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Influenza: Kinderarzt zur Grippewelle: "Wir werden überrannt"

Influenza

Kinderarzt zur Grippewelle: "Wir werden überrannt"

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    Schnell steigendes Fieber und starke Gliederschmerzen sind typisch für eine Influenza-Infektion.
    Schnell steigendes Fieber und starke Gliederschmerzen sind typisch für eine Influenza-Infektion. Foto: Marcus Merk (Symbolbild)

    Es gibt Momente, die überraschen sogar die, die schon einiges gesehen haben. Dr. Christian Voigt ist seit vielen Jahren Kinderarzt – aber das, was er derzeit erlebt, sei schon eine Ausnahmesituation, erzählt er. In seinem Dienst am vergangenen Wochenende habe er mehr als 100 kleine Grippepatienten behandelt. "Alle Altersstufen waren vertreten, und den meisten ging es richtig schlecht. Sie konnten sich nicht mehr bewegen, mussten getragen werden. So viele Kinder auf Liegen habe ich schon lange nicht mehr gesehen", sagt Voigt, der eine Praxis in Stadtbergen bei Augsburg führt und im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Obmann für Augsburg und Nordschwaben ist. Die aktuelle Grippewelle laufe auf Hochtouren, sagt der Mediziner. "Wir werden überrannt." 

    Allein zwischen dem 29. Januar und 4. Februar wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 31.000 im Labor bestätigte Influenza-Fälle aus Deutschland gemeldet. Zum Vergleich: In der Woche davor waren es rund 25.000, noch eine Woche früher unter 14.000 – also weniger als die Hälfte dessen, was dem Institut aktuell übermittelt wurde. Die offiziellen Zahlen bilden aber nur einen Bruchteil des Infektionsgeschehens ab – die Dunkelziffer dürfte gewaltig sein. 

    Schnell steigendes Fieber ist typisch für eine Influenza-Infektion

    Die vielen Influenza-Erkrankungen würden "zu einer hohen Zahl an Arztbesuchen und Hospitalisierungen" führen, heißt es im neuesten Bericht des RKI. Andere Viren wie Sars-CoV-2 oder das RS-Virus zirkulieren zwar ebenfalls noch – allerdings wurden in fast allen Altersgruppen am häufigsten Influenzaviren nachgewiesen, besonders betroffen sind dem RKI zufolge Kinder.

    Etwa 30 Prozent der kleinen Patientinnen und Patienten, die derzeit zu ihm kämen, hätten die Grippe, berichtet Kinderarzt Voigt. Die Symptome seien typisch: "Wir haben immer diesen sehr schnellen Anstieg des Fiebers, massive Gliederschmerzen, eine starke Apathie, die Kinder liegen nur noch rum. Dann fangen sie an zu husten. Und im schlimmsten Fall kommen noch Komplikationen hinzu." Das große Problem dabei sei: "Wir haben kaum mehr Krankenhausbetten, etwa für Kinder, die schwere Fieberkrämpfe bekommen. Und wir haben auch keine Antibiotika, um Folgeerkrankungen wie eine Lungen- oder Mittelohrentzündung zu behandeln." Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt es aktuell Lieferengpässe für fast 500 Präparate – darunter neben diversen Antibiotika auch Schmerzmittel oder Krebsmedikamente. 

    Virologin gegen allgemeine Grippe-Impfempfehlung für Kinder

    Als die Grippewelle Anfang Januar Fahrt aufgenommen hatte, sprach sich der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte für eine Grippeimpfung für alle Kinder aus. Die Ständige Impfkommission (Stiko) indes rät bisher nur Kindern mit Risikofaktoren, etwa chronischen Krankheiten, dazu. Immunologe Prof. Dr. Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing unterstützt den Standpunkt der Stiko. "Der Influenza-Verlauf ist ja bei den meisten Kindern eher milde, und ein paar Nebenwirkungen gibt es dann doch bei der Impfung, etwa Fieber." Insofern müsse gerade bei Kindern die Nutzen-Risiko-Abwägung sehr strikt erfolgen, bevor eine allgemeine Impfempfehlung abgegeben werde, sagt Wendtner gegenüber unserer Redaktion. Die Münchner Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer könnte sich indes eher einen Kompromiss vorstellen. "Eine Influenza-Impfung für alle Kinder halte ich nicht für sinnvoll. Allerdings ist die Stiko im internationalen Vergleich schon sehr restriktiv mit ihrer Empfehlung", sagt die Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität und am Helmholtz Zentrum München und verweist aufs Ausland: "Andere Länder wie die USA oder Australien empfehlen die Impfung durchaus zwischen sechs Monaten und fünf Jahren."

    Kinderarzt Voigt spricht sich wie sein Berufsverband für eine allgemeine Impfempfehlung aus. Denn es gebe ein ganz grundsätzliches Dilemma: "Wir haben mit der Grippe einen sehr starken Gegner, der jedes Jahr in einer anderen Form daherkommt. Wir haben zudem eine schlechte Impfquote und noch dazu einen nicht gerade starken Impfstoff." Wenn man jetzt nur die chronisch kranken Patienten impfe, reiche das nicht. "Die Grippe wird durch die Bevölkerung durchrauschen." Und Risikopatienten, die etwa gerade eine Chemotherapie machen, einen Immundefekt haben oder an einer Autoimmunerkrankung leiden, würden mit voller Wucht getroffen. 

    Influenza-Viren verändern sich ständig

    Wenn der Mediziner von einem "nicht gerade starken Impfstoff" spricht, dann greift er damit eine Debatte auf, die schon lange schwelt und die sich im Kern darum dreht, warum der Grippe-Impfstoff, verglichen mit anderen Vakzinen wie etwa gegen Tetanus, so unzuverlässig schützt. Vereinfach ausgedrückt verhält es sich so: Der Impfstoff, dessen Zusammensetzung jedes Jahr aufs Neue festgelegt wird, enthält Bestandteile jener Varianten, die am wahrscheinlichsten in der kommenden Saison das Infektionsgeschehen dominieren werden. Die Wirksamkeit kann deswegen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich ausfallen. In den Saisons 2010/11 bis 2019/20 lag sie dem RKI zufolge jeweils zwischen 20 und 60 Prozent.

    Eine Infektion gänzlich zu vermeiden, darauf komme es nicht in erster Linie an, sagt Kinderarzt Voigt. "Alle Kinder, die von uns geimpft worden sind, kommen ohne Probleme durch die Saison. Diese Kinder können schon an Grippe erkranken, aber eben längst nicht so heftig." Ziel sei es, "dass man eben den Verlauf dämpft und dass sich keine Komplikationen entwickeln."

    Grippe: Impfquote in Bayern ist enorm niedrig

    In Bayern ist die Grippe-Impfquote enorm niedrig. In der Saison 2022/2023 ließen sich nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) nur rund 32 Prozent der bayerischen TK-Versicherten ab 60 Jahren – für diese Altersgruppe gibt es eine Stiko-Empfehlung – gegen Influenza impfen. Nach Baden-Württemberg, mit rund 30 Prozent Impfquote bei den über 60-Jährigen, ist das die niedrigste Rate unter allen Bundesländern.

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