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Wortlaut-Protokolle
12.12.2022

So katastrophal ist die Lage in der Kindermedizin

Derzeit kommen viele Kinder mit einer schweren RSV-Erkrankung ins Krankenhaus.
Foto: Marijan Murat, dpa (Symbolbild)

Vier Menschen aus dem Gesundheitsbereich, erzählen, wie schwer die Krankheitswelle unter Kindern ist. Wie sie ihren Arbeitsalltag verändert und was sie entlasten würde.

Die Wartezimmer von Kinderärzten sind voll, die Krankenhäuser und Notaufnahmen ebenso. Denn unter Kindern gehen gerade verschiedene Infekte um: Das RS-Virus trifft auf eine beginnende Grippe-Welle und die Corona-Pandemie ist auch noch nicht vorbei. Das hat zur Folge, dass viele Kinder gerade krank sind, manche sogar so schwer, dass sie ins Krankenhaus müssen. Deshalb ist die Rede von einem Notstand in der Kindermedizin. Die Politik hat bereits angekündigt, Geld zur Verfügung zu stellen, um die Kliniken zu entlasten und denkt über weitere Maßnahmen nach. Aber was heißt das eigentlich für Menschen, die im Bereich der Kindermedizin arbeiten? Ein Klinik-Chef, ein niedergelassener Kinderarzt, ein Pfleger und eine Apothekerin erzählen, wie ihr Alltag momentan aussieht und was helfen würde, die Situation zu entspannen.

Foto: KJF Augsburg/Carolin Jacklin

Thomas Völkl, leitet die Kinderklinik des Josefinums in Augsburg: "Wir können derzeit alle versorgen und die Welle bewältigen"

"Aktuell haben wir eine hohe Belastung der Notaufnahme, in der sich derzeit täglich zwischen 60 bis 90 Kinder vorstellen, das sind etwa 20 mehr, als in normalen Zeiten. Glücklicherweise genügt in vielen Fällen eine ambulante Abklärung, sodass wir am Tag zwischen zehn und 20 Kinder stationär aufnehmen müssen. Dies stellt uns in der Patientenverteilung auf die Stationen vor Herausforderungen. 

Wir müssen bei der Belegung der Zimmer nicht nur die verschiedenen Infektionskrankheiten – aktuell vor allem RSV, Influenza und Corona – beachten, sondern auch Alter, Geschlecht und Begleitpersonen, meistens die Eltern. Gerade am Vormittag, wenn wir neue Kinder aufnehmen, Genesene aber noch nicht entlassen haben, ist es sehr voll. Dann kann es auch mal vorkommen, dass eine Patientin oder ein Patient auf dem Flur warten muss, bis das Zimmer frei ist. Wir mussten deshalb auch unsere Stationen ein wenig umorganisieren, um genügend Betten anbieten zu können. Hierfür haben wir zum Beispiel auf einer Neugeborenen-Station einen Bereich abgetrennt, um dort auch Kinder versorgen zu können, die mit einer Infektion zu uns kommen. Unter normalen Umständen würden wir das vermeiden. Durch den hohen Einsatz unserer engagierten Pflegekräfte sowie unserer Ärztinnen und Ärzte können wir derzeit alle Patientinnen und Patienten aus unserer Region, also aus der Stadt und den benachbarten Landkreisen, versorgen und die aktuelle Welle bewältigen. Das gilt auch für die Notaufnahme.

Ja, auch bei uns kommt es in der Notaufnahme zu Wartezeiten. Das hat aber einen einfachen Grund: Wenn Kinder mit ihren Eltern in die Notaufnahme kommen, dann wird sofort anhand eines zertifizierten und für Kinder und Jugendliche spezialisierten Systems bewertet: Wie dringend ist der Fall? Und je dringlicher eine Behandlung erforderlich ist, um so schneller werden diese Patientinnen und Patienten behandelt. Das heißt, dass auch bei voller Notaufnahme kein kritisch krankes Kind übersehen wird. Dies führt aber bei weniger akuten Fällen zu längeren Wartezeiten.

Allerdings sind wir weit entfernt von Wartezeiten um die acht Stunden oder mehr, von denen man zuletzt immer mal wieder gehört hat.

