In einer Zeit, in der die CSU noch alles für Bayern war, wurden Geschichten wie diese geschrieben. Die Geschichte von Hans Maier. Ein Denker, kein Stammtischpolitiker. Kein Bayer, anfangs nicht einmal CSU-Mitglied und trotzdem Minister in München. Einer, der gehört wurde, ohne sich eine Bühne zu suchen. Obwohl seine politische Karriere abrupt endete, prägte Hans Maier Bayern. Als Kultusminister, aber noch mehr als ein Mann, der bis ins hohe Alter versuchte, Menschen miteinander zu verbinden, anstatt zu polarisieren. Nun ist er gestorben, kurz nach seiner Frau, wenige Tage vor seinem 95. Geburtstag.
Mitten in der Revolte: Hans Maier stellt sich den Studenten
Ein alter Weggefährte erinnert sich an einen Schlüsselmoment. München, Ende der 60er Jahre. Die Studenten revoltieren. Zwei Männer, die später Freunde werden. Der eine, Theo Waigel, leitet ein Studentenheim. Der andere, Hans Maier, ist Professor für Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität. Der eine lädt den anderen zu einer Diskussion mit Studenten ein. Ausgang ungewiss. Die Stimmung ist aufgeheizt.
Maier besteht die Probe und stellt sich später sogar noch einem größeren Publikum wütender Studenten. „Da zeigte sich seine ganze intellektuelle Wucht, aber auch seine Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen“, erinnert sich Waigel. „Hans Maier war einer der wenigen von uns, die mit Linken und Anarchisten debattieren konnten. Er schaffte es, nicht ausgebuht, sondern sogar respektiert zu werden.“ Diese Gabe macht ihn interessant. Auch für andere.
1970 holt Ministerpräsident Alfons Goppel den Wissenschaftler direkt von der Uni ins Kabinett. Ein Wagnis. Maier ist noch keine 40, hat null politische Erfahrung, keinerlei Hausmacht in der CSU, nicht einmal ein Parteibuch. Als Minister für Unterricht und Kultus wird er eine Ära prägen, aber das weiß in diesem Moment ja noch niemand.
Franz Josef Strauß spürt, dass er Leute wie Hans Maier für die CSU braucht
Franz Josef Strauß ist es, der die Fäden im Hintergrund zieht. Der Parteichef spürt, dass er Leute wie Maier braucht, um die CSU für alle Bayern wählbar zu machen, obwohl die beiden kaum unterschiedlicher sein könnten. Der brachiale Machtmensch und der ruhige Intellektuelle. Aber die CSU konnte damals eben immer alles sein, notfalls auch das Gegenteil. Erst viele Jahre später werden die Gegensätze doch noch zum Bruch zwischen den beiden Männern führen.
Wer quer einsteigt, anstatt sich von unten nach oben zu arbeiten, läuft seltener Gefahr, die Politik für das Leben zu halten. So ist das jedenfalls bei Hans Maier. Sein Kraftquell ist nicht der Parteitag, nicht das Bierzelt. Er versinkt in Büchern, in der Musik, in der Familie mit Ehefrau Adelheid und den sechs Töchtern, im christlichen Glauben, er spielt leidenschaftlich Orgel in der Kirche. Seine Geschichte beginnt in Freiburg in den Trümmern des Krieges.
1944 überlebt er mit seiner Schwester nur knapp einen Luftangriff. Nach dem Abitur zieht es ihn hinaus, er studiert Geschichte, Germanistik, Romanistik und Philosophie. In Freiburg, aber auch in Paris und München.
Ende der 70er wird Maier Abgeordneter für den Wahlkreis Günzburg
Wer quer einsteigt, anstatt sich von unten nach oben zu arbeiten, bekommt es andererseits aber oft mit dem Neid derer zu tun, die den anderen Weg gegangen sind. Auch diese Seite erlebt Maier. Ende der 70er Jahre sucht die CSU einen Landtagskandidaten für den Wahlkreis Günzburg. Es geht um die Nachfolge des langjährigen Innenministers Bruno Merk. CSU-Kreisvorsitzender ist Theo Waigel – und der kommt auf eine unkonventionelle Idee. Maier, inzwischen Parteimitglied, aber immer noch ohne Landtagsmandat, soll in den Wahlkreis ziehen und antreten. „Die Situation war nicht einfach, nicht für ihn und nicht für mich, weil es viele andere Bewerber gab. Am Ende hat er die Menschen überzeugt, wie so oft in seinem Leben“, erinnert sich Waigel.
