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Kommentar: Wie veraltet kann ein Frauenbild sein, Frau Scharf?

Kommentar

Wie veraltet kann ein Frauenbild sein, Frau Scharf?

Christina Heller-Beschnitt
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    Ulrike Scharf (CSU), Staatsministerin für Soziales, nimmt an einer Sitzung des Landtags teil.
    Ulrike Scharf (CSU), Staatsministerin für Soziales, nimmt an einer Sitzung des Landtags teil. Foto: Peter Kneffel, dpa

    Mütter müssen für alles herhalten – seit Kurzem als Grund, warum Bayern die Ladenöffnungszeiten nicht verlängert. Eines vorab: Darüber, wann Geschäfte schließen, lässt sich trefflich streiten. Es gibt gute Gründe für und gegen längere Öffnungszeiten. Was in dieser Diskussion nicht geht, ist eine Äußerung der bayerischen Familienministerin Ulrike Scharf (CSU), die auch die Fachbereiche Arbeit und Soziales betreut. Scharf ist gegen längere Öffnungszeiten. Warum? Das begründet sie im Gespräch mit unserer Redaktion unter anderem so: „90 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel sind Frauen. Wenn die Mütter erst nachts um elf Uhr von der Arbeit heimkommen, ist das nicht im Sinne der Familien.“ 

    An dieser Aussage ist so vieles unverständlich und veraltet. Beginnen wir bei den Fakten. 90 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel sind Frauen, sagt Scharf. Nun ja: Laut Handelsverband arbeiten 3,1 Millionen Menschen in Deutschland im Handel. Zwei Drittel davon sind Frauen. Die Mehrheit, ja, aber deutlich weniger als 90 Prozent. Das allein ist nicht das Problematischste an Scharfs Aussage. Sie geht völlig an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei. 

    In Familien gibt es auch Väter – und viele wollen sich um ihre Kinder kümmern

    Zum einen sind nicht alle Frauen Mütter. Es gibt Frauen, die keine Kinder haben und arbeiten. Schon die Schlussfolgerung vom ersten zum zweiten Satz ist lückenhaft. Das noch größere Problem: In den Augen der bayerischen Familienministerin ist es offenbar die Aufgabe der Mütter, sich um die Familien zu kümmern. Es mag unvorstellbar klingen, doch in Familien gibt es auch Väter. Jetzt kommt der Hammer: Diese Väter können für ihre Kinder da sein, wenn die Mütter arbeiten. Auch abends. Sie können sie sogar nachts versorgen. Sie können kochen, die Kinder baden, sie ins Bett bringen, sogar aufräumen. Und – das muss jetzt schockierend sein für die CSU-Frau – viele wollen das sogar. 

    Mit solchen Aussagen zementiert Scharf ein veraltetes Rollenbild: Die Frau kümmert sich um die Familie, der Mann ums Geld. Wenn Frauen schon arbeiten, dann bitte nur bis mittags. Sollte die Frau nicht da sein, tritt unverzüglich die vollständige Verwahrlosung der Familie ein. Wie realitätsfern. 

    Es gibt Frauen, die sogar absichtlich abends oder nachts arbeiten, damit sie tagsüber für ihre Kinder da sind. Es gibt Familien, die sich gar nichts anderes leisten können als zwei schichtarbeitende Elternteile. Will Scharf für die keine Politik machen? Und was ist eigentlich mit Alleinerziehenden? Kurze Randnotiz: Auch abwesende Väter haben einen prägenden Einfluss auf ihre Kinder.

    80 Prozent der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen – und die müssen im Schichtdienst arbeiten

    Kommen wir zum nächsten Problem. Es gibt tatsächlich Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, und das gezwungenermaßen abends oder nachts: Pflegeberufe. Jedes Altenheim oder Krankenhaus ist rund um die Uhr besetzt – und in diesen Branchen ist die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten Frauen. 80 Prozent nämlich. Doch die muss die CSU anscheinend nicht schützen. Oder was ist mit Ärztinnen und Polizistinnen? 

    Viertens noch eine unbequeme Wahrheit: Die meisten Mütter, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, kommen im Lauf des Tages nach Hause. Doch die Arbeit hört für sie dann nicht auf. Dann beginnt das, was Sorgearbeit heißt. Eine Leistung, die leider – auch das zeigt Scharfs Äußerung – als selbstverständlich hingenommen wird und unsichtbar ist. Dass Mütter auch nach 23 Uhr arbeiten, nämlich aufräumen, die Wäsche machen, vorkochen oder Geschenke einpacken, ist gar nicht mal so selten. Aber dass sie das machen – und oft auch noch allein –, ist wahrscheinlich im Sinne der Familie? 

    Beim Thema Vereinbarkeit muss sich wirklich etwas tun – Mütter sind nicht nur ein Alibi, wenn es gerade passt

    Mit viel gutem Willen lässt sich aus Scharfs Aussage etwas Positives herauslesen: Nämlich, dass es für Familien in Bayern eine enorme Belastungsprobe ist, zwei arbeitende Elternteile zu haben. Aber das liegt nicht daran, dass die Mütter arbeiten oder abends nicht zu Hause sind. Das liegt daran, dass gute Betreuungsmöglichkeiten fehlen, das System kurz vor dem Kollaps steht. Es liegt daran, dass Familienfreundlichkeit als Thema für Unternehmen nicht ernst genug genommen wird. Und es liegt an der Denkweise der Staatsregierung, die sich in Scharfs Zitat offenbart. Sie wollen Mütter und Familien schützen, Frau Scharf? Dann packen Sie diese Themen an und nehmen Sie nicht Mütter als Alibi-Argument in den Blick, weil Sie längere Ladenöffnungszeiten ablehnen.

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