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Obwohl die Lage sehr ernst ist, haben wir bei uns in der Klinik eine gute und sehr professionelle Atmosphäre. Der Arbeitsalltag ist natürlich sehr stressig für alle Mitarbeitenden, doch ich als Ärztlicher Direktor bin positiv gestimmt, weil die aktuelle Situation erneut zeigt, was wir als Klinik und im Team zusammenstehen. "

Stefan Zeller ist Kinderarzt und hat zwei Praxen. Eine im Kempten und eine in Memmingen. Er ist außerdem Obmann der Kinderärzte fürs Allgäu.
Foto: Martina Diemand

Stefan Zeller, Kinderarzt in Kempten und Memmingen: "Ich wünsche mir mehr Verständnis"

"Wir arbeiten am Limit. Unsere medizinischen Fachangestellten nehmen momentan etwa 200 Anrufe am Tag entgegen. Ein Grund ist natürlich, dass so viele Kinder krank sind. Der anderer Grund ist aber, dass viele Eltern sehr verunsichert sind und sich Sorgen machen. Dass Kinder – auch kleine Kindern – in den Wintermonaten an RSV erkranken, ist normal. Aber gerade häuft es sich. Wir haben heute mit zwei Ärzten 180 Kinder untersucht. Etwa zwei Drittel der Kinder, die zu uns kommen, sind wirklich richtig krank.

Das sind dann Tage, an denen wir sagen: Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen – also alles, was nicht akut, sondern planbar ist – müssen wir verschieben. Aber die Organisation ist nicht leicht. Manchmal bekommen wir etwa so viele Anrufe, dass wir nicht aus der Praxis heraustelefonieren können.

Was ich mir wünschen würde? Zum einen mehr Verständnis. Wir geben wirklich unser Bestes. Aber es kommt eben zu Wartezeiten und wir können gerade auch keine ausführlichen Beratungen am Telefon anbieten, weil die Leitung sonst zu lange belegt wäre. Natürlich ist das für Eltern frustrierend. Aber diesen Ärger an Mitarbeitern auszulassen, ist nicht die Lösung. Dennoch passiert das leider.

Ein zweiter Punkt, der uns entlasten würde, ist der Abbau von Bürokratie. Bei uns rufen viele Eltern von Schulkindern an, die niedriges Fieber haben. Die Eltern brauchen ein Attest für die Schule und dafür müssen wir die Kinder sehen. Das können wir momentan nicht leisten. Da appelliere ich an die Schulen, dass sie auf diesen bürokratischen Aufwand verzichten. Dass sie es den Eltern zutrauen, selbst zu entscheiden, ob ihr Kind zu Hause bleiben muss und es entschuldigen können.

Wann dieser Andrang abflaut, ist für uns schwer zu sagen. Es kann sein, dass die RSV-Welle bald schwächer wird. Aber normalerweise ist der Januar der typische Grippemonat. Deshalb gehe ich davon aus, dass uns noch eine Influenza-Welle erwartet."

Franziska Utzinger ist Apothekerin, sie hat mehrere Apotheken in Nersingen und warnt schon länger vor Problemen die durch Lieferengpässe entstehen können.
Foto: Alexander Kaya

Franziska Utzinger, Apothekerin in Nersingen (Kreis Neu-Ulm): "Viele Eltern haben angefangen, Fiebersäfte zu hamstern"

"Dass momentan besonders viele Kinder krank sind, bekommen auch wir zu spüren. Was die Lage aber außergewöhnlich macht: dass Medikamente für Kinder so schwer zu bekommen sind. Das gilt für bestimmte Antibiotika und auch für Fiebersäfte und -zäpfchen. Auf diese Mittel sind wir angewiesen.

Ein Beispiel: Für Erwachsene gibt es Ibuprofen von 20 Herstellern in unterschiedlichen Dossierungen. Und wenn es die Tabletten mit 1000 Milligramm gerade nicht gibt, kann man sagen: Nehmen Sie zwei Tabletten mit 500 Milligramm. Bei Kindern geht das nicht. Kinder nehmen keine Tabletten. Sie schlucken Säfte oder bekommen Zäpfchen. Und dafür gibt es vielleicht fünf Hersteller. Keiner von ihnen liefert momentan in ausreichender Menge.

Ich habe mit einem Kollegen telefoniert, der jetzt angefangen hat, Fieber-Zäpfchen selbst zu gießen. Das können wir in den Apotheken machen. Aber das ist nicht nur extrem aufwändig, es kostet die Krankenkasse auch zehn Mal so viel. Dieser Kollege erzählte mir, wenn er wieder Zäpfchen da hat, kommen die Leute aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern zu ihm.

