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Krebserkrankung führt Autorin Carmen Rohrbach zur Suche nach Liebe

Neuer Roman

Carmen Rohrbach: „Die Krebserkrankung hat mich meine Einsamkeit erkennen lassen“

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    Für gewöhnlich erzählt Carmen Rohrbach in Reisebüchern von ihren Expeditionen. In ihrem neuen Roman wählt sie ein sehr persönliches Thema: ihre Brustkrebserkrankung.
    Für gewöhnlich erzählt Carmen Rohrbach in Reisebüchern von ihren Expeditionen. In ihrem neuen Roman wählt sie ein sehr persönliches Thema: ihre Brustkrebserkrankung. Foto: Marcus Merk

    Zum Optimismus fehlt Carmen Rohrbach die Veranlagung. Das sagt sie selbst. Als sie einen Knoten in der Brust bemerkt, geht sie folglich vom Schlimmsten aus. Sie denkt, dass der Brustkrebs das Ende ihres Lebens besiegeln wird. Dass er gestreut hat. Dass sie das besser hinnimmt. Negatives zu erwarten, hat ihr in ihrem Leben oft geholfen, die Erwartungen niedrig zu halten und pragmatisch zu reagieren.

    Heute sitzt Carmen Rohrbach in schwarzem Wollkleid in ihrem Arbeitszimmer in Adelsried, umgeben von Regalen voller Reisebücher. Eben hat ihr Mann Helmut frischen Kaffee in der French Press gebracht. Mit beidem hatte sie nicht gerechnet: mit einem Leben nach dem Krebs und mit der späten Liebe. In der Tasse verrührt sie eilig den Zucker.

    Carmen Rohrbach glaubt nicht an Schicksal oder Gott

    Der Spiegel nannte Rohrbach einmal „Deutschlands produktivste Reisebuchautorin“. Zu Pferd durch die Mongolei, auf Karawanenwegen im Jemen, in der Blockhütte in Kanada, immer ist sie allein unterwegs, oft schreibt sie über ihre Expeditionen. Die Diagnose erhält sie in diesem Alltag aus Abenteuern und Lesungen. Mit dem Krebs bröckelt ihr Selbstbild als unerschrockene Weltenbummlerin und katapultiert sie aus der gesunden Welt. Stark spürt sie die Trennung, keine Brücken zwischen diesen Welten. „Ich dachte mir, jetzt bist du auf der anderen Seite“, sagt sie.

    Rohrbach nimmt ihre Krankheit an. Sie fragt sich nicht, warum der Krebs ausgerechnet sie heimgesucht hat. Warum auch? Die Beine übereinandergeschlagen, die Hände auf den Knien, denkt sie kurz nach. „Ich bin nicht schicksalsgläubig und an ein höheres Wesen glaube ich auch nicht. Wem sollte ich so eine Frage stellen?“, sagt sie. Rohrbach ist Biologin, und sie ist ein Kind der DDR. Ihre Haltung: kein Gott, der leitet und lenkt, nur Menschen, die ihre Zukunft selbst gestalten. Eine Krankheit wie Krebs ist da ein Zufall in der Weltgeschichte. Und trotzdem sagt sie: Ihre naturwissenschaftliche Haltung hat sie nicht vor Verzweiflung bewahrt.  

    Reiseautorin Carmen Rohrbach allein gegen den Krebs

    Nach außen lässt sich Rohrbach davon nichts anmerken. Sie beschließt, allein gegen den Krebs anzutreten. Sie hegt doch Hoffnung, am Leben zu bleiben – auch wenn sie sich das nie eingestanden hätte. Also fährt sie ins Krankenhaus, absolviert Untersuchungen, Bestrahlungen, Operationen, stets allein. Nur ihre Mutter und ihr Bruder erfahren später davon. Mit schwindender Kraft und blonder Perücke reist sie durch Deutschland, nimmt Lesungen wahr und an Gesprächen teil.

    „Vielleicht hatte ich Angst vor der Fürsorge und davor, dass Leute ständig Suppe vorbeibringen.“

    Carmen Rohrbach

    Heute sagt sie: Die Krankheit für sich zu behalten, war Selbstschutz. „Ich wollte nicht angesprochen werden. Vielleicht hatte ich Angst vor der Fürsorge und davor, dass Leute ständig Suppe vorbeibringen.“ Sie lacht verlegen. Außerdem ist da niemand, dem sie sich hätte anvertrauen wollen. Einen Helmut mit seiner French Press gibt es damals noch nicht in ihrem Leben. Einer engen Freundin möchte sie sich nicht zumuten, um sie nicht zu erschrecken. Und um nicht trösten zu müssen, denn die Kraft braucht sie für sich selbst.

