Im Christlichen Integrationszentrum in der Beethovenstraße in Augsburg geht es in der Früh schon hoch her. Es ist Montag, der Wochenplan steht an, das Team aus zwanzig Personen diskutiert, verteilt Aufgaben. Zwölf Engagierte aus dem Bundesfreiwilligendienst sind darunter, koordiniert von der Vorsitzenden des Vereins, Irina Buchmüller.
Schon die Hintergründe der 80 Ehrenamtlichen machen klar, dass es hier nicht mehr nur um deutschstämmige Aussiedler geht. „Wir haben eine deutsch-spanische Jüdin, einen aserbaidschanischen Juden, Menschen aus der Ukraine, Usbekistan, Portugal, Rumänien, Nigeria, Bulgarien, Georgien, Kasachstan und Syrien“, zählt Buchmiller auf. Fachleute wie Steuerberater, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer arbeiten ehrenamtlich zu – Know-how, das für eine Sozialberatungsstelle wie das Christliche Integrationszentrum Gold wert ist. 3500 Personen würden derzeit erreicht, so Buchmüller, die für ihr bürgerschaftliches Engagement nun die Silberdistel unserer Zeitung erhält.
Sie lebte in einem unterirdischen Versteck, das ihr Opa gegraben hatte
Um Buchmüllers Lebensweg nachzuzeichnen, braucht man eine große Landkarte. Sie wurde 1959 in einer unterirdischen Wohnung in Omsk, Sibirien, geboren. Ihr Opa hatte sie gegraben – ein Versteck mit Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche. Er war vor dem Verfolgungsregime Stalins aus der Ukraine geflohen. Die Vorfahren ihres Opas und dessen jüdischer Frau stammten aus Schwaben, betrieben dort eine Mühle. Ende des 18. Jahrhunderts warb Zarin Katharina II. Familien aus deutschen Gebieten an, um die Steppen des russischen Reichs zu bewirtschaften. Drei Brüder der Buchmüller-Familie zogen nach Odessa, dann nach Mariupol. Mit Beginn der Stalin-Pogrome gegen Deutsche und Juden beschloss Buchmüllers Opa, nach Sibirien zu fliehen und das Versteck zu bauen.
Sie lernte zunächst Näherin, studierte dann BWL
Erst mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern in ein oberirdisch errichtetes Haus. Ihr Vater Abraham und seine Frau wanderten nach Kasachstan aus. Sie selbst folgte ihnen mit sieben Jahren, besuchte in der Region Dschambul, nahe der kirgisisch-kasachischen Grenze, die russische Schule. Dort sprach man Russisch, auf der Straße mit Freunden Kasachisch, zu Hause Deutsch. Sie war gut in Mathe, doch für ein Informatikstudium reichte es 1976 nicht. „Als Frau mit dem jüdischen Vater-Nachnamen Abramova hatte ich keine Chance.“ Sie ging zurück nach Sibirien, lernte Näherin und studierte in Omsk Betriebswirtschaftslehre.
Als der Eiserne Vorhang fiel, taten sich für sie und ihre zwei Kinder Chancen auf. 1992 kam Buchmüller als Aussiedlerin nach Deutschland. „Ich wollte immer ‚zurück‘. Ich fühlte mich jüdisch und deutsch, ich spürte, dass ich hierher gehörte.“ Elf Angehörige hatte Stalin ermordet, Deutsch war auch in den Straßen Kasachstans noch verboten. „All das ist in unserem Familiengedächtnis erhalten, vielleicht kommt die Sehnsucht von da.“
Dass ihre Familiensprache Deutsch war, war auch Verpflichtung. Nach sieben Jahren als Näherin beim Einrichtungshaus Segmüller bekam Buchmüller mit, wie es zwischen Verwaltung, Augsburgern und der Aussiedler-Community knirschte: „Ich merkte auch, dass manche in merkwürdige christliche, auch landsmannschaftliche Sekten abdrifteten. Dagegen wollte ich etwas tun.“
Als Seelsorgerin betreut sie auch Straffällige
Mit Hilfe der Caritas und des damaligen Sozialreferenten Konrad Hummel gründete sie 2004 das russische Sorgentelefon. „Eine Woche später hatte ich 22 Leute beisammen.“ Das Projekt „Smena“ läuft bis heute, hier können russisch- und ukrainischsprachige Augsburger anrufen, manchmal sind auch finanzielle Hilfen möglich. Eine Pionierleistung, die in so heterogenen Gesellschaften wie der Augsburger für Konfliktvermeidung sorgen kann. Als Seelsorgerin betreute Buchmüller zudem Straffällige. All das vereinte sie 2005 unter dem Dach des Christlichen Integrationszentrums. Nach einer Schulung durch das evangelische Dekanat konnte sie sogar Taufen durchführen. Im letzten Jahr, berichtet Buchmüller, habe sie sieben Juden in einem See bei Augsburg taufen dürfen. Sie gehörten der messianischen Bewegung an. Ungewöhnlich findet sie das nicht. „Ich fühle mich durch meine Oma auch dem jüdischen Glauben verbunden. Warum sollten nicht Juden auch an Jesus glauben können?“
Neben Deutschkursen, Puppentheater, Kreativgruppen, Übersetzungsdiensten und Lohnsteuerhilfe gehört auch das neue Projekt „Herzensdienste“ zum Zentrum – ein Angebot für bedürftige und kranke Klienten: Rasenmähen, Gardinenwaschen, kleinere Reparaturen. Jetzt hat sie die Vereinsführung abgegeben und ist in die zweite Reihe zurückgetreten. „Sozialberatung und Seelsorge werde ich aber weiter machen.“ Und wie steckt sie das weg, die vielen Geschichten, Dramen, traurigen Lebensläufe? „Es gibt da einen Rucksack, da sind diese Geschichten drin. 90 Prozent seines Gewichts kann ich abends ablegen. Für den Rest bete ich viel.“
Das ist unsere Silberdistel
Auszeichnung: Mit der Silberdistel ehrt unsere Redaktion seit vielen Jahren Menschen aus der Region für ihr besonderes bürgerschaftliches Engagement.
Handwerk: Der Preis besteht aus einer Urkunde und einer kunstvoll in Silber gearbeiteten Distelblüte, die eigens in der „Alten Silberschmiede“ in Augsburg angefertigt wurde.
Vorschläge: Jede Leserin und jeder Leser kann Vorschläge für unsere Auszeichnung machen. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner finden sich in unseren Lokalredaktionen.
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