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Neue Spur nach tödlichem Brandanschlag in München: Maria, hilf den Mordfall zu lösen

Verbrechen

Neue Spur nach tödlichem Brandanschlag in München: Maria, hilf den Mordfall zu lösen

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    Die Blutenburger Madonna ist heute wieder an ihrem Platz. Sie hat den Diebstahl im Jahr 1971 fast unbeschadet überstanden.
    Die Blutenburger Madonna ist heute wieder an ihrem Platz. Sie hat den Diebstahl im Jahr 1971 fast unbeschadet überstanden. Foto: Kurt Weigl / Ralf Lienert

    Nur ein kleiner Splitter im Mantel der Madonna zeugt noch von einem der spektakulärsten Kirchendiebstähle der bayerischen Geschichte. Die Räuber waren rabiat. Ein Stück des rot bemalten, hölzernen Mantelsaums brach ab, als sie die Heiligenfigur von ihrem Sockel rissen.

    Wenn man genau hinsieht, erkennt man noch nach 55 Jahren den kleinen Bruch im Holz, das nachträglich wieder eingefügte Teilchen. Johann Wittmann leuchtet mit seiner starken Taschenlampe auf die Stelle, wie ein Polizeischeinwerfer durchschneidet das Licht den düsteren Innenraum der Schlosskapelle Blutenburg, die zum Münchner Stadtteil Obermenzing gehört. Draußen hat der Himmel alle Schleusen geöffnet.

    „Die Madonna ist erst durch den Diebstahl wirklich bekannt geworden“, sagt Wittmann, der als ehrenamtlicher Mitarbeiter der zuständigen Pfarrei Leiden Christi regelmäßig Interessierte durch die Kapelle führt. Und jetzt, mehr als fünf Jahrzehnte später, ist die Madonna allem Anschein nach der Schlüssel zur Lösung eines Falls, der zu den schwersten antisemitischen Verbrechen der Nachkriegszeit zählt.

    Zündete der Dieb das jüdische Wohnheim in der Reichenbachstraße an?

    Denn der Anführer der Ikonenräuber könnte sieben Menschen auf dem Gewissen haben: Bernd V., damals Mitte 20, ein Zahnarztsohn aus München. Er gilt seit Kurzem auch als Tatverdächtiger im Fall eines Brandanschlags auf das frühere jüdische Wohnheim in der Münchner Reichenbachstraße. Am 13. Februar 1970, knapp ein Jahr vor dem Madonnenraub, stand dort das ganze Haus in Flammen. Die Brandstiftung gilt bis heute als ungeklärt. Das könnte sich jetzt ändern.

    Johann Wittmann führt Interessierte durch die Blutenburger Schlosskapelle. Künstlerisch bedeutsamer als die gestohlene Madonna (links vom Hauptaltar) ist das Altarbild Jan Polacks, das die Krönung Mariens zeigt.
    Johann Wittmann führt Interessierte durch die Blutenburger Schlosskapelle. Künstlerisch bedeutsamer als die gestohlene Madonna (links vom Hauptaltar) ist das Altarbild Jan Polacks, das die Krönung Mariens zeigt. Foto: Sarah Ritschel

    Und die Akten zum Madonnendiebstahl von Blutenburg könnten entscheidende Hinweise liefern. Wer in alten Zeitungsberichten dazu blättert, merkt schnell, warum die Tat damals ganz Bayern in Atem hielt. Bis heute ist das Verschwinden der Blutenburger Madonna einer der kuriosesten Kriminalfälle, die je im Freistaat verhandelt wurden.

    Die Medien begleiten damals jede Wendung. Die filmreifen Lösegeldverhandlungen. Den Prozess, bei dem der damalige bayerische Schauspielstar Walter Sedlmayr als Drahtzieher beschuldigt wird. Das Urteil. Bernd. V geht für den Diebstahl und andere kleinere Vergehen sechseinhalb Jahre in Haft, seine beiden Komplizen werden zu niedrigeren Strafen verurteilt.

    Die Diebe nahmen an einer Kirchenführung teil

    Kirchenführer Johann Wittmann gehörte damals noch nicht zur Menzinger Kirchengemeinde, sondern lebte in einem anderen Stadtteil Münchens. Jetzt steht er im Altarraum der gotischen Schlosskapelle, hinter ihm auf einem Sockel an der Wand steht die Madonna. Die Hände hat sie zum Beten gefaltet, den Blick bescheiden auf einen unsichtbaren Zweiten gerichtet. Der 89-Jährige beginnt zu erzählen. „Die Diebe hatten damals an einer Führung durch die Schlosskapelle teilgenommen und dabei unbemerkt eine Fensterverriegelung geöffnet“, sagt Wittmann und deutet hinauf zu den Spitzbogenfenstern, deren Glasmalereien Szenen des Kreuzwegs zeigen. „Zwei Tage später stiegen zwei von ihnen in die Kirche ein.“

