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Interview
14.06.2022

Direktor des Deutschen Museums: "Repariere Toilettenspülung selbst"

Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums, mit einem Bioreaktor der Firma Biontech, mit dem der Covid-Impfstoff produziert wird.
Foto: Hubert Czech, Deutsches Museum

Wolfgang Heckl ist Uni-Professor, Buchautor und Generaldirektor des Deutschen Museums. Ein Gespräch über handwerkliche Fähigkeiten und eine immer teurer werdende Sanierung.

Herr Professor Heckl, Sie sind Generaldirektor des Deutschen Museums, Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftskommunikation und Physik der Technischen Universität München, und Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Die Welt der Technik in 100 Objekten“ veröffentlicht. Wie schaffen Sie das? Ist der Posten des Generaldirektors womöglich ein Ehrenamt, wenn Sie gleichzeitig noch aktiv als Professor tätig sind?

Wolfgang Heckl: Nein, durchaus nicht. Die Direktoren des Deutschen Museums waren immer auch forschend tätig, denn das Deutsche Museum ist nicht nur ein Museum, sondern auch eine akademische und eine Forschungseinrichtung. Darum halte ich auch Vorlesungen. Als Professor habe ich überdies ein reduziertes Stundendeputat, um meinen Aufgaben als Generaldirektor nachzukommen. Und zudem habe ich sehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Sie haben sich für die Kostensteigerung bei der seit Jahren laufenden Generalsanierung des Deutschen Museums viel Kritik anhören müssen. Die 2010 veranschlagten 445 Millionen Euro stiegen 2019 – also noch vor der Corona-Krise – auf fast 600 Millionen Euro. Wo stehen Sie jetzt?

Heckl: Insgesamt liegen wir nun bei 750 Millionen Euro. Das hat aber auch etwas mit dem mehr als 70.000 Quadratmeter großen Gebäude zu tun, mit der langen Bauzeit und mit den zuletzt dramatischen Kostensteigerungen im Bau, die nicht vorhersehbar waren. Und mit den speziellen Problemen, die unser denkmalgeschützter, 100 Jahre alter Bau mit sich bringt. Das sind übrigens keine reinen Baukosten, sondern sie schließen viel mehr ein: die Kosten für Entwicklung der neuen Ausstellungen, die Depotmieten, die Digitalisierungsmaßnahmen. Alles sehr wichtige Dinge, ohne die unser Museum nicht überlebensfähig ist.

Wer übernimmt denn diese Kosten? Da das Museum sich als Anstalt des öffentlichen Rechts ja quasi selbst gehört, müssen Sie ja sozusagen betteln gehen. Bei wem insbesondere?

Heckl: Dadurch, dass das Museum tatsächlich weder dem Freistaat noch dem Bund gehört, bin ich in der Tat gezwungen, Bund und Freistaat zu bitten, den Großteil der Kosten zu übernehmen. Aber das machen sie auch und tragen einen sehr großen Teil der Kosten. Von den 750 Millionen haben Bund und Freistaat jeweils 330 Millionen Euro beigesteuert, der Rest sind Spenden und Eigenmittel des Deutschen Museums.

Wann wird die Sanierung beendet sein?

Heckl: Im Jahr 2028 – pünktlich zur 125-Jahr-Feier des Deutschen Museums.

Es gibt ja eine Zweigstelle in Franken: das Nürnberger Zukunftsmuseum. Der Oberste Bayerische Rechnungshof hat erst jüngst kritisiert, dass dessen Miete – 2,9 Millionen Euro pro Jahr – zu teuer sei, zu „vermieterfreundlich“. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Heckl: Das weise ich zurück. Wir haben hart verhandelt. Von mehr als 40 Euro pro Quadratmeter auf 38,12 Euro. Mehr war nicht drin, sonst hätten wir diese Sonderimmobilie halt nicht bekommen. Die Umgebungsmieten liegen übrigens teils bei 50 Euro und mehr. Das Museum hätte auch nicht in den ersten sechs Monaten trotz Corona schon 60.000 Besucher gehabt, wenn es nicht so einen zentralen Standort hätte.

Das Deutsche Museum ist das größte Technikmuseum der Welt. Und nach wie vor das Museum in Deutschland, das am meisten Besucherinnen und Besucher anzieht. Vor Corona waren es 1,5 Millionen pro Jahr. Wie ist die Lage derzeit?

