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Interview
15.03.2022

Schauspielerin Michaela May: "Ich hatte so einen Hunger nach Leben"

In ihrer Autobiografie „Hinter dem Lächeln“ blickt die Schauspielerin Michaela May auf einen düsteren Teil ihrer Familiengeschichte.
Foto: Matthias Balk, dpa

Michaela May spricht über den Umgang mit den Suiziden ihrer drei Geschwister und ihre eigenen Ängste. Die Schauspielerin wird 70 Jahre alt.

Frau May, würden Sie sich als glücklichen Menschen bezeichnen?

Michaela May: Ja.

Ja, weil?

May: Weil es mir im Augenblick an nichts fehlt. Ich bin gesund, habe eine gesunde Familie, darf wieder Theater spielen. Dazu habe ich einen sehr erfüllenden Freundeskreis, eine große Liebe. Ah, die müsste eigentlich an den Anfang! Auch Geldnot habe ich nicht. Es gibt also nichts, was mir zum Glück fehlen würde.

Man nahm Sie in der Tat in all den Jahrzehnten als reflektierte, aber im Grunde fröhliche Schauspielerin wahr. Umso überraschender ist es, dass in Ihrer Autobiografie „Hinter dem Lächeln“ ein düsteres Thema zum Vorschein kommt. Nach 40 Jahren erzählen Sie erstmals, dass Ihre drei Geschwister alle freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Gab es dazu einen besonderen Anlass?

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May: Es hängt mit dem Tod meiner Mutter zusammen. Ich wollte nochmals nachsehen, was wirklich war. Mein Bruder hatte mir Kisten mit Tagebüchern hinterlassen. Die habe ich tatsächlich nach 40 Jahren geöffnet, auch weil meine Mutter wollte, dass das Thema ruht. Jetzt habe ich die ganze Kindheit Revue passieren lassen. Ich habe nachgeforscht, warum das alles passiert ist.

Was haben Sie gefunden?

May: Ich habe keine Antworten gefunden. Aber ich weiß nun, was mich davor bewahrt hat, damals in Selbstmitleid zu zerfließen und Depressionen zu verfallen. Wie es kam, dass ich mir so viel Freude und Lebenslust erhalten konnte. Und ich dachte, das könnte auch für eine Autobiografie interessant sein. Denn ich wollte nicht wie viele andere nur Histörchen aus dem Leben einer Schauspielerin anbieten. Ich wollte aber auch auf keinen Fall sensationslüstern daherkommen. Darum habe ich auch mit meiner Kollegin Adele Neuhauser über diese Idee zu einer Biografie gesprochen. Sie, die auch selbst schon über eigene Suizidgedanken geschrieben hat, hat mir zugeraten. Denn es könne Leuten Mut machen, die in einer solchen Situation sind, wenn sie sehen, dass es andere auch geschafft haben, darüber hinwegzukommen. Das war für mich ein Ansporn zu beschreiben, dass man auch mit einem schweren Rucksack wieder Leichtigkeit und Freude empfinden kann.

Drei Ihrer Geschwister sind freiwillig aus dem Leben geschieden. Sie haben geschrieben: Glücklich sei die Kindheit für alle gewesen. Wie kann denn dann so etwas passieren?

May: Ich weiß es nicht. Ich kann jedenfalls kein Schuldgefühl entwickeln für etwas, was meine Eltern vielleicht falsch gemacht haben könnten. Aber ich habe wirklich keine Ahnung. Wir hatten im Grunde eine schöne Kindheit. Im Buch sind auch viele Bilder aus der Zeit, die das belegen. Es war aber eine Zeit, in der man mit Psychologie und Psychotherapie noch lange nicht so weit war wie heute. Einer meiner Brüder ist zur Eröffnung des Max-Plack-Instituts einer der ersten Patienten gewesen. Aber ich war damals noch so jung, dass ich von all dem noch keine Ahnung gehabt. Ich habe nur mitbekommen, dass meine Brüder, jeder auf seine Art, etwas seltsam waren. Damals hat man nur gesagt, sie seien nervenkrank. Auch meine Eltern standen ja ratlos da.

Hatten Sie nach all den Erfahrungen selbst Angst, dass auch Sie eine Form des Schwermuts heimsucht, der einen in scheinbar ausweglose Situationen treibt?

May: Nein, nie. Es kam immer nur von außen, dass mir Leute sagten: Du machst das aber nicht! Doch die Gefahr bestand nicht. Ich hatte so einen Hunger nach Leben, dass ich mir sagte, ich muss alles ausnützen und machen, was ich vorhabe, weil mich das Schicksal vielleicht auf eine andere Weise treffen könnte.

Wie meinen Sie das?