Die beiden werden ein Leben lang miteinander verbunden bleiben, politisch, aber auch menschlich. Als Waigels Tochter getauft wird, spielt Maier Orgel, was zu einer schönen Anekdote führt, an die sich Waigel bis heute gerne erinnert. „Nach dem Gottesdienst kommt jemand zu mir und sagt: Der Organist hat das gut gemacht, aus dem könnte noch was werden, wenn er dranbleibt“, erzählt er. „Dann musste ich ihm erklären, dass der Mann an der Orgel leider schon anderweitig gebraucht wird – als Kultusminister von Bayern.“
Maier macht sich zur Marke, neben Leuten wie Barbara Stamm und Alois Glück steht er für das Christlich-Soziale in der Union und nimmt sich die Freiheit, seine Meinung zu sagen. „Mir imponierte sein Mut, zu widersprechen. Egal, ob es um Politik, um Wissenschaft oder die Kirche ging“, sagt Waigel. Doch zur Wahrheit gehört: Maier machte sich damit mächtige Gegner. Immer stärker werden jetzt die Gegensätze zu Strauß sichtbar.
Der ist seit 1978 auch Ministerpräsident – und tut sich zunehmend schwer, andere Meinungen auszuhalten. Nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand lästert er über Maier, nennt ihn angeblich einen „arroganten Professor“. 1986 spaltet Strauß das Kultusministerium auf, trennt Unterricht und Kultus von Wissenschaft und Kunst. Ein bewusster Affront? So empfinden es viele. So empfindet es auch Maier und beendet seine politische Karriere. Mit gerade einmal 55 Jahren.
Nachzutreten ist nicht seine Art, aber den Mut zur eigenen Meinung nimmt er mit. In den 90ern legt er sich mit Kardinal Joseph Ratzinger an, als es um den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung geht – worauf der damalige Bischof von Regensburg ein Auftrittsverbot für Maier in kirchlichen Einrichtungen erlässt. Als Horst Seehofer den Streit mit Angela Merkel um die Flüchtlingspolitik eskalieren lässt, appelliert Maier öffentlich: „So kann man mit einer verdienten Politikerin nicht umgehen.“ Er tut es nicht wegen einer Schlagzeile, sondern weil er das Gefühl hat, nicht schweigen zu dürfen. Für Theo Waigel ist es dieser Satz seines Weggefährten, der dazu passt und ihn vielleicht am besten beschreibt: „Es gilt, den Mächtigen den notwendigen Widerspruch nicht zu versagen.“
Kultusministerin Stolz erinnert sich an Hans Maiers Rat
Hans Maiers Rat war vielen Gold wert, bis in die Gegenwart hinein. Wenn nicht laut kundgetan, dann im persönlichen Gespräch. Anna Stolz von den Freien Wählern, die siebte bayerische Kultusministerin nach Maier, erinnert sich gegenüber unserer Redaktion noch an seine Empfehlung, als sie ihn zu Beginn ihrer Amtszeit im Herbst 2023 gesprochen hatte: „Bleiben Sie sich selber treu und bleiben Sie authentisch“, habe er ihr damals eingeschärft. Das sei sein einziger Rat.
Bis ins hohe Alter sei ihr Vorgänger immer wieder Gast auf den Weihnachtsfeiern des Kultus- und Wissenschaftsministeriums gewesen. „Bei der letzten Weihnachtsfeier blieb der Platz von Hans Maier leer. Es ging ihm schon zu schlecht“, sagt Stolz. „Umso mehr denke ich seitdem an seine Worte zurück. An den Rat, der mich berührt hat und der mich bis heute begleitet.“ (mit sari)
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