Heckl: Wir hatten während der Pandemie bis zu 60 Prozent Einbrüche bei den Besucherzahlen. Wir denken, dass wir heuer wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückkommen können. Die teuerste Eintrittskarte kostet bei uns 14 Euro, aber durch ein umfangreiches Ermäßigungsschema kommt eine Karte bei uns im Mittel auf sieben bis acht Euro. Durch Eigeneinnahmen erwirtschaften wir pro Jahr zehn Millionen Euro – ein Viertel des Haushalts. Das ist im Vergleich mit anderen Museen sehr viel.

Sie haben ein Abitur mit einem Schnitt von 0,8 gemacht. Welches Fach konnten Sie gar nicht leiden?

Heckl: Keines, selbst Sport habe ich gemocht. Ich hatte Mathematik und Physik als Leistungskurse. Und als drittes und viertes Abiturfach Französisch und Religion. Aber ich mochte alle Fächer.

Waren Sie ein Streber?

Heckl: Da will ich mit dem bekannten Moderator Frank Elstner antworten, den ich schon lange kenne und schätze: „Wie wird man erfolgreich im Leben? Durch Talent, das einem gegeben wurde, Fleiß, Glück – und die Bescheidenheit zu wissen, dass es immer andere gibt, die noch viel besser sind als man selbst.“

Was war das Motiv für Sie, nun das Buch zu schreiben?

Heckl: Wir haben mehr als 100.000 Objekte in unserer Sammlung. Wir haben uns gesagt: Wir müssen unsere Highlights darstellen und als Geschichten erzählen. Ich bin ja auch nur ein Mitautor des Buches. Wir waren insgesamt 68 Autorinnen und Autoren.

Was sind Ihre drei Lieblingsobjekte?

Heckl: Das Rastertunnelmikroskop, weil es meine akademische Laufbahn als Biophysiker ermöglichte und man die Welt der Atome erblicken kann. Dann das Spektroskop, das Joseph von Fraunhofer, der Begründer der Astrophysik, erfunden hat. Und als drittes Objekt, weil so genial: der Fischerdübel.

Sie sind ein unermüdlicher Schreiber, haben über 350 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. 2013 machten Sie sich mit ihrem Buch „Die Kultur der Reparatur“ für das Reparieren als Ausweg aus der Wegwerfgesellschaft stark. Reparieren Sie eigentlich immer noch Fernseher in Ihrer Freizeit?

Heckl: Fernseher derzeit weniger, aber jüngst erst habe ich Kabel auf dem Dach verlegen und einen Empfangsverstärker anbringen müssen, weil die Verbindung für die Mobiltelefone nicht gut genug war in unserer Wohnung. Das hat mir meine Frau angeschafft. Ich repariere, wenn es geht, alles selbst. Auch unsere Toilettenspülung.

Sie haben im oberbayerischen Farchant ein Repaircafé eröffnet. Gibt es das noch? Wieso eigentlich in Farchant?

Heckl: Weil wir in der Nähe von Farchant wohnen. Inzwischen gibt es aber insgesamt rund 900 Repaircafés, von denen ich einige als Grußonkel eröffnen darf. Zuletzt in Geretsried.

Welches Projekt streben Sie als Nächstes an? Sie sind 63. Den Ruhestand?

Heckl: Das jetzt veröffentlichte Buch beleuchtet ja vor allem Objekte aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ich würde darum gern noch eine „Neue Welt der Technik“ schreiben. Außerdem bin ich hier im Museum noch lange nicht fertig. Als Professor habe ich das Privileg, über die übliche Altersgrenze hinaus arbeiten zu dürfen. Nein, ich plane noch keinen Ruhestand. Interview: Markus Bär

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14.06.2022

Prof. Dr. Wolfgang Heckl muss also buchstäblich betteln gehen, um die Sanierung des Deutschen Museums in München hinzubekommen. Das ist sehr bedauerlich angesichts der Unsummen, die jährlich in unserem Land für bildungsferne "Vergnügungen" wie beispielsweise Motorsport und Profifußball versaubeutelt werden. Hier sollte man Wege finden können, die obszönen Gehälter der Herren Fußballstars und Rennfahrer zu deckeln und die "Übergewinne" für Bildungseinrichtungen wie das Deutsche Museum abzuschöpfen. Herr Heckl sollte außerdem aus gegebenem Anlass daran denken, die notorischen Protagonisten der sog. Maskendeals um Geld anzubetteln, nämlich Frau Tandler und die Herren Sauter, Nüsslein et alii ... aber nicht ohne alsbald publik zu machen, wie diese Herrschaften auf das Anbetteln reagiert haben!

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