
Nicht nur bei den Beschäftigten, sondern auch in der Industrie in Deutschland herrscht Erleichterung über das FCAS-Aus. Nach langem Hin und Her ist zumindest der Knoten gelöst. Für Airbus Defence & Space dürfte nach Informationen unserer Redaktion entscheidend sein, dass dieses Jahr noch eine Entscheidung fällt. Dieses Jahr läuft die erste Phase des FCAS-Projekts aus. Gäbe es keinen Anschluss, würde das Know-how zahlreicher Entwickler und Fachkräfte wegfallen.
Absichtserklärung deutscher Unternehmen
Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sollen die Vorstandsvorsitzenden mehrerer Unternehmen eine Absichtserklärung für den Bau eines deutschen Jets unterzeichnen. „Die Gruppe unter Führung des europäischen Airbus-Konzerns besteht vor allem aus deutschen Luftfahrt- und Rüstungsunternehmen wie MTU, Hensoldt, Diehl, Liebherr und Autoflug sowie dem europäischen Mischkonzern MBDA, der unter anderem den Marschflugkörper Taurus herstellt“, heißt es.
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