    Herzog Sigismund hatte die spätgotische Schlosskapelle zwischen 1488 und 1497 bauen lassen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss von Ordensfrauen verwaltet.
    Herzog Sigismund hatte die spätgotische Schlosskapelle zwischen 1488 und 1497 bauen lassen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss von Ordensfrauen verwaltet. Foto: Ralf Lienert

    Sie sind also zu dritt in jener Nacht. Während Bernd V. draußen vor der Kapelle wartet, holen seine beiden Mittäter die Madonnen-Statue von ihrem Sockel. 117 Zentimeter hoch ist sie und einen Zentner schwer, entstanden höchstwahrscheinlich um 1490 im Münchner Umfeld des damaligen Star-Bildhauers Erasmus Grasser. Das Diebestrio stiehlt außerdem zwei Engel, eine Christus-Halbfigur aus Lindenholz und eine weitere Marienhalbfigur mit Kind. Am kostbarsten ist aber die Madonna, Kunstexperten schätzen sie damals auf einen Wert von 500.000 Mark.

    „Das Trio musste bald einsehen, dass das Diebesgut im Kunsthandel wegen des Bekanntheitsgrades der Beute nicht absetzbar war“, erklärt Wittmann. Bernd V. entschließt sich, die Figur über einen Mittelsmann dem Bischöflichen Ordinariat und der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung zum Rückkauf anzubieten. Seine Identität fliegt auf.

    Die Übergabe scheitert an den Modalitäten, Bernd V. wird zeitgleich wegen eines anderen Delikts festgenommen. Zwei Monate nach dem Diebstahl erklärt er sich bereit, die Madonna zurückzugeben. Seine Verlobte fährt alleine in einem Wagen los, holt die Figur aus ihrem geheimen Versteck und bringt sie zu V.s Anwalt – eingehüllt in ein rotes Tuch. Die bayerischen Zeitungen jubeln: „Im roten Mantel kam die Blutenburger Madonna zurück“, titelt am 29. März 1971 unsere Redaktion.

    Plötzlich gerät Schauspieler Walter Sedlmayr ins Visier der Polizei

    Rund ein Jahr später beginnt der Prozess gegen Bernd V. und seine Komplizen – mit einer spektakulären Schlagzeile in unserer Zeitung: „Madonnendieb: Schauspieler Sedlmayr spielt die Hauptrolle“. Aus heiterem Himmel belastet der 27-jährige Angeklagte den beliebten Mimen Walter Sedlmayr, der damals an den Münchner Kammerspielen angestellt ist.

    Die beiden kennen sich offenbar vom Oktoberfest. Der kriminelle Zahnarztsohn sagt: Das „Verhältnis“ zwischen Sedlmayr und ihm sei der Grund für den Mariendiebstahl gewesen. Der Schauspieler, ein leidenschaftlicher Sammler von Heiligenfiguren, habe ihm gesagt, dass er die Madonna gern besitzen wolle und eine Belohnung von 20.000 Mark versprochen.

    Der Volksschauspieler Walter Sedlmayr 1989 vor seinem Münchner Wirtshaus. Eine Beteiligung am Madonnendiebstahl wurde nie nachgewiesen.
    Der Volksschauspieler Walter Sedlmayr 1989 vor seinem Münchner Wirtshaus. Eine Beteiligung am Madonnendiebstahl wurde nie nachgewiesen. Foto: Frank Mächler, dpa

    Der so beschuldigte Sedlmayr kommt gegen Kaution an einer Untersuchungshaft vorbei. Er bestreitet den Auftrag. Vielmehr habe seine Zufallsbekanntschaft von der Wiesn ein Päckchen zu ihm gebracht und ihn gebeten, es aufzubewahren. Was sich in dem Paket befand, habe er erst später erfahren. Eine Beteiligung am Madonnendiebstahl wird Sedlmayr nie nachgewiesen. Er stirbt am 14. Juli 1990 in München, aus Habgier ermordet von seinem Ziehsohn und dessen Halbbruder.

    Bernd V. berichtet damals vor dem Landgericht München I viel von seiner Kindheit. Im Alter von zwölf Jahren habe er von seinem Vater eine Pistole geschenkt bekommen, heißt es in einem Artikel aus dem Archiv unserer Redaktion. Er sei auch „weitgehend auf nationalsozialistische Ideen hin erzogen worden“. V.s Verteidiger fordert ein psychiatrisches Gutachten.

    Wörtlich heißt es in einem Prozessbericht: „Sein Mandant sei, so sagte der Verteidiger, (...) zur Abhängigkeit von Vateridolen erzogen worden und auch heute noch bereit, einem anerkannten Idol, selbst wenn es gesetzwidrig sei, zu folgen.“ Walter Sedlmayr sei so ein Idol gewesen. Das andere, so muss man nach den neuesten Erkenntnissen wohl ergänzen: Adolf Hitler.