May: Nachdem ich selber nie an mich Hand anlegen würde, dachte ich, vielleicht trifft es mich von außen, durch Naturgewalten beispielsweise. Blitze, Lawinen, Überschwemmungen, Orkane – all das, wogegen man nichts machen kann. Das hat sich im Laufe der Jahre jedoch gebessert. Aber vor Blitzen und Gewittern flüchte ich immer noch ein wenig panisch.

Welche Rolle hat die Arbeit als Schauspielerin bei der Bewältigung dieser Krisen gespielt?

May: Sicher eine ganz große. Andere Leben zu spielen, rauszukommen aus der düsteren Stimmung von Verlust und Tod. Der Schauspielberuf war eine starke Hilfe. Für mich galt da das Motto: Lass die Vergangenheit weg und stürze dich in deine aktuelle Aufgabe.

Kommen wir zu einem positiven Aspekt Ihres Lebens, Ihrem Karrierebooster, wie man heute sagen würde. Sie haben mal gesagt, Sie könnten die Dialoge aus den Münchner Geschichten noch auswendig. Wie kann man diese Zeilen nach fast 50 Jahren noch auswendig können? Haben Sie alle Ihre Texte noch präsent?

May: Nein, aber alle Dietl-Texte, auch die aus Kir Royal, die kann ich immer noch. Der Dietl war einfach genial und ein genauer Beobachter, der alles sprachlich sehr gut umsetzen konnte. Das ist wie bei Valentin oder bei Polt, bei denen man auch bestimmte Passagen auswendig behält, weil sie so treffend sind.

Wie viel Ihrer Karriere haben Sie Helmut Dietl zu verdanken?

May: Viel, weil ich mich nach dem großen Erfolg der Münchner Geschichten entschieden habe, ganz auf die Karte Schauspielerin zu setzen und meinen Job als Kindergärtnerin zu beenden.

Sie haben auch in internationalen Produktionen mitgespielt. Woran liegt es, dass Sie vor allem mit bayerischen Serien wie „Münchner Geschichten“, „Kir Royal“ oder „Irgendwie und Sowieso“ im Gedächtnis haften bleiben?

May: Das müssen Sie beantworten! Vielleicht, weil diese Serien ganze Generationen von jungen Leuten geprägt haben. Das war erstmals, dass das Fernsehen die bayerische Jugend so gezeigt hat.

Sie heißen bürgerlich ja eigentlich Gertraud Mittermayr. Den Namen Michaela May haben Sie auch wegen der bekannten Skifahrerinnen Rosi, Evi und Heidi Mittermaier ändern lassen, weil es zu keinen Verwechslungen kommen sollte ...

May: Ja, meine Agentur sagte, der Name Mittermayr sei auch zu lang für Filmplakate. Er klinge außerdem sehr bairisch und das Mayr ohne e sei auch schwer zu sprechen. Manche haben mich zudem gefragt: Are you skiing? Es gab also schon eine Verwechslungsgefahr. Bei der Produktion von „Jerry Cotton“ habe ich dann erstmals unter May gearbeitet. Ich habe das zu dieser Zeit relativ unreflektiert hingenommen. Aber ich legte Wert darauf, auch meinen Vornamen zu ändern.

Warum?

May: Gertraud hat mir noch nie gefallen und gefällt mir auch heute noch nicht. Michaela wiederum war damals mein Lieblingsname. Heute würde ich vielleicht Franziska wählen. So hieß meine Großmutter. Inzwischen sind diese alten Namen ja wieder in Mode.

Sie sind aber mit Michaela May immer gut gefahren, oder?

May: Ja, das habe ich nie bereut. Meine Freunde von früher nennen mich allerdings immer noch Traudi.

In Ihren frühen Berufsjahren hat Ihnen Ihre Agentin geraten, sich wegen eines kleinen Hubbels an der Nase operieren zu lassen. Haben Sie aber nicht gemacht. Warum?

May: Unter anderem, weil Leute wie Dietl gesagt haben: ,Spinnst du? Du bist du kein Model. Du bist wie du bist!“ Ich habe mich dann auch informiert, wie so ein Eingriff funktioniert hätte. Da wäre geschnitten worden und die Nasenflügel auftrennt und hochgeklappt worden. Daraufhin habe ich es gelassen und dachte mir: Wenn es nicht ohne die OP geht, dann mache ich halt doch wieder Kindergärtnerin.

Sie werden diese Woche 70 Jahre alt. Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

May: Ich fahre mit meinem Mann dahin, wo ich besonders gerne bin: nach Italien. Ich will eine Woche in Sizilien verbringen, weil ich da noch nie war. Ich betrete also Neuland an meinem Geburtstag. Die Gerüche, der Wein, das Wasser – schau mer mal!

Zur Person: Michaela May wurde am 18. März 1952 in München als Gertraud Elisabeth Berta Franziska Mittermayr geboren. Sie hat zwei Töchter und ist seit 2006 in zweiter Ehe mit dem Regisseur Bernd Schadewald verheiratet.

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