    Anerkennung und Bewunderung erfährt Rohrbach, aber keine Liebe

    „Die Krebserkrankung hat mich meine Einsamkeit erkennen lassen“, sagt Rohrbach. Dabei ist ihr Leben zuvor geschäftig. Allein ist sie nicht, auf den Lesereisen sowieso, Freunde und Bekannte hat sie zuhauf, auch auf den Expeditionen begegnet sie stets Menschen. Aber die Begegnungen bleiben oberflächlich. Zu wenig Zeit, um intensiv in sich hineinzuhorchen. Erst, als sie krank wird und auf sich zurückgeworfen ist, fällt ihr die Leerstelle auf. Ihr Resümee: Anerkennung und Bewunderung erfährt sie. Aber die Liebe, die bleibt aus.

    Das Schreiben wird zum Gegenüber von Rohrbach. Wie in einem Reiseprotokoll hält sie fest, was während der Therapie geschieht, was in ihr vorgeht. Sie fühlt sich erinnert daran, als sie über die Ostsee aus der DDR fliehen wollte. 39 Stunden lang schwamm sie im Meer. „Wenn man im Wasser ist, sieht man nur das trübe Wasser um sich herum. Auch die Krankheit wirft einen auf sich selbst zurück.“

    Nach dem Krebs sucht Carmen Rohrbach die Liebe

    In ihren Protokollen ordnet Rohrbach Anekdoten und Erinnerungen. Ein Geliebter, der sich als Betrüger erweist. Die Sehnsucht als Kind, Forschungsreisende zu werden. Der Fluchtversuch in der Ostsee, wie sie aufgegriffen und zwei Jahre im Gefängnis Hoheneck eingesperrt wird. Freikauf und Ausreise in den Westen. Kein Abschied vom sterbenden Vater, weil sie nicht zu ihm in die DDR darf. Dazwischen dokumentiert sie die Chemotherapie, die ihre Haut dünn wie Pergamentpapier werden lässt, körperliche Schwäche, Trauer. Und Naturbeobachtungen: ein Kernbeißer am Fenster, Dohlen in der Luft, Krokusse im Schnee. Die Verbindung zur Natur bleibt bei Rohrbach aufrecht. Sich ihr zu widmen, führt davon weg, ständig in den eigenen Gefühlen zu rühren, sagt Rohrbach. Die Natur spendet ihr zuverlässig Trost.

    Carmen Rohrbach reiste stets allein – wie hier in der Mongolei. Fortan ist ihr Mann Helmut Kaiser mit dabei.
    Carmen Rohrbach reiste stets allein – wie hier in der Mongolei. Fortan ist ihr Mann Helmut Kaiser mit dabei. Foto: Carmen Rohrbach (Archivbild)

    Durch die Chemotherapie schrumpft der Tumor, das restliche Zellhäufchen schneiden die Ärzte aus dem Gewebe. Noch einmal Bestrahlung, Östrogene und Antikörper, danach steht fest: Rohrbach gilt als geheilt. Wie weitermachen? Einen Ort nach dem anderen bereisen, ein Buch nach dem anderen schreiben? Sie entscheidet sich, die Liebe zu suchen. Und findet sie dort, wo sie sie nicht vermutet hat. In einem Mann namens Helmut Kaiser, den sie über ein Dating-Portal kennenlernt. Helmut, der sie fortan bei ihren Lesungen begleitet, der sogar mit ihr gemeinsam auf Reisen geht. Und vor allem: Helmut, von Grund auf Optimist.  

    Aus den Protokollen ist ein Buch geworden. „Der Kernbeißer“ heißt Rohrbachs Roman, in dem sie sich mit ihrer Erkrankung, der Einsamkeit und der Liebe auseinandersetzt. Eine Botschaft an die Leser möchte sie in der Geschichte nicht sehen. „Das will ich mir nicht anmaßen“, sagt sie. Aber vielleicht könnte man es so sagen: Jeder Mensch müsse mit seinen Problemen umgehen. Und sie selbst gelte als ein Beispiel, wie sie das eben macht. Sie lächelt. Es klopft an der Tür des Arbeitszimmers. Helmut steckt den Kopf herein und fragt, ob er frischen Kaffee bringen soll.

    „Der Kernbeißer“ von Carmen Rohrbach, erschienen im Neissufer-Verlag, 18 Euro.

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