     „Wenn ein gewisser Schwellenwert überschritten ist, dann entwickelt das Kriminelle in einer Person eine Eigendynamik.“

    Johann Wittmann, früherer Richter

    Im Altarraum der Schlosskapelle, während es draußen stürmt, kommt ein halbes Jahrhundert später Kirchenführer Johann Wittmann ins Nachdenken. „Wenn ein gewisser Schwellenwert überschritten ist, dann entwickelt das Kriminelle in einer Person eine Eigendynamik“, sagt der 89-Jährige. Er muss es wissen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Jurist war Wittmann sieben Jahre lang Präsident des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs.

    Die sechseinhalb Jahre Haft für den Diebstahl sitzt V. in Stadelheim ab. Nach Angaben des Spiegel, der als erstes Medium über den neuen Tatverdacht berichtete, stirbt der Zahnarztsohn im Juni 2020. Damals ist er Mitte 70. Nahm Bernd V. das Wissen um seine schlimmste Tat mit ins Grab? Lebte er 50 Jahre lang mit der Schuld, sieben Menschen getötet zu haben, indem er im Februar 1970 das jüdische Wohnheim in der Münchner Reichenbachstraße in Brand setzte?

    Bei dem Brandanschlag auf das Wohnheim der israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in München am 13. Februar 1970 sind sieben Menschen ums Leben gekommen.
    Bei dem Brandanschlag auf das Wohnheim der israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in München am 13. Februar 1970 sind sieben Menschen ums Leben gekommen. Foto: Joachim Barfknecht, dpa

    Fest steht, dass die Generalstaatsanwaltschaft im Fall des bis heute ungeklärten Angriffs seit etwa einem Jahr wieder ermittelt. Bis zu einem Ergebnis gilt für V. die Unschuldsvermutung. Andreas Franck, Oberstaatsanwalt und Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, bestätigte schon im September 2025 unserer Redaktion, dass ein neues Verfahren gegen Unbekannt wegen siebenfachen Mordes und 15-fachen versuchten Mordes eingeleitet wurde. Franck zufolge hat sich zuvor eine Privatperson mit einem neuen Hinweis an ihn gewandt.

    Nach Recherchen unserer Redaktion ist die Zeugin verwandt mit einem der Männer, der in den Siebzigerjahren Mitglied in Bernd V.s Einbrecherbande war. Ein Komplize aus dem Madonnentrio. Der Verwandte hatte offenbar innerhalb der Familie von einem Abend erzählt, an dem Bernd V. davon fantasiert habe, Juden anzuzünden. Vorher war der Bande der Einbruchsversuch bei einem Juwelier missglückt. Es war der Abend des Brandanschlags, das Schmuckgeschäft lag in unmittelbarer Nähe des jüdischen Wohnheims.

    Johann Wittmann vor dem Eingang zur gotischen Kapelle des Schlosses von Blutenburg.
    Johann Wittmann vor dem Eingang zur gotischen Kapelle des Schlosses von Blutenburg. Foto: Sarah Ritschel

    Bernd V., der von Zeitgenossen als „glühender Antisemit“ mit „Hitler-Tick“ beschrieben wurde, mag tot sein. Doch die Generalstaatsanwaltschaft durchforstet wieder die Akten zum Brand. Die Ermittler befragen wieder Zeugen. Über allem steht die Frage: Ist Bernd V. der Brandstifter, der in der Faschingswoche 1970 in das Wohnheim im Münchner Zentrum eindrang, einen Benzinkanister anzündete und den Fluchtweg für die Bewohnerinnen und Bewohner in ein Flammenmeer verwandelte?

    Sieben Jüdinnen und Juden starben damals: Kürschner Max Meir Blum, 71 Jahre alt, sprang aus Angst vor den Flammen in den Tod. Tapezierer Georg Eljakim Pfau, 63, starb mit seiner Frau Rosa Drucker, 60. Siegfried Offenbacher, 71, bemerkte nicht die Schreie und Sirenen, weil er taub war. Die 59-jährige Hutmacherin Regina Rivka Becher musste an diesem Abend ihr Leben lassen, auch Rentner Leopold Arie Leib Gimpel, 69. Koch David Jakubowicz, 59, sollte seine Heimat Israel nicht wiedersehen. Vor dem Anschlag saß er auf gepackten Koffern, um dorthin auszuwandern.

    Die Blutenburger Madonna ist zurückgekehrt. Sie steht seit Jahrzehnten wieder auf ihrem Podest im Altarraum der Schlosskapelle. Für die heutige Kirchengemeinde Leiden Christi mit ihren etwa 15.000 Mitgliedern spiele die Madonna als Einzelfigur keine besonders große Rolle, erklärt Kirchenführer Johann Wittmann. „Wesentlicher ist die spirituelle Ausstrahlung des Raums mit seiner mittelalterlichen Anmutung“, sagt der 89-Jährige. Ohne die Himmelskönigin wäre sie nicht komplett. Wittmann schaut ein letztes Mal hinauf zur Gottesmutter und geht dann hinaus in den Regen. Er holt seinen großen Kirchenschlüssel hervor und schließt die Kapelle ab. Für die Münchner Ermittler ist die Arbeit im besten Fall auch bald zu Ende gebracht. (Mitarbeit: Christine Kaiser)

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