Dass es diese Lieferschwierigkeiten gibt, ist nichts Neues. Bei Ibuprofen und Paracetamol für Kinder haben wir das Problem seit dem Frühjahr. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Medikamente bei uns viel zu billig sind. Deshalb lohnt es sich für viele Hersteller nicht mehr, sie zu produzieren. Die Medikamente sind aber auch aus einem anderen Grund rar: Viele Eltern haben angefangen, Fiebersäfte oder -zäpfchen zu hamstern, als sie gehört haben, die Medikamente werden knapp. Ich habe irgendwann gesagt, es gibt jetzt nur noch eine Flasche pro Kind und später bin ich runtergegangen auf eine Flasche pro Familie.

Noch bekommen wir die Medikamente immer – aber es ist umständlich und aufwändig. Es gibt diese Sicherheit nicht mehr, dass jemand in die Apotheke kommt und wir sagen: Das Medikament ist morgen oder heute Nachmittag für Sie da. Das würden wir uns wünschen, aber es ist nicht mehr so."

Michael Wetterich ist Kinderkrankenpfleger und war Pflegeleiter am Uniklinikum Augsburg. Momentan ist er freigestellter Personalrat.
Foto: Wetterich

Michael Wetterich, Kinderpfleger und Personalrat am Uniklinikum Augsburg: "Es ist eine enorme Belastung für die Pflegenden"

"In der Kinderklinik der Uniklinik in Augsburg ist die Lage seit etwa drei Wochen katastrophal. Wir versuchen, der Situation Herr zu werden, aber leicht ist es nicht. Eine Folge ist, dass wir wieder – wie schon zu Corona-Hochzeiten – planbare Operationen absagen müssen. Und das ist natürlich für die betroffenen Eltern und Kindern eine Katastrophe.

Auch für die Pflege ist die Situation nicht leicht. Auf Stationen, auf denen normalerweise 30 Kinder liegen, liegen jetzt zum Teil 35 Kinder, weil versucht wird, jedes Kind unterzubringen. Dazu kommt: Auch in der Pflege sind viele Menschen krank. Das heißt, statt vier bis fünf Pflegerinnen und Pflegern kümmern sich zwei bis drei um mehr Kinder als üblich. Also statt um acht oder neun plötzlich um 15 Kinder. Ich kenne Stationen – und das sind nicht nur Kinderstationen und das ist auch nicht nur bei uns im Haus so –, in denen kommen rechnerisch auf 20 Vollzeitstellen 3000 Überstunden. Das ist eine enorme Belastung für die Pflegenden.

Wir haben in Augsburg mit der Klinikleitung und der Gewerkschaft einen Vertrag geschlossen, der jedes Jahr überprüft, wie viele Pflegestellen es gibt und diese aufstockt. Das gibt es in ganz Deutschland nicht sehr häufig. Wir haben das in Augsburg seit 2018. Im ersten Jahr lief das wirklich gut. Wir konnten Personal aufbauen. Aber seit Corona tun wir uns extrem schwer, neue Pflegekräfte zu finden und Stellen zu besetzen. Nicht, weil das nicht gewollt wäre, sondern weil es zu wenige Fachkräfte gibt.

Wenn jetzt darüber nachgedacht wird, die Pflegepersonaluntergrenzen aufzuweichen, um die Notlage in der Kindermedizin zu entspannen, halte ich das für den falschen Weg. Diese Grenzen sind Untergrenzen und schon mit dieser Anzahl an Pflegepersonen ist keine gute Versorgung mehr möglich. Es ist dann nur noch eine Versorgung gewährleistet. Wenn die Grenzen fallen, tut das für die Pflege gar nichts. Es hilft nur den Kliniken, weil sie keine Strafen zahlen müssen. Was wir stattdessen tun sollten, ist uns zu überlegen, wie wir Menschen, die mal in der Pflege gearbeitet haben, zurückholen können. Viele sind gegangen. Sie hatten gute Gründe."

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Die Diskussion ist geschlossen.

15.12.2022

Dann hoffen wir jetzt einfach mal, dass sich die Politiker nicht weiter mit der Gängelung der Leute und sinnlosen Impfprogrammen und -pflichten im Rahmen der Corona-Hysterie befassen, sondern sich endlich mal ernsthaft den großen Baustellen Personal und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen widmen!...die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

18.12.2022

Durch Corona starb ein kerngesunder Bekannter von mir und ein anderer ist seit 15 Monaten schwer krank. Daher finde ich das mit "Corona-Hysterie" eine Unverschämtheit.
Mit den "Baustellen" haben Sie vollkommen Recht.